Tülay Koca / 1967

Königin eines Prinzessinnen-Palastes

In ihrem großzügig geschnittenen Büro in Essen sitzt man als Besucherin unter einem Bild Mustafa Kemal Atatürks, dem Begründer der modernen Türkei: „Atatürk hat uns Frauen die Emanzipation gebracht“, so Frau Koca. Und den Männern die emanzipierte Frau, mag man ergänzen. Dass nicht alle dies zu schätzen wissen, erfuhr die taffe Geschäftsfrau Koca, die sich auf ihrer Internetseite selbst als „Hochzeitsplanerin“ bezeichnet und selbstbewusst im Kreis einiger ihrer 27 Angestellten zeigt, zu Beginn ihrer Selbständigkeit gleich mehrmals. Denn viele türkische Männer wollten mit einer Frau erst gar nicht verhandeln und beendeten bereits am Telefon das Gespräch. Mit ihr sprechen muss man allerdings, wenn man ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmen möchte, da führt kein Weg dran vorbei. Denn sie ist die Königin des Prenses Palace, übersetzt Prinzessinnen Palast oder Palast der Prinzessin, einer Veranstaltungslocation, die sich vor allem an die türkische Community im Ruhrgebiet wendet.
Mittels eines „Nischenmodells“ erklären Soziologen die Selbstständigkeit von Migranten und Migrantinnen, wenn diese „durch die Erkennung eines spezifischen Nachfragepotenzials ihrer Landsleute Geschäfte in bestimmten Branchen gründen“. Und ein Veranstaltungsraum wie das Prenses Palace richtet sich vor allem an Türken und Türkinnen, die großzügig feiern möchten. Wie zum Beispiel ihre Hochzeit, für die nicht nur – wie bei Deutschen üblich – Familieangehörige und Bekannte, sondern auch Nachbarn und Arbeitskollegen eingeladen werden, die ihrerseits Gäste mitbringen. Da ein Hochzeitsfest in der türkischen Gesellschaft ein soziales Ereignis ist, das nicht privaten, sondern gesellschaftlichen Charakter hat, führt dies häufig zu 500 Gästen und mehr.
Und da diese nicht nur bewirtet und musikalisch unterhalten sowie die Kinder bespaßt sein wollen, sondern das Ehepaar auch gut gekleidet, frisiert und gestylt sein möchte, bietet Tülay Koca alles rund um das Thema „Hochzeit“ als Dienstleistung an. Dass sie dies sehr gut macht, davon zeugen die zahlreichen, individuell angefertigten Dankeskarten vor allem türkischer, aber auch deutscher Frischvermählter in ihrem Büro sowie die Tatsache, dass sie auf das nächste Jahr hin bereits ausgebucht ist. Inzwischen verhandeln nämlich auch die Männer mit ihr, denn es hat sich herumgesprochen, das die 44-jährige kompetent ist in dem, was sie macht.
Dabei war es für sie keineswegs leicht, ihre Idee überhaupt umzusetzen, wobei ihr Vorhaben weder am Geld noch am Konzept, das sie mit deutschen Freuden ausgearbeitet hatte, zu scheitern drohte, sondern an rassistischen Vorbehalten. „Nein, an Türken und an Ausländer vermieten wir generell nicht“. Das bekam sie gleich mehrmals zu hören. Es ist für eine Region, die sich im Kulturhauptstadt mit den über 140 hier lebenden Nationen und ergo für Offenheit und Toleranz förmlich gebrüstet hat, erschreckend und peinlich zugleich, dass erst das Engagement eines geschäftlich gut vernetzten (deutschen) Bekannten zum Erfolg und zu dem Mietvertrag des 1.200 Quadratmeter großen Objektes in Nähe der neuen Thyssen-Krupp-Verwaltung führte.
Bis zur Vertragsunterzeichnung hatte Tülay Koca ihrer Familie von ihrem Vorhaben allerdings überhaupt nichts gesagt und so war ihr Mann über ihr forsches Vorgehen verärgert. Doch inzwischen sind alle mit ihrem Vorpreschen d’accord. „Wenn ich an mich glaube, dann ziehe ich mein Ding durch“, meint Frau Koca im Gespräch und ihr Geschäftserfolg ist Beweis für ihre Zielstrebigkeit.
Auf diese Geschäftsidee ist sie gekommen, nachdem sie in Essen vergeblich einen geeigneten Veranstaltungsort für das Beschneidungsfest ihres 1997 geborenen Sohnes gesucht hatte. Einzig das Sheraton-Hotel schien vom Ambiente und von der Größe her in Betracht zu kommen, doch dafür reichten ihre finanziellen Möglichkeiten nicht aus. Und so suchte, organisierte und veranstaltete sie das Ganze in der Türkei. Da ihr dies großen Spaß gemacht hatte, ging sie fortan schwanger mit der Idee, eine passende Location in Essen aufzubauen. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete sie im 16. Jahr als Geschäftsführerin in dem Friseurgeschäft ihrer Schwester und als diese ihr eine familienfreundlichere Arbeitszeitregelung verweigerte, wurde aus dem vagen Wunsch ein fester Vorsatz.
Dabei gehört Frau Koca zu einer Minderheit in Nordrhein-Westfalen, denn nur etwa sechs Prozent (circa 40.000) aller erwerbstätigen Migrantinnen in NRW sind selbständig, unter ihnen circa 6.000 türkischstämmige Frauen. „[…] diese Frauen leisten einen ganz wichtigen Beitrag für unser Land, nicht nur für die Wirtschaft und als Arbeitgeberinnen, sondern auch als Vorbilder für die Integration. Wir müssen sie in ihrem Engagement darum nach Kräften unterstützen.“ So Armin Laschet 2009, damals Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen.
„Wir wollen als Vorbilder fungieren”, sagt eine Kollegin von Frau Koca, Birnur Öztürk aus Oberhausen. Birnur Öztürk ist Vorsitzende des PETEK Business-Netzwerkes Migrantinnen e.V., das Frau Koca 2005 mitgegründet hat. Nach wie vor findet sie die Idee, dass sich selbständige Frauen mit Migrationshintergrund durch Petek (türkisch für Wabe) vernetzen und gegenseitig unterstützen, „ganz toll“. Inzwischen gehören dem Netzwerk fast 70 Migrantinnen an. Wobei Tülay Koca, die im Alter von viereinhalb Jahren mit ihrem Vater und ihren drei Geschwistern aus einem Ort in der Nähe der anatolischen Stadt Konya nach Essen umgezogen war, generell eine Networking-Anhängerin ist: „Man kann nur hinzulernen und dazugewinnen.“ Und ihre Kompetenz sowie ihre offene und interessierte Art kommt nicht nur in Migranten- und Migrantinnenkreisen gut an. Davon zeugt ihre Wahl in den Vorstand der Essener Kreisgruppe des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes e.V. (DEHOGA), in das DEHOGA-Präsidium auf NRW-Ebene sowie ihre Berufung als kooptiertes Mitglied der IHK zu Essen.
An Sozialkapital hat sie von ihrem Vater, dem gelernten Friseur und späteren Oberinspektor einer deutschen Versicherung, der ausschließlich für die türkischen Versicherungsmitglieder zuständig war, einiges mit auf den Weg bekommen. Auch dieser vermochte nach Aussage seiner Tochter in der Öffentlichkeit eine gute Figur zu machen und liebte es, türkische Familienfeste zu organisieren, und zwar NRW-weit. An Bildungskapital hat sie indes wenig vermittelt bekommen und so verwundert es nicht, dass Tülay Koca für ihren Sohn das Abitur nicht nur als Option, sondern als „ein Muss“ bezeichnet. Frau Koca ist sich dessen bewusst, dass Integration und Chancengleichheit eng mit dem Thema Bildung verbunden sind.
Für sich selbst hat sie natürlich auch noch Pläne: So würde sie gerne einen zweiten, nobleren Veranstaltungsort anmieten, fern des jetzigen Gewerbegebietes. Zum Beispiel würde ihr Schloss Baldeneysee recht gut gefallen. „Standard“, Classic“ und „1000 & 1 Nacht“ hat sie bereits im Angebot, die „Märchenhafte Traumhochzeit“ käme dann noch hinzu.
Susanne Abeck/ faruen/ruhr/geschichte
Orte:

Prenses Palace, Westendhof 4, 45143 Essen, http://www.prenses-essen.de/

Literatur:

Andreia Tolciu, Ann-Julia Schaland: Selbstständige Migranten in Deutschland, 2008, http://www.wirtschaftsdienst.eu/downloads/getfile.php?id=2048&PHPSESSID [15.03.2012]


Selbständig integriert? Studie zum Gründungsverhalten von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte in Nordrhein-Westfalen, erstellt vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim, 2009, http://www.institut-fuer-mittelstandsforschung.de/kos/WNetz [15.03.2012]


http://www.petekweb.de/ [15.03.2012]

Abeck, Susanne, Tülay Koca, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 11. 05. 2011,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/tuelay-koca/
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