Beyhan Colak / 1949

Man ist sich selbst die Heimat

Beyhan Güeney wurde 1949 in der Stadt Ordu an der östlichen Schwarzmeerküste geboren, von wo aus die Familie vier Jahre später nach Hopa zog, einem 350 Kilometer weiter östlich gelegenen Küstenort an der Grenze zu Georgien. In dieser fruchtbaren Region hatte ihr Vater ein Haus mit einem Grundstück geerbt, wo er mit seiner Frau nun Tee- und Gemüseanbau betrieb. Heute noch schlummert eine Sehnsucht nach dem Meer in ihr. „Eine Seite muss Meer sein“, so wäre es optimal.

Beyhan ging gerne zur Schule und war nach eigener Aussage „eine sehr, sehr gute Schülerin“. Nach der Grundschule besuchte sie mit zehn Jahren eine Haushaltsschule, um danach, auf Empfehlung einer ihrer Lehrer, eine staatliche Lehrerausbildung zu beginnen. Die Eltern hätten ihr eine solche Ausbildung nicht finanzieren können, doch die staatliche Förderung begabter Kinder bot Beyhan eine Chance auf eine qualifizierte Ausbildung. Sowohl sie selbst als auch die Eltern wussten diese zu nutzen. „Wir waren Privilegierte der Gesellschaft“, meint sie im Rückblick und versteht unter „wir“ begabte und lernwillige Kinder vor allem aus den ländlichen Regionen, für deren Unterricht, Unterkunft, Verpflegung, Kleidung inklusive Taschengeld der türkische Staat aufkam. Sie ist heute noch stolz auf sich, dass sie diesen Schritt gewagt und mit erst zwölf Jahren das staatliche Lehrerausbildungs-Internat in Trabzon, rund 170 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt, besucht hat. Welch ein Mut und welche Zuversicht! Und sie ist heute noch begeistert von dem fortschrittlichen, auf Chancengleichheit bedachten Ausbildungssystem, das in den 1940er Jahren in der Türkei eingeführt und Anfang der 1970er Jahre abgeschafft wurde.

Nach fünf Jahren zog Beyhan von Trabzon nach Ankara, wo sie auf einer staatlichen Schule das Fachabitur machte, um dann, nochmals einige Kilometer weiter westlich, sowohl an der Pädagogischen Hochschule als auch an der Universität von Istanbul ihre Ausbildung fortzusetzen. Mit 20 Jahren studierte sie – nach wie vor finanziell getragen vom Staat – tagsüber an der Universität Physik, Biologie und Chemie auf Lehramt für die gymnasiale Oberstufe und erhielt abends, an drei Tagen in der Woche, pädagogischen und didaktischen Unterricht an der PH. 1973 schloss sie ihr Studium ab und hätte daran anschließend gerne in Istanbul promoviert, wenn die dortige technische Ausstattung nicht überaltert gewesen wäre. Nachdem sie bereits so häufig umgezogen war und ihren Aufenthaltsort gewechselt hatte, verwundert es nicht, dass sie dem Rat ihrer jüngeren Schwester folgte, die seit 1969 in Deutschland lebte, und sich an der Ruhr-Universität Bochum bewarb. Anfang 1974 wurde sie an der dortigen biologischen Fakultät als Doktorandin angenommen, in dem Jahr also, in dem das Audimax und die Universitätsbibliothek der RUB fertiggestellt wurde.

Behan hatte sich bereits in der Türkei für Politik interessiert, denn auch dort gab es eine aktive 68er-Studentenbewegung, doch erst durch ihre politisch aktiven RUB-Mitstudenten und -studentinnen aus Südamerika, den USA, Großbritannien, Indien und Pakistan wurde sie aktiv und gründet mit türkischen StudentInnen und DoktorandInnen einen Verein, um gemeinsam über die politische Situation in der Türkei zu diskutieren. Das Land war zu dieser Zeit geprägt von politischer Instabilität, ökonomischen und sozialen Problemen, Streiks und Terrorakten politisch extremer Gruppen ‒ und der Besetzung des Nordens von Zyperns.

Drei Jahre später wollte sie nicht länger bei ihrer Schwester und deren Mann wohnen und wechselte als inzwischen 28-Jährige ins Berufsleben, um – wie sie damals dachte – nur wenige Zeit später ihre Promotion abzuschließen. Doch es sollte anders kommen, denn nun entwickelte sie sich von einer wissenshungrigen und engagierten Studentin zu einer Frau, die mit ihrem Wissen anderen helfen wollte. Im Oktober 1977 trat sie am Ricarda Huch-Gymnasium in Gelsenkirchen eine Stelle als Lehrerin für Türkisch an. Dort wurde ihr in der Türkei gemachter Abschluss jedoch nicht anerkannt, so dass sie nur als Grundschullehrerin eingestuft und deshalb schlechter bezahlt wurde – worüber sie sich heute noch ärgert. Gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen klagte sie gegen den getrennten Unterricht von deutschen und türkischen Kindern, der damals zwar an den Grundschulen obligatorisch war, den sie jedoch für die weiterführende Schule als unangemessen empfand. Die Klage hatte Erfolg.

Ein Jahr darauf wechselte sie auf die Antoniusschule, eine Sonderschule für lernbehinderte Kinder, an der sie vor allem türkische Kinder unterrichtete: in deren Muttersprache, in türkischer Kultur und Geschichte. Das Unterrichten an sich habe ihr nie viel Spaß gemacht, sagt Beyhan Çolak heute, einige Zeit nach ihrer Pensionierung, wohl aber das Helfen. Für die türkischen Kinder sei sie als Türkin ein Anker gewesen. Denn viele der Kinder, deren Eltern aus den türkischen Bergbaugebieten ins Ruhrgebiet gekommen waren, hätten förmlich unter Kulturschock gestanden, seien überfordert und unkonzentriert, jedoch keineswegs dumm gewesen. Sie hätten nur einer besonderen Unterstützung bedurft.

Das Feld, auf dem sie ihrem Interesse an Politik nachging, war die Frauenbewegung. 1975, im Internationalen Jahr der Frau, gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern des Gelsenkirchener Türkischen Frauenvereins e. V. und übernahm dessen Vorsitz. Zweck des Vereins war laut Satzung „die Förderung der in Gelsenkirchen lebenden türkischen Frauen“. Auch hier war es ihr Wunsch, Hilfe anzubieten, konkret Orientierungshilfe für die aus der Türkei hinzugezogenen Frauen, zum Beispiel in Bezug auf deren Rechte am Arbeitsplatz oder in der Ehe. So begleitete sie türkische Frauen bei deren Besuch von „Pro Familia“ und leistete Übersetzungshilfe, wenn diese einen Schwangerschaftsabbruch wünschten. Sie nahm mit dem Frauenverein an Demonstrationen teil, wie der großen Friedensdemonstration in Bonn 1980, beteiligte sich an der alljährlichen Kulturveranstaltung auf Schloss Kemnade in Bochum und an den Veranstaltungen rund um den Internationalen Frauentag in Gelsenkirchen. An der Volkshochschule Gelsenkirchen leitete sie, gemeinsam mit der dortigen Fachbereichsleiterin Dr. Marianne Kaiser, zeitweise einen Gesprächskreis für türkische Frauen und bot einen Alphabetisierungskurs an. Integration, Ausländerfeindlichkeit, Arbeitslosigkeit sowie Frauen und Gewerkschaften waren die Themen, mit denen sich Beyhan und der Türkische Frauenverein befassten. Sie führten Veranstaltungen durch und wurden aktiver Teil der Gelsenkirchener Frauenbewegung.

25 Jahre später war diese Art von Hilfe jedoch kaum noch nachgefragt, so dass sich der Verein 2001 auflöste. Dabei wurde Beyhans Engagement und das ihrer Mitstreiterinnen über die Jahre von anderen türkischen Frauen und Männern keineswegs nur gutgeheißen. Denn diese Art der politisch-sozialen Arbeit war in den Augen vieler eine Männerangelegenheit, die sich für eine Frau nicht „schickte“.

Seit 2008 ist Beyhan in einem lasischen Kulturverein aktiv, da sie selbst der auf 5.000 bis 50.000 Menschen in Europa geschätzten ethnischen Minderheit der Lasen angehört. In diesem Kulturverein geht es darum, die lasische Kultur, vor allem die lasische Sprache, ein sehr komplexes Lautsystem mit vielen Konsonanten, aktiv zu pflegen und so vor dem Aussterben zu schützen. Ihr Mann und ihre Kinder sprechen kein Lasisch, auch wenn sie es ihren Kinder gelehrt hat und ihr Sohn fünf Sprachen spricht.

Ihren Mann Yasar Çolak, einen türkischen Dichter, hatte sie Anfang der 1980er Jahre bei einer Lesung in Gelsenkirchen kennen gelernt. Er wäre gerne mit ihr in die Türkei gezogen, doch standen in dem seit 1980 von Militärs geführten Land seine Bücher auf dem Index und Beyhan hatte öffentlich gegen die Militärregierung demonstriert, so dass an einen Umzug vorerst nicht zu denken war. Die Geburt der Kinder 1985 und 1986 schob den Wunsch ihres Mannes weiter in den Hintergrund. Da seine Sehnsucht nach einem Leben in der Metropole Istanbul über die Jahre aber nicht kleiner wurde, zog er nach seiner Pensionierung – auch er war in Gelsenkirchen als Lehrer tätig – zurück an den Bosporus, so dass die beiden seither einen Teil des Jahres getrennt voneinander leben. Denn Beyhan will Deutschland nicht ganz verlassen, solange ihre Tochter hier ihre künstlerische Entwicklung als Jazzmusikerin vorantreibt und ihr Sohn erfolgreich als Wirtschaftswissenschaftler in Dortmund arbeitet. „Man hat immer Sehnsucht, eine Seite ist immer dort“, meint Beyhan Çolak, wobei sie wohl gleichermaßen an ihren Mann und an die Türkei denkt. Dass diese zierliche Frau damit ein Problem hat, kommt einem allerdings nicht in den Sinn. Denn immerhin hat sie bereits in ihrem zwölften Lebensjahr ihre Eltern und die ihr vertraute Umgebung verlassen, um eigenständig ihre Ziele zu verfolgen. „Man ist sich selbst die Heimat“, sagt sie. Mit dieser Überzeugung hat sie sich zu einer Persönlichkeit entwickelt, die für andere ein Anker im Leben sein wollte ‒ und es wurde.

Susanne Abeck / frauen/ruhr/geschichte

Literatur:

Hürcan Aslı Aksoy: Die türkische Frauenrechtsbewegung, http://www.bpb.de/internationales/europa/tuerkei/184972/frauenrechte [Oktober 2014]

Abeck, Susanne, Beyhan Colak, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 15. 02. 2013,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/beyhan-colak/
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