Rezzan Durmaz / 1944

So, ich muss das schaffen.

Ihre Kindheit beschreibt Rezzan Durmaz als ausgesprochen glücklich, auch wenn ihre Mutter sehr streng war. Aber sie war der Liebling ihres Vaters, der als Polier für amerikanische Firmen arbeitete, die in der Türkei an dem Bau zahlreicher Flughäfen beteiligt waren. „Meine Kindheit war happy, ich hatte eine ganz glückliche Kindheit.“ Sie sollte – im Gegensatz zu ihrer Mutter, die zeitlebens Analphabetin blieb – zur Schule gehen und studieren. Sie trug Lackschuhe, schicke Kleider und lernte in der Schule fleißig Englisch, da sie von einer Zukunft in den USA träumte, an der Seite eines smarten Amerikaners.

Rezzan hatte acht Halbgeschwister, was sie lange Zeit allerdings nicht wusste. Als Nesthäkchen kannte sie nur die vier Söhne ihrer Mutter aus deren erster Ehe mit einem bedeutend älteren Mann, die noch vor 1922 zur Zeit des Osmanischen Reiches arrangiert worden war. Da ihre Mutter bis zum Tode ihres Mannes keinerlei Kontakt zur Außenwelt hatte, war sie völlig hilflos, als sie mit 33 Jahren Witwe wurde. Mutter und Söhne müssen für drei Jahre in ärmlichsten Verhältnissen gelebt haben, denn der Verdienst aus einer mit Hilfe der Nachbarn gefundenen Arbeit in der Textilindustrie reichte kaum für das Lebensnotwendigste. Nachbarn waren es auch, die ein Treffen mit einem 41-jährigen Mann arrangierten, der sich als kinderloser Witwer vorstellte. 1941 heirateten die beiden und drei Jahre später wurde als einziges gemeinsames Kind Tochter Rezzan geboren.

Der besseren Verdienstmöglichkeiten wegen zog die Familie später aus Istanbul fort und lebte für mehrere Jahre jeweils dort, wo der Vater gut bezahlte Arbeit fand. Die älteren Halbbrüder wurden nach Istanbul zu Verwandten geschickt, da sie geregelt eine Schule besuchen sollten. Ihre Mutter, nun allein mit Tochter und Mann, wurde nicht selbständiger, was bei der rückblickenden Tochter auf keinerlei Verständnis stößt, vielmehr von ihr als „Horror“ bezeichnet wird. Als die Familie nach Istanbul zog, begann die Mutter ihre vier Söhne zu suchen, die die Verwandten wegen Geldschwierigkeiten hatten ins Heim geben müssen.

Rezzan Durmaz beschreibt diese Zeit aus der Perspektive einer Neunjährigen, die damals längst nicht alles mitbekam und von der Familiengeschichte erst durch spätere Erzählungen der Mutter erfuhr. An was sie sich jedoch aus eigenem Erleben noch gut erinnern kann, ist der Flair Istanbuls Anfang der 1950er Jahre: die Stadt war modern, viele Frauen waren elegant gekleidet, gut geschminkt, nur wenige Frauen trugen Kopftücher. Ihre Mutter hätte es gerne gesehen, wenn sie Kopftuch getragen hätte, doch ihr Vater fand, dass dies nicht zu den modernen Zeiten passen würde. „Deswegen habe ich meinen Vater geliebt, ach, vergöttert.“ Das für sie so schöne Leben hielt bis zu ihrem 15. Lebensjahr. Ihr Vater kehrte damals in sein Heimatdorf am Schwarzen Meer zurück. Damals wussten sie schon, dass er bereits verheiratet gewesen war und seine erste Frau mit vier gemeinsamen Kindern in dem Dorf der Arbeitssuche wegen zurückgelassen hatte. Frau Durmaz kann auch heute noch nicht nachvollziehen, wie ihr Vater seine Kinder aus dieser Ehe verschweigen und sie unter extrem ärmlichen Verhältnissen zurücklassen konnte.

Eigentlich wollte ihr Vater nur seinen Erbteil verkaufen, um mit dem Erlös eine Hotelanlage als Alterssitz und -absicherung für seine Gesamtfamilie in der Nähe von Istanbul zu bauen. Ihre Mutter und sie haben ihn daher für ein Jahr begleitet und sind schließlich wegen des anstehenden Schulwechsels von Rezzan wieder nach Istanbul zurückgekehrt. Rezzan, nun bereits ein Teenager, hatte das Dorfleben mit seiner Reduktion auf das Lebensnotwendigste ohnehin als Zumutung empfunden. Zurück in der Metropole musste sie jedoch bald die Schule abbrechen und eine Beschäftigung als Sekretärin in einer Baumwollfabrik annehmen, da ihr Vater die Zahlungen an sie und ihre Mutter eingestellt hatte. Ihr einziger Wunsch war der, den früheren Lebensstandard durch die eigene Arbeit wieder zu erlangen. Und so empfand sie das von ihrer Mutter arrangierte „zufällige Treffen“ mit einem Mann als Frechheit. Beim Abschied zischte sie ihrem späteren Mann noch zu: „Du siehst mich nie wieder.“ Die Mutter fürchtete jedoch, bald zu sterben und ihre Tochter unversorgt zurückzulassen, denn das für uns heute selbstverständliche Lebensmodell einer allein lebenden Frau galt Ende der 1950er Jahren in der Türkei ebenso wie in der Bundesrepublik als unseriös.

Was die Option „Heirat“ für Rezzan dann doch interessant machte, war der Umstand, dass der junge Mann in Deutschland arbeitete. Er hatte den Sprung aus der Türkei heraus geschafft. Und ihr Hauptwunsch war es nach wie vor zu emigrieren: „Hauptsache, hier raus“. Zudem fand sie ihn attraktiv, weil er kein „alter Bauer“ war, sondern urban, modern und stilvoll. Also hat sie im zarten Alter von 17 Jahren „Ja“ gesagt. Bereits zweieinhalb Monate nach der Hochzeit, im November 1964, begann sie mit Unterstützung ihres Mannes bei der Firma Blaupunkt in Hildesheim zu arbeiten. Mutter und Schwägerin begegneten diesem neuen Lebensentwurf mit absolutem Unverständnis, kannte die junge Rezzan doch weder die deutsche Sprache noch deutsche Gepflogenheiten.

Dreieinhalb Tage fuhr Rezzan Durmaz vom Bahnhof Istanbul Sirkeci bis ins niedersächsische Hildesheim. Was sie dort vorfand, war alles andere als erhofft: Es war kalt, der Arbeitsplatz unübersichtlich, laut, gesundheitsgefährdend. Zudem lag das Haus, in dem sie mit einigen anderen Frauen untergebracht war, äußerst ländlich in einem kleinen Ort namens Bad Salzdetfurth, wo sie sich als Großstädterin langweilte. Der Postbote stöhnte, dass er nur für sie unterwegs sei, da sie mit ihrem Mann mehrseitige Briefe austauschte ‒ täglich. Sie war unglücklich und fühlte sich allein. Als eine Schwangerschaft festgestellt wurde, bekam sie es mit der Angst zu tun, denn sie hatte bei der zweitägigen Eignungsuntersuchung in der Türkei mit ihrer Unterschrift bestätigt, voll arbeitsfähig zu sein. Diese Untersuchung der „gesundheitlichen Eignung“ gab es „zum „Schutz der [deutschen] Bevölkerung aus seuchenhygienischen Gründe“ übrigens nur in den Anwerbeabkommen mit der Türkei und mit Tunesien. Alle deutschen Arbeitgeber, die Arbeitskräfte aus den insgesamt acht Anwerbe-Ländern beschäftigten, hatten für die Anwerbe- und Reisekosten pro Person an die für die Organisation zuständige Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg eine Pauschale in Höhe von 150, später von 300 Deutsche Mark zu zahlen. Diese und weitere „Auslagen“ hätte die junge Arbeiterin nun der Firma Blaupunkt zurückerstatten müssen. Um sich dem zu entziehen, ließ sich Rezza Durman von ihrem Halbbruder, der damals in Mülheim an der Ruhr lebte, mit zwei anderen Frauen nach München zum Bahnhof fahren, so dass sie ohne Umstieg zurück nach Istanbul kamen. Aufgrund des Vertragsbruchs unterlag Rezzan Durmaz für die nächsten drei Jahre einem faktischen Beschäftigungsverbot in der BRD, da ihr Name auf einer Schwarzen Liste der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) stand.

Im August 1965 wurde in der Türkei Sohn Ercan Salih geboren, nach dreieinhalb Jahren kam Tochter Betül zur Welt. Da Rezzan Durmaz mit ihrem Mann bei ihrer Schwägerin lebte, war das Leben alles andere als einfach, denn sie hatte sich der älteren Frau unterzuordnen und die ihr so wichtige Selbständigkeit aufzugeben. Und so zog es sie und ihren Mann bald wieder ins Ausland, dieses Mal nach Österreich, wo es seit 1964 ein Anwerbeabkommen mit der Türkei gab. Da zu diesem Zeitpunkt nur Frauen als Arbeitskräfte erwünscht waren, ging zuerst Rezzan Durmaz als Textilarbeiterin nach Österreich. Wenige Monate später folgten ihr Mann und Kinder.

Weil der Verdienst zu gering blieb, zog die Familie nach etwas mehr als drei Jahren 1981 wieder nach Deutschland: Ihr Mann begann in Nürnberg zu arbeiten, Rezzan für einen Monatsverdienst von 950 DM bei einer Strumpffabrik in Gelsenkirchen-Resse. Da ihr anfänglich gemäss des seit 1965 geltenden deutschen Ausländergesetzes kein „ausreichender Wohnraum“ zur Verfügung stand, mussten die beiden Kinder die ersten vier Monate wieder bei der Schwägerin in Istanbul leben. Doch bald hatte sie eine größere Wohnung gefunden, und neben Familie und Arbeit schaffte sie es sogar, 1974 ihren Führerschein zu machen: „Autofahren macht mir Spaß. Das ist irgendwie Freiheit.“

1977 wechselte Rezzan Durmaz zu den Graetz-Fernsehwerken nach Bochum, die mit ihrer Ansiedlung 1956 als erstes Werk auch massenhaft Arbeitsplätze für Frauen im Revier geschaffen hatten. Die Familie lebte damals in einem Haus, in dem ihnen eine Nachbarin ausgesprochen ausländerfeindlich begegnete. Eine deutsche Kollegin versuchte der Nachbarin zwar Paroli zu bieten, doch traute sich Frau Durmaz nicht, verunsichert ob ihres Status und in Unkenntnis ihrer Rechte, in den eigenen vier Wänden soziale Kontakte zu pflegen und Freunde und Freundinnen ihrer Kinder nach Hause einzuladen.

Als sie wegen einer Hüftoperation mehrere Monate krankgeschrieben wurde, kündigte ihr die Firma Graetz nach dreijähriger Beschäftigung. Rückblickend schätzt sich Frau Durmaz als zu verunsichert und naiv ein, um sich gegen diese Kündigung zur Wehr zu setzen, notfalls vor dem Arbeitsgericht. Doch entspricht ihre duldsame Passivität dem zunehmend verhärteten gesamtgesellschaftlichen Klima, das z. B. durch einen Beschluss der Bundesregierung von 1981 zum Ausdruck kommt: „Es besteht Einigkeit, daß die Bundesrepublik Deutschland kein Einwanderungsland ist und auch nicht werden soll.“

Ihr Mann stand zwar in einem festen Arbeitsverhältnis, dennoch fürchtete Rezzan Durmaz in dieser Situation ihre Ausweisung – obwohl der „Beschluss 1/80 des Assoziationsrates EWG-Türkei über die Entwicklung der Assoziation vom 19. September 1980“ eine umgehende Ausweisung türkischer ArbeitnehmerInnen im Falle von Arbeitslosigkeit untersagte. Frau Durmaz suchte sich daher schnellstens eine neue Arbeitsstelle, die sie in einer kleinen Wattenscheider Fabrik fand. Obschon sehr schlecht bezahlt und körperlich anstrengend, hielt sie es dort wegen des guten Betriebsklimas 17 Jahre lang aus. Zusätzlich hatte sie eine Putzstelle. Es verwundert nicht, dass sie sich heute – nach einer Bandscheibenoperation und mit einer 60-prozentigen Behinderung – als „kaputt“ bezeichnet.

Auch heute noch ist Frau Durmaz ihrem Vater für seine liberale Erziehung dankbar. Diese prägte in ihr früh den Wunsch nach Selbständigkeit und ermöglichte es ihr, sich in der österreichischen und deutschen Gesellschaft schnell zurecht zu finden. Im Jahre 1980 hatten mehr als 65 Prozent der türkischen Frauen keinerlei Kontakt zu Deutschen ‒ Rezzan Durmaz schlug einen anderen Weg ein und ließ z. B. ihre beiden Kinder ausschließlich mit deutschen Kindern groß werden. Beide haben die mütterliche Durchsetzungskraft mit auf den Weg bekommen: die Tochter Betül ist Lehrerin an einer Gelsenkirchener Förderschule und mit ihrem Buch „Döner, Machos und Migranten“ (2009) deutschlandweit bekannt geworden, der Sohn Ercan begegnet einem als Schauspieler regelmäßig im deutschen Fernsehen.

Was wünschte die Bundesregierung 1981? Deutschland sollte kein Einwanderungsland werden? Eine Rückkehr in die Türkei haben Rezzan Durmaz und ihr Mann spätestens mit der Einschulung der Tochter aufs Gymnasium aufgegeben. Heute fliegen sie fast nur noch zur Erholung nach Istanbul und an die Bosporusküste.

Susanne Abeck / frauen/ruhr/geschichte

Orte:


Betül Durmaz: Döner, Machos und Migranten. Mein zartbitteres Lehrerleben, Freiburg 2009.
Mehrgenerationenhaus (Hg.): „Losgehen. Ankommen“ Lebensentwürfe. Lebensgeschichten, o.O., Juni 2009.
Aytaç Eriylmaz u. Mathilde Jamin (Hg.): Fremde Heimat. Eine Geschichte der Einwanderung aus der Türkei, Essen 1998.




Literatur:

Bochum-Riemke, Meesmannstraße: hier war früher der Sitz der Graetz-Fernsehwerke, die sich bereits 1961 nicht mehr im Besitz der Familie Graetz befanden, sondern von Standard Elektrik Lorenz AG, ab 1988 von Nokia.

Abeck, Susanne, Rezzan Durmaz, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 12. 08. 2012,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/rezzan-durmaz/
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