Von der gefährlichen Arbeit unter Tage. Männer- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven einer Geschichte des Ruhrgebiets

Ein Blick in die Historiografie zum Ruhrgebiet, vor allem zu seiner Geschichte in Industrialisierung und Moderne, verrät schnell: Hier wurde eine Geschichte geschrieben, die fast immer selbstredend eine Geschichte der im Ruhrgebiet agierenden Männer war. In Klaus Tenfeldes umfassendem Band zur Sozialgeschichte des Bergbaus aus dem Jahr 1989 etwa, in der in insgesamt 68 Einzelbeiträgen nicht nur die Sozialgeschichte des Bergbaus im Ruhrgebiet, sondern in globalgeschichtlicher Perspektive die des Bergbaus schlechthin erzählt wurde, wimmelt es geradezu von männlichen Arbeitern.1 Geschlechtergeschichtliche Perspektiven werden hier nur am Rande in die Betrachtung mit einbezogen: Mit der Sozial- und Technikhistorikerin Cynthia Gay Bindocci widmet sich eine der ohnehin wenigen Frauen, die im Band von Tenfelde veröffentlichen, der Rolle von Frauen im Anthrazit- und Fettkohlentagebau in den USA um 1900, Joël Michel immerhin wendet sich Bergarbeiterkommunen und Patriarchalismus in Westeuropa vor 1914 zu.2 Auch in Werner Abelshausers umfassender Darstellung Der Ruhrkohlenbergbau seit 1945 aus dem Jahr 1984 tauchen Bergarbeiter selbstredend als unhinterfragte Repräsentanten der Arbeitswelt im Ruhrgebiet auf; hier ist insbesondere von ihrer „körperlich harten, verantwortungsvollen und gefährlichen Arbeit Untertage“ die Rede.3 Der Zusammenhang von Arbeit, Geschlecht und Körper und dessen Verhältnis zu den ebenso sozial konstruierten Kategorien der Gefährlichkeit und Verantwortung wird in der Studie von Abelshauser nicht weiter aufgeschlüsselt.

Es mag unfair erscheinen, Studien, die mehr als 20 Jahre alt sind, an Maßstäben aktueller Männlichkeiten- und Geschlechtergeschichte zu messen. Dennoch ist auffällig, dass sich die Historiografie des Ruhrgebietes in besonders hartnäckiger Form als eben jene his-story behauptet, gegen die die Frauen- und später auch die Geschlechtergeschichte spätestens seit Beginn der 1990er Jahre erfolgreich angeschrieben hat. Insbesondere die Frauengeschichte, später dann die Geschlechtergeschichte, haben aufgezeigt, dass gerade auch Frauen zentrale Akteurinnen im Ruhrgebiet waren und dass die Kategorie Geschlecht eine ausgesprochen hilfreiche Analysekategorie zum Schreiben einer Geschichte des Ruhrgebiets ist. Die im Rahmen dieses Literaturberichts vorgelegten Beträge von Dagmar Kift und Julia Paulus geben über diese Entwicklung ausführlich Auskunft.

Mittlerweile hat sich Männergeschichte jedoch von eben jener unreflektierten his-story zu einer Männlichkeitengeschichte gewandelt, die Männer nicht selbstredend als das Allgemein-Menschliche begreift, sondern als vergeschlechtlichte Wesen, deren geschlechtliche Identitäten ebenso konstruiert sind wie die von Frauen. Insbesondere erhebt eine solche „neue“ Männlichkeitengeschichte den Anspruch, Geschlecht als eine mehrfach relationale Kategorie zu begreifen: Männlichkeit wurde in der Geschichte sowohl in Abgrenzung zu Weiblichkeit als auch in Relation zu den Referenzkategorien von Ethnie/race und sozialer Herkunft/class ausgehandelt. Männlichkeit soll als Kategorie, so der Anspruch, in (fast) allen Bereichen historischen Lebens analysiert werden: Sie wirkt in den Sphären von privat und öffentlich, hat Einfluss auf den Entwurf von Selbstbildern und von Fremdzuschreibungen, durchzieht die gesellschaftlichen Makrostrukturen genauso wie die Ebenen der Identität und der symbolischen Repräsentation und öffnet sich auf diese Weise den Ansprüchen der Intersectionality Studies.

Kaum eine andere historische Region als das Ruhrgebiet eignet sich vor dem Hintergrund einer solchen Konzeption von Männlichkeitsgeschichte dazu, diesen relationalen und intersektionellen Ansprüchen gerecht zu werden. Männlichkeitengeschichte erscheint hier als ein besonders üppig zu beackerndes Areal:

  • Charakteristika und Transformationen von Arbeit lassen sich an einer Geschichte des Ruhrgebiets besonders gut darstellen. Arbeit, die „im Zentrum moderner Gesellschaften steht“ (Thomas Welskopp), war immer auch geschlechtlich kodiert. Vor allem über den Faktor der Erwerbsarbeit wurde entschieden, was männlich war und was nicht.4
  • Durch die Verteilung und materielle Bewertung von Arbeit wurden (und werden) materielle soziale Ungleichheiten hergestellt. Die Relationalität von class und gender bei der Herstellung von Männlichkeit kann in der Geschichte des Ruhrgebiets daher besonders prägnant studiert werden.
  • Zwar gab es im Ruhrgebiet nach 1945 eben auch jene Söhne ohne Väter, dessen historische Erfahrungen insbesondere Hermann Schulz, Hartmut Radebold und Jürgen Reulecke aufgearbeitet haben.5 Von der Geschichtswissenschaft bisher unbeachtet sind jedoch eben jene Väter geblieben, die aufgrund ihrer Tätigkeit in so genannten kriegswichtigen Industrien während des Zweiten Weltkriegs nicht an der militärischen Front, sondern in den Kohlegruben des Ruhrgebiets „dienten“. Welches Männlichkeitsbild hier generiert wurde, könnte zu einer wichtigen Frage einer Männlichkeitengeschichte des Ruhrgebietes werden.
  • Daran anknüpfend kann in den Blick geraten, ob sich das Leitbild eines männlichen Arbeiters im Ruhrgebiet gegenüber Vorstellungen einer militärischen Männlichkeit, wie sie ansonsten dominant zu seien schien (zumindest wird eine solche Vorstellung in der Männlichkeitengeschichte landauf, landab reproduziert), durchsetzen konnte: War die Figur des männlichen Arbeiters ein Leitbild bei der Produktion von hegemonialer Männlichkeit im Ruhrgebiet? In welchem Verhältnis standen militärische und arbeitende Männlichkeit im Ruhrgebiet zueinander? Welche Männlichkeitskonstrukte wurde auf diese Weise marginalisiert? Welche Konzepte von Weiblichkeit wurden relational zum männlichen Arbeiter ausgehandelt?
  • Auch erscheint das Ruhrgebiet als ein Land der tausend Derbys (Hartmut Hering), als eine Region also, in der Männlichkeit über den Fußballsport ausgetragen wurde.6 Hier kann in den Blick geraten, wie Männlichkeiten im Fußball als einer populärkulturellen Repräsentation von Arbeiter- und Freizeitkultur hergestellt wurden.
  • Zudem ist das Ruhrgebiet ein besonderer Raum von Migrationsbewegungen. Sozialisationserfahrungen von migrierenden Polinnen und Polen hat z.B. Ralf Karl Oenning in historischer Perspektive betrachtet.7 Das Ruhrgebiet war also ein Ort, an dem Männlichkeit in Relationalität zu den Kategorien der Ethnie bzw. von race ausgehandelt wurde. Da es sich bei den Migrationsbewegungen in das Ruhrgebiet fast immer um Arbeitsmigration gehandelt hat, muss bei einer Analyse solcher Prozesse die Relevanz der Kategorie class stets mitbedacht werden.
  • Schließlich wird die Geschichte des Bergarbeiters als der hegemonialen männlichen Arbeiterfigur im Ruhrgebiet fast immer durch die Bildsprache eines mit schwarzem Kohlenstaub ‚verschmutzen‘ (und auf diese Weise geadelten) Mannes erzählt. Klaus Tenfeldes umfassender Band zur Sozialgeschichte des Bergbaus, von dem zu Beginn des Berichtes bereits die Rede war, wartet als Umschlagabbildung mit dem Motiv „Bergleute nach der Schicht mit ‚Mutterklötzchen‘“ auf, und verleiht dem kohlenstaubverschmutzen Ruhrgebiets-Mann auf diese Weise sogar sinnbildenden Charakter für die Sozialgeschichte des Bergbaus schlechthin. Eine solche visuelle Repräsentation von Geschlecht und Arbeit könnte – unter Anlehnung an die critical whiteness studies – viel genauer auf ihre Wirkungsmächtigkeit und ihren geschlechtlichen Charakter hin untersucht werden.

Die hier nur kurz skizzierten Perspektiven zeigen, dass es ein reizvolles Vorhaben ist, eine Männlichkeits-Geschichte des Ruhrgebiets zu schreiben, die sowohl der historischen Komplexität der Region Ruhrgebiet Rechnung trägt als auch aufzeigt, wie die neue Männlichkeitsgeschichte tatsächlich arbeitet, indem Männlichkeit hier als ein tatsächlich mehrfach relationales Phänomen verstanden und interpretiert wird. Stattdessen scheint gegenseitige Ignoranz vorzuherrschen: Die Männlichkeitengeschichte hat das Ruhrgebiet noch nicht als ein eigenes Analysegebiet entdeckt, und auch die bisherigen sozialgeschichtlichen Arbeiten zum Ruhrgebiet sparen den Aspekt der Männlichkeit fast immer aus.

Wenn in diesem Bericht Berührungspunkte zwischen bisherigen Arbeiten und einer männlichkeiten-orientierten Sicht auf das Ruhrgebiet ausgelotet werden sollen, so kann es zum einen darum gehen aufzuzeigen, welche inhaltlichen Bausteine für eine solche Fragestellung bereits in sozial- und geschlechtergeschichtlichen Arbeiten grundgelegt sind. Es soll aber auch eine andere Denkrichtung verfolgt werden: Welche Themen, die in der bisherigen Männlichkeitengeschichte bereits erschlossen sind, könnten produktiv auf das Ruhrgebiet angewendet werden?

Eines der zentralen Themen der Historiografie des Ruhrgebiets ist die Geschichte der organisierten Arbeiterschaft, die sich etwa in Gewerkschaften oder den Arbeiterparteien zusammenfand. Hier hat sich die klassische Politikgeschichte eines sozialpolitischen Themas angenommen und aufgezeigt, wie eine politische Integration der Arbeiterschaft stattgefunden hat. Der Sozialwissenschaftler Stefan Goch hat dazu mit seiner Studie Sozialdemokratische Arbeiterbewegung und Arbeiterkultur im Ruhrgebiet eine umfassende Arbeit vorgelegt, in der er unter Anwendung des Begriffs der Arbeiterkultur eine Mikrogeschichte der organisierten Arbeiterschaft schreibt.8 Goch nimmt dabei insbesondere in den Blick, wie die organisierte Arbeiterschaft den politischen Wandlungen im 19. und 20. Jahrhundert begegnet ist, ob sie Agentin oder Getriebene dieses Wandels war und welche Transformationsprozesse vor allem in der sozialdemokratischen Kultur zu beobachten waren. Gleich zu Beginn seiner Darstellung wartet der Autor mit einer fotografischen Bilddarstellung aus dem Jahr 1932 auf, einem „Totentanz“9 , mit dem die Sozialistische Arbeiterjugend Gelsenkirchen ihrer Opfer der Novemberrevolution 1918 gedachte. Einem männergeschichtlich geschulten Auge fällt dabei zuerst die körperliche Inszenierung von Männlichkeit auf, denn die Fotografie zeigt muskulöse Männer mit nackten Oberkörpern, die als Märtyrer der Arbeiterbewegung inszeniert werden: Körperliche Virilität und politische Opferrolle gehen hier Hand in Hand. Ähnlich wie bei Repräsentationen von schwarzer Kohlenstaub-Männlichkeit, wie sie in der hegemonialen Figur des Grubenarbeiters sichtbar werden, entzieht sich eine solche symbolische Repräsentation den klassisch-dichotomen Denkmustern, mit denen die Männlichkeitengeschichte allzu oft arbeitet. Symbolische Repräsentationen von Männlichkeit scheinen, das zumindest zeigt dieses Beispiel, eine bedeutende Rolle in der politischen Kultur der organisierten Arbeiterbewegung gespielt zu haben.

Dass dabei vor allem der sozialdemokratische Arbeiter ein „political man“ war, hat der Historiker Thomas Welskopp gezeigt, der in seinem Beitrag The political man: the construction of masculinity in the German Social Democracy, 1848-78, explizit Formen von Männlichkeit in der deutschen Sozialdemokratie nachgeht.10 Er arbeitet in diesem Zusammenhang insbesondere heraus, dass es kaum gelingen kann, von einem festen und greifbaren Konzept einer Arbeitermännlichkeit zu sprechen. Vielmehr, so Welskopp, handele es sich bei den Aushandlungsprozessen von klassenspezifischer Männlichkeit um einen „complicated process of active construction involving and linking many different dimensions“, Arbeitermännlichkeit war in dieser Hinsicht keine „uniform workers‚ masculinity“, sondern Arbeiter haben sich durch „multi-facetted identities“ ausgezeichnet.11 Welskopp konkretisiert seine Überlegungen am Beispiel von Männlichkeiten, die im Rahmen der politischen und kulturellen Sphäre der Sozialdemokratie generiert wurden und macht das sozialdemokratische Milieu auf diese Weise für eine männlichkeitengeschichtliche Analyse nutzbar. Auf das Ruhrgebiet bezogen, müsste bei einer solchen Analyse der Blick geweitet und etwa auch auf Männlichkeitskonzepte der katholischen Arbeiterbewegung und ihrer spezifischen arbeiterkulturellen Angebote gerichtet werden.

Dass sich eine männlichkeitsgeschichtliche Analyse von Arbeiterkultur lohnt, zeigt nicht nur die fotografische Momentaufnahme aus dem Buch von Stefan Goch. Dagmar Kift hat bereits 1992 unter der Überschrift Kirmes – Kneipe – Kino gezeigt, dass Arbeiterkultur als „Gesamtzusammenhang einer schichtenspezifischen Lebensweise“ ein überaus facettenreiches Phänomen ist, das jenseits des bloßen Arbeitsbetriebs hinaus auch und gerade in der Freizeit Sinnangebote macht und auf diese Weise zu einer sozialen Integration beträgt.12 Hier lohnt es sich, die Einzelbeiträge des Bandes unter konsequent männergeschichtlicher Perspektive einer Re-Lektüre zu unterziehen: Wie etwa wurde Männlichkeit in kommerzieller, wie in katholisch-konfessioneller, wie in sozialdemokratischer und wie in kommunistischer Arbeiterkultur ausgehandelt? Waren Kino oder „Animierkneipen“ Orte, an denen aufgrund des einfacheren Zugangs von Männern eben auch Männlichkeit auf besonders signifikante Weise ausgehandelt wurde – und wie entstanden zugleich Weiblichkeiten an diesen Orten der Arbeiterkultur? Vorbilder für eine ruhrgebietszentrierte Analyse von Männlichkeit und Arbeiterkultur könnte neben der Studie von Dagmar Kift zur englischen Music Hall im 19. Jahrhundert vor allem der Band von Andrew Davies über Leisure, gender and poverty. Working-class culture in Salford and Manchester, 1900-1939 aus dem Jahr 1992 sein.13 Davies befragt den komplexen Zusammenhang von Freizeit, Geschlecht und Armut nach den geschlechterkonnotierten besonderen Ausprägungen dieses Konnex. Insbesondere der Aspekt der Arbeitslosigkeit und seine Bedeutung bei der Herstellung von Männlichkeit in Familie und Freizeitkultur wird hier überzeugend analysiert, auch gerät unter der Überschrift Young workers des Aspekt der Generationalität und des Alters in den Blick, mit Streets, markets and parks zudem die räumliche Dimension von Männlichkeit und Arbeiterkultur.

Ein besonderes Thema von Arbeiterkultur ist der Arbeitersport. Als Horst Ueberhorst, Gerhard Hauk u.a. 1989 Arbeitersport und Arbeiterkulturbewegung im Ruhrgebiet untersuchten, gerieten die Männer hier zum Allgemein-Menschlichen, die Frauen zum Additum: So weisen die fünf männlichen Autoren der Studie im Inhaltsverzeichnis (und somit an besonders prominenter Stelle ihrer Studie) aus, dass sie sich unter anderem mit der „Allgemeinen Mitgliederentwicklung“ des Arbeitersports beschäftigen wollen, speziell dann mit der Entwicklung der „weiblichen Mitgliederzahlen“.14 Abgesehen von dieser sprachlichen Ungenauigkeit (Zahlen sind grammatikalisch immer weiblich, gemeint sind hier offenbar Zahlen zu Frauen in Arbeitersportvereinen), wird der Aspekt des Geschlechts in der ansonsten mentalitäts- und alltagsgeschichtlichen Studie primär am Beispiel von sporttreibenden Frauen verdeutlicht. Männlichkeit als explizite Analysekategorie tritt am Rande zu Tage, wenn die Autoren betrachten, auf welche Weise Männer über den Sport der Frauen nachdachten. Dass Arbeitersport ein soziales Arrangement war, in dem eben auch durch männliche Körper in sportlicher Aktion Männlichkeit hergestellt wurde, gerät jedoch nicht explizit zum Gegenstand der Betrachtung. Gleiches gilt hier übrigens für die Kategorie des Alters: Nicht nur Frauen, sondern auch Kinder und Jugendliche geraten zu ‚Anderen‚Äô und erhalten ein eigenes Kapitel im Buch, weil sie eben keine erwachsenen Männer sind. Als kontrastierende Lesart zur Studie von Ueberhorst, Hauk u.a. bietet sich etwa die aktuelle Arbeit von Daniel Wildmann zu nationaljüdischem Turnen in Deutschland gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an, die sich zwar nicht explizit mit dem Ruhrgebiet, stattdessen aber explizit mit der Konstruktion von Männlichkeit durch körperliche Freizeitbetätigungen befasst.15 Eine männlichkeitsgeschichtliche Studie zu Sport im Ruhrgebiet als dem bereits erwähnten Land der tausend Derbys zu schreiben, darf jedoch nicht nur der Sportart des Fußballs Rechnung tragen. Anschlussfähig an bereits veröffentlichte Studien kann eine Sportgeschichte des Ruhrgebiets vor allem dann werden, denn sie etwa die als proletarisch kodierte Sportart des Boxens, den Taubensport oder auch das gesellige Kegeln auf seine identitätsstiftende Funktion hin untersucht und insbesondere in den Blick nimmt, welche Männerbilder diese Sportarten produziert haben.

Eng mit dem Aspekt des Sport mag der Aspekt der Gesundheit zusammenhängen. Gerade hier zeigt sich ein breites Betätigungsfeld für eine Geschichte der Männlichkeiten im Ruhrgebiet. So hat sich Martin Dinges in dem Band Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wandel ca. 1800- ca. 2000 ausführlich mit dem Konnex von Mortalität, Krankheit, Gesundheit und Männlichkeit beschäftigt, hierbei hat insbesondere Susanne Hoffmann unter der Überschrift Erwerbsarbeit – Risiko und Ressource für die Gesundheit von Männern: Sechs Autobiographien aus dem 20. Jahrhundert herausgestellt, wie sich Vorstellungen von männlicher Gesundheit in autobiografischen Texten von v.a. Arbeitern zeigen.16 Männer aus dem Ruhrgebiet sind in ihrer Auswertung nicht dabei, doch wäre es gerade bei ihnen interessant, dem Konnex von Männlichkeit und Gesundheit nachzugehen.

Dass sich insbesondere eine Analyse des Zusammenhangs von race und gender für das Aufdecken von Männlichkeitskonstruktionen innerhalb der Geschichte de Ruhrgebiets lohnt, zeigen Arbeiten von Ludger Heid und Ralf Karl Oenning, wenn auch in diesen Arbeiten nicht explizit über Männlichkeiten reflektiert wird. So zeigt Ludger Heid in seinem Beitrag Arbeit und Alltag ostjüdischer Arbeiter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, wie die Differenzkategorie race vor allen in den Zeiten der Weimarer Republik in der Arbeitspraxis und auch in der Arbeiterkultur wirksam wurde – und dabei gleichermaßen In- und Exklusionsmechanismen bereit hielt.17 Ralf Karl Oenning betrachtet unter der Überschrift ‚ „Du da mitti polnischen Farben…“. Sozialisationserfahrungen von Polen im Ruhrgebiet 1918 bis 1939 Integrations- und Assimilationsprozesse entlang der Kategorie der Ethnie.18 Beide Beiträge zeichnen auf dichte Weise Aspekte von Alltagsgeschichte nach und bieten reichhaltiges Quellenmaterial an. Eine konsequent geschlechter- und männlichkeitshistorische Lektüre ihrer Quellen ließe deutlich werden, dass race und Ethnie gleichzeitig mit Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit korrelierte und auf diese Weise In- und Ausschlussmechanismen verstärken und abschwächen konnte.

Auch das Wohnen im Ruhrgebiet war eine geschlechtlich kodierte Angelegenheit. Michael Zimmermann zum Beispiel hat in seiner Arbeit Schachtanlage und Zechenkolonie Leben, Arbeit und Politik in einer Bergarbeitersiedlung am Beispiel des Recklinghauser Bergarbeiterorts Hochlarmark nachgezeichnet.19 Auf solche bereits bestehende mikrohistorische Studien zum Wohnen im Ruhrgebiet kann aufgebaut und auch sie können im Sinne einer männlichkeitsgeschichtlichen Re-Lektüre auf ihr geschlechtergeschichtliches Potenzial hin befragt werden. Insbesondere Bettina Günter zeigt in ihrer Studie Schonen – Schützen – Scheuern. Zum Wohnalltag von Arbeiterfamilien im Ruhrgebiet in den zwanziger Jahren auf besonders deutliche Weise, dass das Wohnen von Familien im Ruhrgebiet geschlechtliche Sphären schuf, die von Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise genutzt wurden.20 So orientierte sich das männliche Wohnbedürfnis an Freizeit und Konsum, das weibliche hingegen an den Erfordernissen von Hausarbeit und Erziehung. Der männlichkeitsgeschichtliche Bezug der Arbeit, die Dichte der Beschreibung konkreter Wohnverhältnisse und deren präzise Ausdeutung können die Arbeit von Günter zu einer männer- und geschlechtergeschichtlicher Pionierstudie zur Alltagsgeschichte im Ruhrgebiet werden lassen, vor allem deshalb, weil Wohnen, Wohnräume und Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet zu den recht gut erschlossenen Themenfeldern gehören. In dieser Hinsicht sticht auch der Beitrag von Thomas Welskopp zum Leben im Rhythmus der Hütte. Geschlechterbeziehungen in Stahlarbeitergemeinden des Ruhrgebiets und Pennsylvanias, 1890-1920 hervor, dem es gelingt, die bereits von Günter benannte geschlechtliche Kodierung von Lebens- und Wohnräumen in transnational vergleichender Perspektive zu analysieren.21 Hier zeigt sich, dass sich das Ruhrgebiet als Thema historischer Forschung nicht nur für Männlichkeitengeschichte eignet, sondern auch ein vielversprechendes Untersuchungsobjekt für transnationales historisches Forschen darstellt.

Gewohnt wurde zumeist in Familien. Diese Binsenweisheit trifft auch auf Wohnverhältnisse im Ruhrgebiet zu. Karin Hartewig hat in ihrer Arbeit Das unberechenbare Jahrzehnt für den von politischen und sozialen Umbrüchen gekennzeichneten Zeitraum der Jahre 1914 bis 1924 nachgewiesen, dass sozioökonomische und politische Umwälzungen auch nicht vor dem sozialen Verband der Familien halt gemacht haben – und dass die Familie zugleich ein sozialer Ort war, über den soziale Veränderungen abgefedert wurde, über den Wohnverhältnisse organisiert und nicht zuletzt Geschlechter- und Generationenkonflikte ausgetragen wurden.22 Aus männlichkeitshistorischer Sicht ist das Buch von Karin Hartewig gerade deshalb anregend, weil die Autorin die Folgen von Transformationsprozessen insbesondere für männliche Identität zwar nicht immer so explizit darstellt, wie es sich ein Männlichkeitenhistoriker wünschen würde, die geschlechterkonnotierte Bedeutung solcher Prozesse aber stets mitbedenkt.

Auch die Rolle staatlicher Organe kann Gegenstand einer männer- und geschlechtergeschichtlichen Betrachtung des Ruhrgebiets sein. Während es sich etwa bei der Studie Polizei im Industrierevier von Ralph Jessen aus dem Jahr 1991 um eine zwar überaus solide, aber sich des geschlechterkodierten Charakters von polizeilicher Herrschaft nicht explizit annehmender Arbeit handelt, hat Daniel Schmidt in seinem Buch Schützen und Dienen. Polizisten im Ruhrgebiet in Polizei und Diktatur 1919-1939 auf überzeugende Weise gezeigt, wie sich insbesondere durch Toten- und Todeskult, aber auch durch Mythen und Rituale die Polizei als eine soldatisch definierte männliche Dienstgemeinschaft erschuf und welche Rolle Männlichkeitskonstrukte bei einer Radikalisierung von Polizeitätigkeit im Nationalsozialismus hatten.23 Die Studie von Schmidt überzeugt gerade deshalb, weil sie männergeschichtliche Aspekte fast geräuschlos in die historiografische Darstellung integriert und somit der Männlichkeitengeschichte einen selbstverständlichen Platz in der historiografischen Darstellung zuweist.

Die bisherigen Betrachtungen zeigen, dass eine Geschichte des Ruhrgebiets und eine neue Männlichkeitengeschichte eine spannende Symbiose eingehen könnten – wenn man sie lässt. Für die Männlichkeitengeschichte stellt sich das Ruhrgebiet als historische Region als ein wahres Eldorado dar: Die Themen, die hier verhandelt werden, passen genau in die Schnittstellen, an denen die Männlichkeitengeschichte aktiv wird: Arbeit und soziale Ungleichheit, Migration und Integration, Sport und Körper, Wohnen und Familie, Polizei und Gewalt: All das sind Themen, an denen die Männlichkeitengeschichte ihr Profil schärfen, ihr Potenzial verdeutlichen und neue Interpretationsangebote anbieten kann. Gilt das auch umgekehrt? Welchen Nutzen kann eine „allgemeine Geschichte“ des Ruhrgebiets von der Männlichkeitengeschichte haben? Hier wurde deutlich, dass es die Analysen schärfen kann, wenn in den Blick gerät, dass diejenigen, die allzu oft als die selbstverständlich Handelnden angesehen werden, auch in ihrem geschlechtlichen Charakter sichtbar gemacht werden und dass eine „allgemeine Geschichte“ des Ruhrgebiets niemals selbstredend eine Geschichte nur seiner Männer sein darf.

Literaturliste

Martin Lücke

 

  1. Tenfelde, Klaus (Hg.): Sozialgeschichte des Bergbaus im 19. und 20. Jahrhundert, München 1992 (= Beiträge des internationalen Kongresses zur Bergbaugeschichte, Bochum 2.-7.9.1989).
  2. Bindocci, Cynthia Gay: A Comparison of the Roles of Women in Anthracite and Bituminous Mining in Pennsylvania 1900-1020, in: Tenfelde 1992, S. 682-691; Michel, Joël: Mining Communities and Paternalistic Ownership in Western Europe befor 1914, in: Tenfelde 1992, S. 58-84.
  3. Abelshauser, Werner: Der Ruhrkohlenbergbau seit 1945. Wiederaufbau, Krise, Anpassung, München 1984, S. 110.
  4. Welskopp, Thomas: Der Wandel der Arbeitsgesellschaft als Thema der Kulturwissenschaften – Klassen, Professionen und Eliten, in: Jaeger, Friedrich, Burkhard Liebsch, Jörn Rüsen und Jürgen Straub (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Bd. 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart 2004, S. 225-246; ders.: Leben im Rhythmus der Hütte. Geschlechterbeziehungen in Stahlarbeitergemeinden des Ruhrgebiets und Pennsylvanias, 1890-1920, in: Westfälische Forschungen 45.1995, S. 205-241.
  5. Schulz, Hermann, Hartmut Radebold und Jürgen Reulecke: Söhne ohne Väter. Erfahrungen der Kriegsgeneration, Berlin 2004.
  6. Hering, Hartmut (Hg.): Im Land der tausend Derbys. Die Fußball-Geschichte des Ruhrgebiets, Göttingen 2002.
  7. Oenning, Ralf Karl: „Du da mitti polnischen Farben …“. Sozialisationserfahrungen von Polen im Ruhrgebiet 1918 bis 1939, Münster 1991
  8. Goch, Stefan: Sozialdemokratische Arbeiterbewegung und Arbeiterkultur im Ruhrgebiet. Eine Untersuchung am Beispiel Gelsenkirchens 1848-1975, Düsseldorf 1990.
  9. Ebd., S. 14, Abb. 2.
  10. Welskopp, Thomas: The political man: the construction of masculinity in the German Social Democracy, 1848-78, in: Dudink, Stefan, Karin Hagemann und John Tosh (Hg.): Masculinities in politics and wars. Gendering modern history, Manchester 2004, S. 257-275.
  11. Ebd., S. 257.
  12. Kift, Dagmar (Hg.): Kirmes – Kneipe – Kino. Arbeiterkultur im Ruhrgebiet zwischen Kommerz und Kontrolle (1850-1904), Paderborn 1992 (= Forschungen zur Regionalgeschichte Bd. 6), S. 1.
  13. Kift, Dagmar: Arbeiterkultur im gesellschaftlichen Konflikt. Die englische Music Hall im 19. Jahrhundert, Essen 1991; Davies, Andrew: Leisure, gender and poverty. Working-class culture in Salford and Manchester, 1900-1939, Buckingham 1992.
  14. Ueberhorst, Horst, Gerhard Hauk u.a.: Arbeitersport und Arbeiterkulturbewegung im Ruhrgebiet, Opladen 1989.
  15. Wildmann, Daniel: Der veränderbare Körper. Jüdische Turner, Männlichkeit und das Wiedergewinnen von Geschichte in Deutschland um 1900, Tübingen 2009.
  16. Dinges, Martin (Hg.): Männlichkeit und Gesundheit im historischen Wandel, ca. 1800 – ca. 2000, Stuttgart 2007; Hoffmann, Susanne: Erwerbsarbeit: Risiko und Ressource für die Gesundheit von Männern: Sechs Autobiographien aus dem 20. Jahrhundert, in: Dinges 2007, S. 243-258.
  17. Heid, Ludger: Arbeit und Alltag ostjüdischer Arbeiter im rheinisch-westfälischen Industriegebiet, in: Jüdisches Leben in Westfalen: Eine Ausstellung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Dortmund e. V., hrsg. v. Kirsten Menneken, Essen 1998, S. 132-142.
  18. Vgl. FN 7.
  19. Zimmermann, Michael: Schachtanlage und Zechenkolonie. Leben, Arbeit und Politik in einer Bergarbeitersiedlung 1880-1980, Essen 1987.
  20. Günter, Bettina: Schonen – Schützen – Scheuern. Zum Wohnalltag von Arbeiterfamilien im Ruhrgebiet der zwanziger Jahre, Münster/New York 1995.
  21. Vgl. FN 4.
  22. Hartewig, Karin: Das unberechenbare Jahrzehnt. Bergarbeiter und ihre Familien im Ruhrgebiet 1914-1924, München 1993.
  23. Jessen, Ralph: Polizei im Industrierevier. Modernisierung und Herrschaftspraxis im westfälischen Ruhrgebiet 1848-1914, Göttingen 1991; Schmidt, Daniel: Schützen und Dienen. Polizisten im Ruhrgebiet in Polizei und Diktatur 1919-1939, Essen 2008.
Lücke, Martin, Von der gefährlichen Arbeit unter Tage. Männer- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven einer Geschichte des Ruhrgebiets, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 20. 10. 2010,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_wiss_texte/von-der-gefaehrlichen-arbeit-unter-tage-maenner-und-geschlechtergeschichtliche-perspektiven-einer-geschichte-des-ruhrgebiets/
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