Erna David, 1904-1992

Fürsorgerin

Erna David wurde 1904 in Dortmund-Kley als Tochter des Bergmanns Hermann David geboren. Sie besuchte die Volksschule im nahen Eichlinghofen und verließ diese mit 14 Jahren nach den üblichen acht Schuljahren im Frühjahr 1918. Im selben Jahr schloss sie sich der Arbeiterjugendbewegung an. Nach dem Ersten Weltkrieg expandierte der Dienstleistungsbereich, und immer mehr Frauen fanden in dieser Branche Beschäftigung. Auch Erna David erhielt in Dortmund eine Anstellung als Kontoristin bei einer Buchdruckerei, bei der sie einfache Büroarbeiten erledigte. Nach drei Jahren verließ sie den Betrieb auf eigenen Wunsch, um sich 1924 sozialdemokratischen Organisationsarbeiten zuzuwenden, für die sie sich autodidaktisch und durch Kurse vorbereitet hatte. Im Sozialdemokratischen Verein für den Wahlkreis Dortmund-Hörde war Erna David als Hilfssekretärin tätig, verließ aber auch diese Stellung nach einem Jahr, um sich, mit 21 Jahren mittlerweile volljährig, in Wohlau (Niederschlesien) zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Dass sie für die Ausbildung nach Schlesien ging und nicht in Dortmund blieb, könnte mit der generell in dieser Zeit einsetzenden Abwanderungsbewegung zusammenhängen. Viele verließen das Ruhrgebiet, da es u.a. durch den passiven Widerstand während der Ruhrbesetzung durch die Franzosen im Jahr 1923 zu einer hohen Erwerbslosigkeit gekommen war. Auch die sich abzeichnende Krise im Ruhrkohlenbergbau mit Zechenschließungen und Massenentlassungen sowie die extreme Wohnungsnot veranlasste zahlreiche Menschen, dem Revier den Rücken zu kehren. 1927 legte Erna David in Wohlau das staatliche Examen zur Krankenpflegerin ab.

 

Von Schlesien verschlug es Erna David nach Berlin, wo sie zunächst als Krankenschwester in Neukölln arbeitete und ab Oktober 1929 für zwei Jahre die Wohlfahrtsschule der Arbeiterwohlfahrt (AWO) besuchte. Dieser Verband war im Dezember 1919 von Marie Juchacz, eine von 37 Frauen in der Weimarer Nationalversammlung (und die erste weiblich Rednerin im Parlament) gegründet worden. Während ihrer Zeit bei der Wohlfahrtsschule war Erna David als Geschäftsführerin der Abteilung Lotterie im Büro des Bezirksausschusses der AWO Berlin tätig. Im September 1931 legte sie ihre staatliche Abschlussprüfung als Wohlfahrtspflegerin mit dem Hauptfach Gesundheitsfürsorge ab. Um die staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspflegerin zu erlangen, musste sie eine einjährige praktische Tätigkeit in hauptamtlicher wohlfahrtspflegerischer Arbeit nachweisen. Zur Jahreswende 1931/32, als sich die verheerenden sozialen Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auch in der Reichshauptstadt weiter verschärft hatten, übernahm Erna David die Leitung der Bezirkswinterhilfe in Neukölln. Im Januar 1933, eine Woche vor der Machtübernahme durch Adolf Hitler und die NSDAP, reichte sie schließlich den Antrag auf die Erteilung der staatlichen Anerkennung als Wohlfahrtspflegerin ein. Bereits im Februar wurde dieser Antrag zurückgewiesen, da die von ihr bisher ausgeübten Tätigkeiten „nicht auf einem umfassenden Gebiet der Gesundheitsfürsorge“ gelegen, sondern „vielmehr vorwiegend der wirtschaftlichen Betreuung hilfsbedürftiger Personen“ gedient hätten. Um die staatliche Anerkennung dennoch zu erlangen, musste sich Erna David in Form eines Aufnahmeantrags an den Reichsminister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung wenden. Dieser genehmigte dann drei Jahre (!) später im Frühsommer 1936 die staatliche Anerkennung als Volkspflegerin (Sozialarbeiterin).

Während der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Behörde, wurde Erna David, die zu dieser Zeit als Angestellte in der öffentlichen Verwaltung im Bezirksamt Neukölln arbeitete, im März 1933 im Zuge der unverhohlen als „Säuberung“ bezeichneten Entlassung „nichtarischer“ bzw. nicht regimetreuer Personen des öffentlichen Lebens von der Stadt Berlin gekündigt. Im Kündigungsschreiben war von „Rücksicht auf den von der Reichsregierung vertretenen Standpunkt, dass Fremdständige in der öffentlichen Verwaltung nicht zu beschäftigen sind“, die Rede. Die Nationalsozialisten hatten vermutlich hinter dem für sie alarmierend klingenden Nachnamen eine Person jüdischer Herkunft vermutet. Doch dieser Irrtum schien sich bald aufgeklärt zu haben, denn es ist überliefert, dass Erna David von 1932-1945 beim Gesundheitsamt Neukölln als Fürsorgerin beschäftigt war.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog es die inzwischen 42-jährige Erna David zurück ins Ruhrgebiet. Sie wollte in ihrer Heimatstadt Dortmund arbeiten, wo in den ersten Nachkriegsjahren – ebenso wie im übrigen Deutschland – die Bevölkerung um ihr Überleben kämpfen musste. Erna David engagierte sich beim Wiederaufbau der AWO in der stark zerstörten Ruhrgebietsstadt. Von 1946 bis 1967 war sie geschäftsführende Vorsitzende des dortigen Bezirksausschusses Westfalen-West der AWO, einer der ersten im Nachkriegsdeutschland. In den darauf folgenden zwei Jahren war sie Geschäftsführerin des Kreisverbandes der Wohlfahrtseinrichtung in ihrer Heimatstadt. Im Frühjahr 1969 wurde Erna David pensioniert, blieb jedoch Ehrenmitglied des Vorstandes des Kreisverbandes der AWO in Dortmund. 1979 erhielt Erna David die Marie-Juchacz-Plakette. Diese höchste Auszeichnung der Arbeiterwohlfahrt und wird an die Mitglieder verliehen, die besonderes Engagement für den Verein gezeigt haben und politisch für die Belange der AWO einstanden. Zehn Jahre später konnte die inzwischen 85-jährige Erna David noch miterleben, wie ein AWO-Seniorenzentrum in Dortmund-Brünninghausen nach ihr benannt wurde. Erna David starb drei Jahre später am 19. Mai 1992 in Dortmund.

Die bisher eher unbekannte Erna David hatte sich zeitlebens der Fürsorge ihrer Mitmenschen verschrieben. Sie ging selbstbewusst ihren Weg im Ruhrgebiet in den ersten Jahren der Weimarer Republik, bekam die Schikanen und den Terror des Hitler-Regimes während ihrer Zeit in der Reichshauptstadt Berlin unmittelbar zu spüren und half nach 1945, ihre Heimatstadt Dortmund wieder aufzubauen. Erna David ist nicht nur mit dem Wiederaufbau der Arbeiterwohlfahrt nach 1945 in Dortmund, sondern auch mit dem Sozialwesen ihrer Heimatstadt insgesamt eng verbunden.

Nadine Kruppa/ Bochum

Orte:

Erna-David-Seniorenzentrum, Mergelteichstraße 27-35, 44225 Dortmund