Frauen- und Geschlechtergeschichte im Ruhrgebiet

Magdalena Drexl, Iris Grötecke, Dagmar Kift

Knapp zwei Drittel der etwa 1000 Titel unserer Liste beschäftigen sich epochenübergreifend mit der Geschichte der Frauen in den Städten (oder einzelnen Stadtteilen) der Region. Es sind Monographien, Themenhefte lokaler Geschichtsvereine, Sammelbände oder Einzelaufsätze, häufig das Ergebnis von Frauen-Geschichtswerkstätten und VHS-Kursen oder von Arbeitsgruppen, die einzelne Gleichstellungsbeauftragte initiiert hatten. An den Universitäten waren es oft Arbeitskreise junger Wissenschaftlerinnen, die die Aufmerksamkeit auf die Rolle einzelner Frauen in der Vergangenheit lenkten und deren Potential zur Gestaltung von historischen Verhältnissen betonten. Biographien, Porträts und lebensgeschichtliche Erinnerungen von Frauen – teils im Umfeld der neuen Stadtgeschichten entstanden, teils unabhängig davon – bilden daher einen weiteren großen Schwerpunkt der Frauengeschichtsschreibung im Ruhrgebiet. Sie liefern gleichzeitig weibliche Rollenvorbilder, an denen es zuvor gemangelt hatte.

Aus dem Zeitraum des Mittelalters zogen besonders diejenigen Frauen das Interesse der Forschung auf sich, die durch ihre Leitung eines Stifts oder Klosters oder durch ihre religiös motivierten Schenkungen und Stiftungen Dokumente und gegenständliche Quellen hinterlassen hatten. Die Erforschung dieser Zeugnisse konnte die aktive Einflussnahme von Frauen auf eigene und fremde Lebensverhältnisse sichtbar machen. Im Vordergrund stehen bislang – mit zeitlich wechselnden Gewichtungen – vor allem die Stiftsdamen in Essen, die Nonnen rheinischer und westfälischer Klöster sowie die Beginen in den Städten und damit vor allem Frauen mit religiös geprägten Lebensformen. Für das späte Mittelalter kommen auch stadtbürgerliche Frauen hinzu. Die nicht minder wichtigen Gruppen der weiblichen Adeligen, die städtischen Unterschicht- und Randgruppen und die weibliche bäuerliche Schicht sind dagegen bislang noch kaum erforscht. Mehr zum Mittelalter ...

Auch innerhalb der Frühneuzeitforschung nehmen die Sozialgeschichte und der Alltag der Essener Äbtissinnen und Stiftsfrauen einen großen Raum ein. Die der Hexerei angeklagten Frauen sind eine weitere Gruppe, die große Beachtung erfuhr. Ihre Verfolgung, die in Wellen stattfand, wird zumeist mit wirtschaftlichen Krisensituationen erklärt. Außerdem wurde der Umgang mit der weiblichen und männlichen Ehre innerhalb von Beleidigungsprozessen vor westfälischen Gerichten ausführlich untersucht. Innerhalb der Adelsforschung ließe sich aufgrund der überlieferten Quellen der Einfluss von Frauen auf Politik und Repräsentation deutlicher herausarbeiten. Untersuchungen zum Schulwesen für Mädchen und Jungen sind zwar verstreut vorhanden, allerdings fehlt ein systematischer Zugang. Forschungsdefizite bestehen darüber hinaus in der Aufarbeitung der gesellschaftlichen Rolle von Frauen im Handwerk, als Unternehmerinnen und im städtischen Bürgertum. Mehr zur frühen Neuzeit ...

Für das 19. und 20. Jahrhundert dominieren – in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit – die Gruppen der Künstlerinnen, Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen. Ihnen folgen die Unternehmerinnen sowie aus der Arbeiterschaft vor allem die Bergarbeiterfrauen. Mit diesen Gruppen nehmen auch die Themen „soziale Bewegungen“ und „Arbeit“ einen großen Raum ein, womit die Frauengeschichtsschreibung des Ruhrgebiets die Trends der allgemeinen Sozial- und Frauengeschichte wiederspiegelt. In den 1980er und 90er Jahren gerieten Jüdinnen und Zwangsarbeiterinnen verstärkt ins Blickfeld. Dies geschah im Zuge der intensivierten historischen Auseinandersetzung erst mit dem Nationalsozialismus, dann im Rahmen der gesellschaftlichen Debatte um die Entschädigung von Zwangsarbeitern. Deutlich unterrepräsentiert sind die Migrantinnen, mit denen sich bislang eher die SoziologInnen als die HistorikerInnen befasst haben, die Heimarbeiterinnen, die Arbeiterinnen und Angestellten in der Stahlindustrie sowie die Angestellten und Führungskräfte im Dienstleistungssektor. Mehr zum 19. und 20. Jahrhundert ...

Derzeit verlagert sich die Perspektive von der Erforschung einzelner Frauen oder Gruppen und ihrer Existenzbedingungen stärker darauf, die Verflechtung weiblicher Lebensentwürfe mit den gesellschaftlichen und kulturellen Umgebungsbedingungen zu rekonstruieren. Hier partizipiert die Frauenforschung an einem seit den 80er Jahren zu beobachtenden allgemeinen Trend zur interdiszipliniären Zusammenarbeit, die insbesondere in den älteren Epochen auf eine gegenseitige Rezeption der Auswertung unterschiedlicher Quellen angewiesen ist. Auf diese Weise werden sowohl symbolische Repräsentationen als auch konkrete Handlungs- und Entscheidungsspielräume sichtbar gemacht, die die Frauen unter Umständen auch gegen bestehende Normen für ihre aktive Gestaltung genutzt haben.

Wie sich Weiblichkeit im heutigen Ruhrgebiet konstituiert und verändert hat – darüber wissen wir gleichwohl recht wenig. Und schließlich steht auch eine geschlechtergeschichtliche Neubewertung der an sich sehr gut dokumentierten Geschichte der Männer in dieser Montanregion noch aus. Wir hoffen, mit diesem Literaturbericht zu weiteren Forschungen anzuregen.

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