Amalia von der Pfalz , 1539-1609

Fundierte 1600 eine Kirche, die heute als ältester frühbarocker Kirchenbau am Niederrhein und als älteste reformierte Pfarrkirche in Deutschland gilt

Als Amalia von der Pfalz im Jahre 1539 in Alpen geboren wurde, umfasste die Herrschaft Alpen um die 800 Personen.

An der Seite ihres ersten Ehemannes, Heinrich von Brederode, betrat sie in der Oppositionsbewegung gegen die Habsburger in den Niederlanden die Bühne der Weltpolitik, die ihr Leben von nun an bestimmte. Heinrich von Brederode organisierte 1565 den niederländischen Aufstand gegen die habsburgische Zentralisierungs-, Steuer- und Inquisitionspolitik unter der Generalstatthalterin Margarete von Parma. Amalia unterstützte ihn darin. Nach einer ersten Niederschlagung der Oppositionsbewegung durch Herzog Alba floh sie an seiner Seite, als Bäuerin verkleidet, aus dem niederländischen Vianen. Von der Horneburg im Vest Recklinghausen aus knüpften sie Verbindungen zu Emigranten, sicherten Loyalitäten, und versuchten, Amalias Brautschatz für ein erneutes militärisches Vorgehen der Freiheitsbewegung nutzbar zu machen. Auf der Horneburg verstarb Heinrich von Brederode im Jahre 1568 eines natürlichen Todes. Ein Zeitgenosse berichtete über die Ehe: "Heinrich liebte Amalia so sehr, dass er jeden ihrer Wünsche erfüllt hätte, wenn er dazu nur die Macht gehabt hätte." Heinrich kaufte Amalia deutschsprachiger Bücher, baute ihr ein Sommerschloss und in seinen drei Testamenten sicherte er sie weitsichtig finanziell für den Witwenstand ab.

Aus freiem Willen ging Amalia bereits 1569 die konfessionspolitisch angebahnte Ehe mit dem 24 Jahre älteren, verwitweten Kurfürsten Friedrich III von der Pfalz, einem der sieben Reichsfürsten, ein. Amalia stieg mit dem Ehebündnis zur ranghöchsten Fürstin nach der Kaiserin auf. In dieser Verbindung blieb ihr reformierter Glauben unangetastet. Die kurfürstliche Unterstützung der Niederlande und Oranien-Nassaus sowie die Aufnahme zahlreicher Glaubensflüchtlinge aus Flandern und den wallonischen Sprachgebieten der Rheinpfalz führten ihre politischen Ziele weiter. Die Ehe war reichspolitisch eine deutliche politische Demonstration, die die Hinwendung der Pfalz zu den Protestanten Westeuropas signalisierte und später in die antihabsburgische Unionspolitik münden sollte.

Amalias zweite Ehe mit dem Kurfürsten Friedrich als Typus des patriarchalen christlichen Führers der Frühen Neuzeit war von gegenseitiger Anerkennung und großen Übereinstimmungen in politischen, gesellschaftlichen und religiösen Bereichen getragen, wie aus Briefwechseln der Ehepartner hervorgeht. Auch sie blieb kinderlos. Nach sieben Ehejahren verstarb 1576 Friedrich.

Für Amalia begann ein neuer Lebensabschnitt, der ihr als Witwe eine gewisse Unabhängigkeit brachte. Ihr Lebensweg blieb eng mit der konfessionellen Bündnispolitik, den kriegführenden Parteien in den Auseinandersetzungen um die Niederlande und der Reichspolitik verbunden. Von 1592 an korrespondierte Amalia über viele Jahre mit Christian I. von Anhalt, einem der bedeutendsten Staatsmänner jener Zeit. In diesem Briefwechsel zeigte sie sich als kenntnisreiche Analytikerin der politisch-militärischen Lage am Niederrhein und im Reich.  

Finanzielle Möglichkeiten ermöglichten ihr eine standesgemäße Hofhaltung. Als sich die Gelegenheit bot, übernahm sie von Oranien gestützt als souveräne Fürstin 1582 die Herrschaft über Vianen, die ihr aus der Ehe mit Heinrich von Brenderode zustand. Nach der Ermordung Wilhelms von Oranien entschied sie sich 1588 auch wegen erbrechtlicher Auseinandersetzungen jedoch zum Verzicht auf die Herrschaft. 1589 kehrte sie nach Lohrbach auf ihren Witwensitz zurück. Hier wirkte sie als geschätzte Erzieherin von anvertrauten Fürstenkindern.

Als es Moritz von Oranien 1597 gelang, das Gebiet von Lingen bis Moers zurück zu erobern, handelte Amalia "fryheit für schloss und stetgen und frieden zu Alpen" aus, ein Neutralitätsabkommen, das der Herrschaft Alpen eine Zeit der Konsolidierung brachte. Am 16. Juni 1600 trat sie als souveräne Landesherrin die Regierung in Alpen an. Ihr Leitspruch lautete: "Das gantze wolfaren der gemeinten [ist] princieplich am Haupte gelegen", eine Selbstverpflichtung, der sie sich umsichtig unterwarf:  Sie erließ eine landesherrliche Ordnung, die für das 16. Jahrhundert im Grundtenor von einer freiheitlichen Gesinnung getragen wurde. Sie sorgte für die Wiederaufnahme des Schulunterrichts und machte die Gegenreformation rückgängig. Vor allem plante sie die Errichtung einer reformierten Pfarrkirche in Alpen.

Nur kurz währte ihre Regentschaft. Am 20. April 1602 verstarb Kurfürstin Amalia eines natürlichen Todes in Alpen. Ihr Schwager erfüllte ihren letzten Willen und verpflichtete den fürstlichen Baumeister von Kleve-Jülich-Berg, Johann von Pasqualini, mit dem Bau einer Kirche und der Errichtung eines Marmorepitaphs, der ihre Leistungen würdigt.

Zeitgenossen lobten nicht nur die Schönheit der Kurfürstin, sondern auch ihre Charaktereigenschaften: tugendhaft, redlich, von edlem Charakter und beherztem Auftreten, vernünftig, schicklich, aufrichtig sei sie gewesen und sie habe sich fürsorglich um ihre Untertanen bemüht. Vor allem ihre religiöse Haltung – "ein gahr from gottforchtig stattlich weyb" – wurde gerühmt. Frauen galten in den emblematischen Darstellungen der Zeit grundsätzlich entweder von Grund auf verdorben oder durch und durch gut. Aber angesichts Amalias Position in den konfessionspolitischen Netzwerken verwundert dieses Lob nicht. Sie selber interpretierte sich und die Welt im Rahmen eines calvinistischen Weltbildes, in dem Gott die Geschicke der Menschen lenkt. So hoffte sie auch, dass der almechtlich got sich in die Friedensbemühungen für die Region einmischen würde. Politische Gestaltungsmöglichkeiten wuchsen ihr aus Beziehungen zwischen Herkunftsfamilie und Eheverbindungen zu. Als Witwe, der beweglichsten weiblichen Lebensform im 16. Jahrhundert, konnte Amalia von der Pfalz als souveräne Fürstin Politik gestalten.

Uta C. Schmidt/ FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.

Orte:

Burgstraße 43a, 46519 Alpen

Literatur:

Daebel, Joachim, Kurfürstin Amalia von der Pfalz und ihre Kirche zu Alpen 1604-2004, Regensburg 2004.