Marianne Kaiser / 1940

Eine Erwachsenenbildnerin als kritische Begleiterin und Akteurin im Strukturwandel

Auf ins Ruhrgebiet

In den 1960er-Jahren folgten Frauen ihren Ehemännern dorthin, wo sich für ihn berufliche Perspektiven eröffneten. Das galt auch für die meisten Studentenpaare. Als der Historiker Hans Kaiser als Assistent seines Professors 1967 an die Historische Fakultät der neu gegründeten Ruhr-Universität Bochum (RUB) wechselte, zog auch Marianne Kaiser mit ins Ruhrgebiet. Sie erinnert den Umzug von der traditionsreichen Universitätsstadt Göttingen in das Ruhrgebiet als Schock. Zwar kannte sie Industriewerke aus ihrem Heimatdorf Langelsheim und aus Goslar, wo sie ihr Abitur absolviert hatte, auch Bergbau gab es dort: „Aber dass die Schwerindustrie in der Region derart schmutzig und übel riechend war und den städtischen Raum derart dominierte, war mir fremd und zuwider. Und dass die Städte völlig unübersichtlich ineinander wucherten, machte mich hilflos.“ Sie wohnte in Bochum-Querenburg auf einer Baustelle und schaute auf das Opel-Werk. Es bedrückte sie, wie erbärmlich die Natur in der Region litt. In ihrem bisherigen Umfeld stieß sie auf Mitleid, dass es sie in diese unwirtlichste Region der Bundesrepublik verschlagen hatte.

Marianne Kaiser sollte sich zu einer kritischen Beobachterin des Strukturwandels im Ruhrgebiet entwickeln, den sie auch mitgestaltete. Der setzte mit der entstehenden ersten Universität der Region und dem neu angesiedelten Automobilwerk vor ihren Augen gerade ein. In der Erwachsenenbildung tätig, trug Marianne Kaiser zu dem Wandel von der Montan- zur Wissensgesellschaft bei.

 

Kindheit, Jugend, Studium

Als Marianne Krause 1940 in Rostock geboren, rechnet sie sich zu den Kriegskindern. Sie wuchs in Berlin in einer kleinbürgerlichen Familie auf. Wegen zunehmender Luftangriffe auf die Stadt wurde sie mit ihrer Mutter 1943 zu Verwandten nach Treseburg/ Ostharz evakuiert. Ende 1944 kehrte der Vater dorthin mit einer doppelten Beinamputation von der Ostfront zurück. Als im Sommer 1945 amtlich wurde, dass der Ostharz Teil der sowjetischen Besatzungszone werden würde, fürchtete die Familie Vergeltungsmaßnahmen von russischer Seite und flüchtete in die britische Besatzungszone. Die Flüchtlinge wurden in das Dorf Langelsheim nahe Goslar/ Harz eingewiesen. Es blieb fortan Wohnsitz. Der Vater baute mit seinem Auto einen Mietwagen-Betrieb auf. Beide Eltern wurden 1948 Mitglied der im Ort starken Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Die Tochter ging zu deren Jugendorganisation, den „Falken“. Aktuelle Politik war Gesprächsthema in der Familie.

Angesichts der Schulleistungen seiner Tochter bestand der Vater darauf, dass sie das Mädchengymnasium in Goslar besuchen und später studieren sollte. Die Mutter hingegen hielt für ihre Tochter die Mittlere Reife, temporäre Berufstätigkeit und anschließende Familiengründung für angemessen. Die Entscheidungsbefugnis in Familienangelegenheiten aber lag damals, und laut Bürgerlichem Gesetzbuch, BGB, rechtlich bis 1976 beim Vater und dessen „Letztendscheid“. 1960 bestand Marianne das Abitur. Wertschätzend erinnert sie sich an ihre Klassenlehrerin in der Oberstufe, Fächer Latein und Geschichte. Diese Lehrerin las mit ihren Schülerinnen bereits in den 1950er-Jahren Dokumente zum Nationalsozialismus, organisierte eine Klassenfahrt zum Anne-Frank-Haus. Sie behandelte im Unterricht die Geschichte der Frauenbewegung, insbesondere ihre Forderungen nach Gleichberechtigung, befürwortete die berufliche Eigenständigkeit von Frauen und lebte frauenbezogen, wie Marianne Kaiser viele Jahre später zufällig erfuhr. Zu Hause hingegen erhob der Vater Einspruch dagegen, als die Mutter wieder berufstätig werden oder ein politisches Amt übernehmen wollte. Er verfocht die Hausfrauenehe, was der Tochter angesichts des politisch offenen Klimas in der Familie nicht einleuchten wollte: „Anfangs war es für mich eine Herausforderung, die unterschiedlichen politischen Orientierungen und Wertvorstellungen im Elternhaus und in der Schule zu begreifen und mich dazwischen zu bewegen.“

Die Klassenlehrerin schlug die begabte Schülerin als Stipendiatin bei der „Studienstiftung des deutschen Volkes“ vor. Marianne Krause wurde angenommen. Sie begann, in Göttingen Deutsch und Englisch zu studieren, mit dem Ziel, Studienrätin an höheren Schulen zu werden. In diesem Beruf ließe sich, so ihre Überlegung, Beruf und Familie vereinbaren. Für eine Studentin aus kleinbürgerlichen Verhältnissen in den 1960er-Jahren, so Marianne Kaiser im Gespräch, war der Widerspruch zwischen intellektuellen Begabungen, wissenschaftlichem Interesse und erfüllender dauerhafter Berufstätigkeit auf der einen Seite und dem Druck, die weibliche Rolle in Ehe und Familie auszufüllen auf der anderen Seite, allgegenwärtig: „Wir jungen Frauen hatten die gesellschaftlichen Rollenzuweisungen doch selbst verinnerlicht!“ Persönlich erlebte sie in der Folge diesen Widerspruch als nicht lösbar und gab 1974 den Wunsch der Familiengründung nach ihrer Scheidung und nach einer Krebserkrankung auf.

1965 orientierte sie sich um: In der sich gerade akademisierenden Erwachsenenbildung taten sich neue Berufsmöglichkeiten auf. Denn im Kontext der Bildungsreform wurde erwachsenenbildnerische Tätigkeit zum ersten Mal als disponierende Vollzeitaufgabe konzipiert. Trotz absolviertem „Pädagogikum“ samt Schulpraktika entschied sie sich gegen das Staatsexamen und für eine Promotion als Studienabschluss. Sie forschte zum protestantischen deutschen Schultheater in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, indem sie Dramen in ihre historischen Kontexte stellte und als Antwort auf gesellschaftliche Probleme – hier den vordringenden Absolutismus und dessen Bildungsideale – interpretierte. Das war ein neuer Ansatz in der Barockforschung. Die später in einem renommierten Wissenschaftsverlag publizierte Dissertation trug den Titel: „Mitternacht. Zeidler. Weise. Das protestantische Schultheater im Kampf gegen Absolutismus und höfische Kultur.“ Die Promotion erfolgte 1970.

1965 heiratete Marianne Krause den Historiker Hans Kaiser. Ihr Stipendium endete, aber ökonomisch war sie durch die Ehe abgesichert und sie unterstützte ihren Mann bei der Fertigstellung seiner Dissertation 1969. Die Konzentration auf ihre eigenen Forschungen geriet dabei zeitweilig ins Hintertreffen, zumal auch der Umzug nach Bochum 1967 viele neue Erfahrungen eröffnete. Sie beteiligte sich wie ihr Mann an den Reformbestrebungen der Studentenbewegung an der RUB, war jedoch – anders als er – nicht Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Gleichwohl sympathisierte sie mit den Anliegen der Frauen im SDS und dem historischen „Tomatenwurf“1 auf die patriarchalen „Eminenzen“ der Studentenbewegung. 1968, als im studentischen Milieu der RUB über Klassenkampf und Revolution diskutiert wurde, verließ sie die „Basisgruppe Germanistik“ und wurde an der Volkshochschule (VHS) Bochum Kursleiterin für das Fach „Literatur“ im Grundstudienprogramm. Der dafür verantwortliche Fachbereichsleiter machte sie 1970 darauf aufmerksam, dass an der VHS Gelsenkirchen die Stelle des Leiters des Fachbereichs „Gesellschaft und Politik“ frei wurde. Sie bewarb sich und sollte, bis auf einen Abstecher in die hessische Weiterbildungslandschaft zwischen 1974 und 1977, diesen Fachbereich an der VHS Gelsenkirchen bis zum Jahre 2000 prägen. „Ich galt als eine Frau in einem Männerberuf. Damit lernte ich umzugehen.“

 

In den 1970er-Jahren: Eine Frau in einem Männerberuf

Am Ort fand sie 1970 eine tragfähige Angebotsstruktur für Erwachsene und Jugendliche vor. Zum VHS-Fachbereich „Gesellschaft und Politik“ gehörte die örtliche Arbeitsgemeinschaft „Arbeit und Leben“ (DGB/VHS), eine nach 1945 von Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) und den Volkshochschulen institutionalisierte Kooperation. „Arbeit und Leben“ suchte durch politische Bildung demokratische Willensbildung in der Gesellschaft zu fördern sowie, der Name ist Programm, soziale Gerechtigkeit und Solidarität als Grundlagen für Arbeit und Leben zu stärken. Für die Erwachsenen gab es bei der VHS Internatskurse und Gesprächskreise zu gesellschaftlich aktuellen Themen wie Chancengleichheit, Kalter Krieg, Antiautoritäre Erziehung u.a. Von 1970 bis 1973 war Marianne Kaiser dabei auch zugleich Jugendbildungsreferentin. Teilnehmende im Jugendbereich waren OberschülerInnen und Lehrlinge, die meistens aus Arbeiterhaushalten kamen. Die VHS pflegte in Weiterführung der Weimarer Bildungsvorstellungen demokratische Formen der Mitwirkung bei Wochenendseminaren und Kursen, ein Kreis von „Teamern“ gestaltete mit der Leitung gemeinsam die Programmplanung und die Kurse.2

Ab 1977 war sie dann nur noch für den Bereich der Erwachsenen zuständig. Dass in der VHS die Teilnehmenden nur auf freiwilliger Basis kamen, machte für Marianne Kaiser immer den besonderen Reiz dieser Arbeit aus, denn dies bedeutete einen ständigen Austausch zwischen Teilnehmenden und Kursleitungen sowie eine permanente Entwicklung neuer Angebote im Kontext zeitspezifischer gesellschaftlicher Problemlagen und Lernbedürfnisse.

 

Lernen in der VHS

Die Volkshochschule bot auch der Erwachsenenbildnerin selbst anfangs ein besonderes Lernfeld: Allmählich erschlossen sich Marianne Kaiser durch ihre Arbeit die Strukturen der zunächst als unwirtlich erfahrenen Stadt mit ihrer politischen Vorderbühne, der Hinter- und Unterbühne: das Selbstverständnis der Gewerkschaften und der Parteien, die wirtschaftlichen und kommunalpolitischen Gegebenheiten.

Nach dem Ende der Zeche „Graf Bismarck“ im September 19663 – für viele im Ruhrgebiet ein Fanal – hatte nicht nur in Gelsenkirchen die Einsicht zu wachsen begonnen, dass man nicht in einer konjunkturabhängigen Kohlekrise steckte, sondern am Anfang vom Ende des Kohlenzeitalters stand: 4 „Gelsenkirchen darf kein Armenhaus werden“, lauteten die Transparente auf den Demonstrationen.

Die zugezogene Erwachsenenbildnerin erfasste, wie sehr die Stadt politisch von der SPD und den Gewerkschaften geprägt war, die ihr Hauptziel angesichts der Krisen von Kohle und Stahl darin sahen, Arbeiterinteressen zu verteidigen. Sie nahm wahr, wie tief der montanindustrielle Komplex die patriarchale Struktur der Ruhrgebietsgesellschaft bestimmte und die Rolle der Frauen im Modell Ernährerlohn/ Zuverdienst festschrieb. Sie erfuhr, wie wichtig es für die Familien war, Arbeitsplätze und gute Bildungschancen für die Kinder zu sichern. Sie erlebte das Ansehen, das Willy Brandt mit seiner neuen Ostpolitik in der Stadt erfuhr.

1971 wurde sie Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), wechselte dann 1977 zur Gewerkschaft für den öffentlichen Dienst (ÖTV). Sie trat auch der SPD bei, weil sie Willy Brandts Forderung „Mehr Demokratie wagen“ überzeugte, verließ aber die Partei wieder, aus Protest gegen die Politik der Berufsverbote. Denn sie hatte in der Bildungsarbeit in Gelsenkirchen Kommunisten kennen gelernt, die sie als Personen beeindruckt hatten, und war der Auffassung, dass man sich mit ihnen inhaltlich auseinandersetzen müsste, ohne ihre Existenz zu gefährden. Ihr politisches Engagement galt von da an vor allem der Gewerkschaftsarbeit.

Auch die beruflichen Kontakte, die sie zur „Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen“ im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ unterhielt, halfen der eingewanderten Literaturwissenschaftlerin, die Geschichte, die Mentalität und den Habitus der Menschen im Ruhrgebiet mit ihrem direkten, manchmal drastischen Ton zu verstehen. Und allmählich gewöhnte sie sich auch an die Industrielandschaft.

 

Blütezeit der Weiterbildung

Marianne Kaiser fand in den 1970er-Jahren in Gelsenkirchen ein besonderes Klima für die Erwachsenenbildung vor: Dr. Ulrich Jung, seit 1970 Leiter der VHS Gelsenkirchen, gehörte zu den zentralen Akteuren des nordrheinwestfälischen Weiterbildungsgesetzes von 1975. Dieses etablierte die Weiterbildung zum ersten Mal in der Bildungsgeschichte der alten Bundesrepublik als „vierte Säule“ des Bildungswesens.5Damit entwickelte sich eine Perspektive, die Weiterbildung als dauerhafte, permanente, altersunabhängige und unabgeschlossene Aufgabe für alle festschrieb. In der Stadt Gelsenkirchen war man sich einig darüber, dass eine so konzipierte Weiterbildung für die Bewältigung der wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Transformation eine hohe Priorität besaß.

1972 entstand in Gelsenkirchen mit Mitteln der Strukturförderung des Landes ein neues Gebäude für die Volkshochschule, das „Bildungszentrum“. Seine markante Lage in der Stadt gegenüber dem Musiktheater setzte die gewachsene Bedeutung der Weiterbildung stadtplanerisch um und übertrug die zeitgenössische wissenschaftliche Diskussion, Weiterbildung für alle gut und zentral erreichbar zu gestalten, im Rahmen des Gelsenkirchener Stadtumbaus geradezu mustergültig. In diesem für Weiterbildung positiv gestimmten Umfeld entwickelte Marianne Kaiser von 1977 an bis zu ihrem dienstrechtlichen Ausscheiden aus der VHS im Jahre 2000 langjährig die Arbeitsschwerpunkte Frauenbildung, Stadtgeschichte, Perspektiven des Strukturwandels, Ost-West-Thematik, Europäische Integration.

 

Frauenbildung

1971 bot Marianne Kaiser im VHS-Programm zum ersten Mal einen Gesprächskreis „Politik für Frauen“ an, zu dem es ab 1973 auch ein Kinderbetreuungsangebot gab. 1972 hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund auf Initiative der Gewerkschaftsfrauen das „Jahr der Arbeitnehmerin“ ausgerufen, in einer Zeit, als in Deutschland Vollbeschäftigung herrschte und die Industrie auf eine zunehmende Einbeziehung von Frauen in den Arbeitsmarkt drängte. Das „Jahr der Arbeitnehmerin“ sollte einerseits für Diskriminierung sensibilisieren, andererseits zielte es auf die Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen durch Erhöhung weiblicher Bildungschancen, Lohngleichheit und eine vom Mann unabhängige Rentenversicherung als politische Ziele.6

Über diese Fragen wurde auch in der VHS diskutiert. Dies geschah unabhängig von den Aktivitäten der „autonomen“ Frauenbewegungen, die sich um 1968 formierten, doch zeitgleich in einer gesellschaftlichen Situation, in der vieles in Bewegung geriet. Das Thema der Lohndiskriminierung gewann dann in Gelsenkirchen einige Jahre später große Bedeutung.

 

„Wir wollen gleiche Löhne – keiner schiebt uns weg!“

Als politische Weiterbildnerin und Gewerkschafterin wurde Marianne Kaiser dabei eine Akteurin in einem berühmten Arbeitsprozess der Bundesrepublik um „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“: Das Ruhrgebiet hatte nicht nur Arbeitsplätze in der Montanindustrie. Als dicht besiedeltes Gebiet stellte es auch ein großes Reservoir an weiblichen Arbeitskräften für die Konsumgüterindustrie und den Dienstleistungssektor bereit. So siedelten sich nach dem Krieg im Raum Gelsenkirchen, Wattenscheid, Recklinghausen Firmen der Bekleidungsindustrie an und kalkulierten mit den Frauen und Töchtern der Bergleute und Hüttenarbeiter als Arbeitskräfte sowie dem finanziell starken Absatzmarkt Ruhrgebiet.7 Später folgte die Elektroindustrie und Firmen wie die „Fotobetriebe Heinze“, die über Nacht Urlaubsfotos entwickelten und damit warben, dass die Farbbilder mit Datumsangabe auf der Rückseite entwickelt wurden. Damit reagierten sie auf ein doppeltes Konsumbedürfnis: Auf die sich entfaltende Reisewelle und die sich massenkulturell ausprägende Disposition, diese Reisen auch fotografisch festzuhalten. 1978 wurde deshalb bei Heinze im Laborbetrieb die Nachtarbeit eingeführt. Und zum ersten Mal stellte die Geschäftsleitung in dieser bisher nur mit Frauen besetzten Abteilung auch Männer ein.

Alle machten die gleiche Arbeit und waren in der gleichen niedrigen Lohngruppe. Die Männer erhielten dabei aber, zusätzlich zu ihrer tariflichen Nachtzulage, eine außertarifliche Zulage, die ihren Grundlohn im Schnitt um 25 Prozent erhöhte. Als diese Praxis bekannt wurde, verlangten die Frauen eine Gleichbehandlung. Der Arbeitgeber bestand auf seiner Vertragsfreiheit, der Betriebsrat strebte zunächst Verhandlungen an. Dazu organisierte er vorab eine Belegschaftsversammlung mit der DGB-Kollegin Marianne Kaiser als Referentin zum Thema „Lohngleichheit“. Alles blieb ohne Erfolg. Deshalb gab es danach außerhalb der Arbeitszeit Treffen der Frauen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Marianne Kaiser war als Gast dabei und sie bot im Rahmen von „Arbeit und Leben“ Seminare als begleitende politische Weiterbildung an, als sich abzeichnete, dass 29 der Frauen ihre Forderung auf gleiche Zahlung der außertariflichen Zulage auch vor Gericht einklagen wollten.

Anfang 1979 gaben sie ihre Klage vor dem Arbeitsgericht Gelsenkirchen wegen Verstoßes gegen das Gleichbehandlungsgebot nach EU-Recht bekannt. Im Sinne betriebsnaher Bildungsarbeit wurden die anstehenden rechtlichen Fragen des Prozesses von da an in den Seminaren in Kooperation mit der Gewerkschaft IG Druck und Papier behandelt.

Mit ihren gewerkschaftlichen und beruflichen Kontakten trug Marianne Kaiser im Frühjahr dazu bei, dass das Anliegen der Arbeitnehmerinnen in die örtlichen Öffentlichkeit(en) getragen wurde. Die Klage fand großes Interesse in den Medien, gewerkschaftliche Frauenausschüsse, Betriebsräte, parteilich und religiös gebundene sowie autonome Frauenbewegungen solidarisierten sich. Nach Marianne Kaisers Wahrnehmung nahmen sich gewerkschaftliche und autonome Frauenbewegung in diesem Prozess zum ersten Mal offen und konstruktiv zur Kenntnis. Die Lohnungleichheit empörte auch diejenigen, die ihr Selbstverständnis in der autonomen Frauenbewegung entwickelt hatten, und die Gewerkschaftskolleginnen räumten ein, dass an der Kritik der autonomen Frauen am „Patriarchat“ gerade im Ruhrgebiet etwas Wahres dran sein könnte.8 Dem Sieg der Frauen vor dem Arbeitsgericht vor Ort im Mai 1979 folgte im September die Niederlage vor dem Landesarbeitsgericht in Hamm, das aber eine Revision vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel zuließ.

Noch während der Rückfahrt von Hamm entschieden sich die Frauen, mit Unterstützung ihrer Gewerkschaft und des lokalen Gelsenkirchener Netzwerkes vor das Bundearbeitsgericht nach Kassel zu gehen. Der Prozess dort fand zwei Jahre später im September 1981 statt. In der langen Zeit zwischen den Prozessen zog die öffentliche Resonanz zur Unterstützung der Kolleginnen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene immer weitere Kreise. Marianne Kaiser wirkte daran mit.

Begleitend zu den beiden ersten Gerichtsterminen hatten die Seminare bei „Arbeit und Leben“ in Kooperation mit der IG Druck und Papier stattgefunden. Dort war neben rechtlichen Aspekten auch zur Sprache gekommen, wie die Frauen den Verlauf ihrer Klage persönlich erlebten. Dabei waren Tonbandaufnahmen von den Diskussionen gemacht worden. Die Klage vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel hatte grundsätzliche Bedeutung und brachte für die Gelsenkirchener Arbeiterinnen aus „kleinen Verhältnissen“ gänzlich neue Erfahrungen. Sie mussten lernen, in einer medialen Öffentlichkeit zu stehen.

 

„Frauen sind keine Heinzelmänner“

Das in den Weiterbildungsseminaren aufgezeichnete Tonmaterial und andere Dokumente hatte Marianne Kaiser in Absprache mit den Kolleginnen und in Kooperation mit der IG Druck und Papier zu einem Manuskript verarbeitet.

Der Text sollte als Arbeitsmaterial für die weitere gewerkschaftliche Bildungsarbeit dienen. Doch dann kam ihr die Idee, es dem Rowohlt-Verlag für seine Reihe „Frauen aktuell“ anzubieten, was die prozessierenden Frauen billigten. Die Dokumentation wurde angenommen: „Wir wollen gleiche Löhne“ erschien 1980 und stellt heute eine wichtige Dokumentation zur Frauenbewegung der Bundesrepublik dar.

Angeregt durch das Buch entstand das Theaterstück im Auftrag der Ruhrfestspiele in Zusammenarbeit mit dem mobilen Rhein-Main-Theater „Frauen sind keine Heinzelmänner“, das 1980 Premiere in Gelsenkirchen hatte und danach im Festspielhaus am 1. Mai aufgeführt wurde.

1981 organisierte Marianne Kaiser mit, dass aus Gelsenkirchen vier Busse nach Kassel fuhren zu einer Großveranstaltung der Gewerkschaft Druck und Papier mit dem Motto „Solidarität mit den Heinze-Frauen“, die der Gerichtsverhandlung in Kassel einige Tage vorgeschaltet war und bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte. Auch bei dem Prozess selbst am 9. September 1981 war sie wieder dabei. „Du hast uns immer bestärkt!“ dankten ihr die Kolleginnen noch Jahre später.

Der 5. Senat des Bundesarbeitsgerichtes gab den Klägerinnen Recht! Auch das Bundesarbeitsgericht bezog sich dabei auf Artikel 119 der Römischen Verträge, gleichsam das Gründungsdokument der Europäischen Union, in dem bereits der Grundsatz des gleichen Entgelts für Männer und Frauen bei gleicher Arbeit festgeschrieben worden war.9 Das Urteil sollte Signalwirkung entfalten. Für die „Heinze-Frauen“ selbst blieb allerdings nur als Genugtuung, Recht bekommen zu haben. Denn kurz nach dem gerichtlichen Sieg stand die Firma Heinze vor der Insolvenz und konnte nicht zahlen. Für Marianne Kaiser zählt der Prozess „zu den wichtigsten Stationen meines Lebens. Er ist zu Recht in die Geschichte der Stadt und des Ruhrgebiets eingegangen.“

 

Gesellschaftlicher Wandel durch Bildungsangebote

1975 wurde nicht nur von der UN das „Jahr der Frau“ als Start für die „Dekade der Frau“ ausgerufen, sondern die Bewegungen gegen den § 218 intensivierten sich, nachdem das Bundesverfassungsgericht die 1974 vom Bundestag angenommene „Fristenregelung“ für verfassungswidrig erklärt hatte. Im Rahmen der allgemeinen frauenpolitischen Aufbrüche wuchsen in der VHS die Angebote für Frauen. Frauengesprächskreise, Tagesseminare, Wochenseminare fanden breite Resonanz bei Frauen, die in Erwerbs- und Hausarbeit standen. Türkische Frauen zeigten sich an Gesprächskreisen interessiert. Sie fühlten sich alle im Sinne des Mottos „Frauen können mehr“ angesprochen. Die begleitende Kinderbetreuung bei mehrtägigen preiswerten Seminaren von „Arbeit und Leben“ machte diese zusätzlich attraktiv. Die Teilnehmerinnen an den Frauenbildungsangeboten insbesondere bei „Arbeit und Leben“ kamen überwiegend aus dem Arbeiter- und Angestelltenmilieu und waren kaum mit den neuen Frauenbewegungen in Berührung gekommen. Dagegen hatten die zahlreichen Kursleiterinnen zumeist studiert und kannten Positionen der alten, der neuen wie auch der autonomen Frauenbewegungen.

Als wichtig erwies sich die Kontinuität der Angebote, für die das Weiterbildungsgesetz von 1975 die Strukturen sicherte, denn so wurden längerfristige Bewusstwerdungs- und Entwicklungsprozesse eingeleitet und begleitet. Marianne Kaiser erklärt dazu: „Zwischen 1978 und 1984 entwickelte sich die VHS zu einem Ort der Frauenöffentlichkeit in der Stadt und blieb es für lange Zeit.“ Seit 1985 kümmerte sie sich zwölf Jahre lang zusammen mit dem Frauenbüro um die Organisation einer jährlichen gemeinsamen Veranstaltung aller Frauenorganisationen in Gelsenkirchen zum Internationalen Frauentag. Diese Form der Kooperation trug dazu bei, dass Aktive verschiedener Organisationen miteinander ins Gespräch kamen und sich vernetzten.10

Unterstützt vom Frauenbüro initiierte Marianne Kaiser 1987 im Rahmen der landesweiten Aktion „Kultur 90“ zur Förderung beispielhafter Initiativen das Projekt einer „Frauengeschichtswerkstatt“, die Dokumente zu bemerkenswerten Frauen in der Geschichte Gelsenkirchens zusammentrug. 1992 veröffentlichten die Teilnehmerinnen ihre Dokumentation.11 Sie entwickelten Stadtrundgänge zur Frauengeschichte und auf dieser Basis entstand später eine weitere Publikation.12Damit gaben sie wichtige Impulse für eine Neuorientierung der Stadtgeschichte, die seitdem nicht nur in Gelsenkirchen nicht mehr ohne Frauen geschrieben werden kann.13

 „Am Ende meines Berufslebens habe ich es zu meinen positivsten Erfahrungen gerechnet, bei allen diesen frauenbewegten und frauenpolitischen Prozessen mitgewirkt zu haben,“ formuliert Marianne Kaiser und stellt einen Aspekt des Strukturwandels heraus, der so bislang kaum formuliert, diskutiert, geschweige denn systematisch untersucht worden wäre: „Die Frauenbewegung, die ich im Ruhrgebiet erlebt und in Gelsenkirchen mitgestaltet habe, verschränkte sich hier mit der Strukturkrise. Denn in dem Maße, in dem alte wirtschaftliche und soziale Strukturen wegbrachen und fragwürdig wurden, mussten die Frauen auch ihre eigene Situation neu denken und wagten mehr und mehr, sich mit der Beharrlichkeit patriarchalischer Haltungen auseinanderzusetzen und für sich neue Wege ins Auge zu fassen.“

Doch gehörten zu ihrem Programm von „Arbeit und Leben“ seit den 1970er-Jahren auch Studienfahrten, bei denen die Ost-West-Beziehungen vor Ort in Berlin, in der DDR und der UdSSR und Ungarn thematisiert wurden, ebenso wie Fahrten, bei denen es vor Ort in Brüssel, Luxemburg, Straßburg und in europäischen Nachbarländern um Prozesse und Formen der europäischen Integration ging.

 

Strukturwandel und Geschichtsbewusstsein

Die Bedeutung der Volkshochschulen für Individuen wie Gesellschaften lag und liegt darin, Wandel durch Bildungsangebote anzuregen und zu begleiten. In Gelsenkirchen bedeutete die Schließung von Bergwerken, Stahlwerken, Zuliefer- und anderen Produktionsbetrieben nicht nur den Verlust von Arbeit, Auskommen und Lebensperspektiven. Die ruhrgebietsspezifische Verknüpfung von Arbeitsplatz und Wohnung in Unternehmenshand führte auch zu einer Gefährdung günstigen Wohnraums, Nachbarschaften und sozialräumlicher Gewissheit, denn die Unternehmen suchten ihre Kolonien in frei verfügbares Bodenkapital zurück zu verwandeln. Der Abriss von Werksanlagen riss riesige Wunden in die Topografie der Stadt. Räumliche Orientierungen verschwanden. Im Austausch mit den Gewerkschaften plante Marianne Kaiser betriebsnahe Bildungsangebote, in denen die komplexen Probleme, die sich mit dem Ende der Montanindustrie einstellten, bearbeitet wurden: Thyssen Gussstahlwerk, Textilfabriken, Zeche Nordstern, Zeche Consol, Zeche Wilhelmine-Victoria, Zeche Hugo, Seppelfricke, Foto Heinze, Eurovia … – nach und nach schlossen Produktionsstätten mit traditionsreichen Namen.

Von 1981 bis 2000 dauerte das Ende des Werks „Thyssen Schalker Verein“, um dessen Erhalt in der ganzen Stadt vergeblich gekämpft wurde. Für Vertrauensleute und deren Frauen veranstaltete Marianne Kaiser Anfang der 1980-er Jahre Seminare im Rahmen von „Arbeit und Leben“. Sie schufen Bewusstsein, bereiteten Proteste vor und nach, setzten sich mit den Möglichkeiten und Grenzen des Erhalts auseinander und stärkten vor allem den Zusammenhalt.

Eine Möglichkeit, die immensen Verluste produktiv zu bearbeiten, stellten Geschichtswerkstätten im Rahmen der VHS-Arbeit dar. So bat, Jahre nach dem Ende des „Schalker Vereins“, der Teilnehmerkreis der Seminare Marianne Kaiser als Rentnerin, mit ihnen ein Buch über die Werksgeschichte zu erarbeiten.14 Sie reichte diesen Wunsch an ihre Nachfolgerin Brigitte Schneider weiter und beteiligte sich selbst mit einem Beitrag, in dem sie zusammen mit den Frauen deren Sicht auf das Ende des Werkes festhielt.

Bereits seit 1998 hatte sie einer Gruppe von Textilarbeiterinnen in Tagesseminaren bei „Arbeit und Leben“ Gelegenheit gegeben, Erfahrungen mit dem Niedergang „ihrer“ Industrie zusammenzutragen. Die Historikerin Birgit Beese half dabei. Seit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Bekleidungsindustrie in Gelsenkirchen eine wichtige Rolle gespielt, war dann über Italien und die Türkei nach Asien gewandert und völlig aus Gelsenkirchen verschwunden. Aus der Seminararbeit erwuchs das Buch „Arbeit an der Mode“, das mit seiner strukturellen wie erfahrungsorientierten Analyse bis heute eine wichtige Quelle zum Verständnis der Transformationen des Ruhrgebiets im Rahmen globalisierter Wirtschaft darstellt.15

Inwieweit diese Geschichtsarbeit als Kompensation des Verlustes oder als historisch-kritische Ermächtigung zu deuten ist, muss dahingestellt bleiben. In einer Stadt mit Strukturbruch wie Gelsenkirchen bot sie auf jeden Fall die Möglichkeit, ein Stück weit die Deutungshoheit über die eigene Biografie zurückzugewinnen und der Ohnmacht und Entmächtigung eigene Erzählungen entgegen zu setzen. Als Gutachterin bei diversen Wettbewerben des Forums Geschichtskultur zur Geschichte des Ruhrgebiets hat Marianne Kaiser diese überlebenswichtige Funktion von Geschichte herausgestellt und gegen die akademische Abwertung von Erinnerungen für eine Verschränkung von Erfahrungsgeschichte und Strukturgeschichte plädiert.

Ein weiterer früher und kontinuierlicher Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Daraus entstanden neben vielfältigen Aktivitäten in der VHS, die nachhaltig in die Stadt hineinwirkten16, auch zwei Publikationen. 17

Marianne Kaiser stieß dabei auf die Geschichte der ungarischen jüdischen Mädchen und Frauen, die als Zwangsarbeiterinnen des Werkes Gelsenberg eingesetzt waren und 1944 bei Luftangriffen starben.18 Einige der Zwangsarbeiterinnen hatten, teils durch die Hilfe des Arztes Dr. Bertram, überlebt. Als sie 1995 Ehrengäste der Stadt anlässlich der Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag des Kriegsendes waren, erlebte Marianne Kaiser, wie Peri Hirsch aus den USA vom spurlosen Verlust ihrer älteren verwundeten Schwester Blanka im Jahre 1944 sprach. Für Marianne Kaiser verbindet sich damit eine bewegende Erinnerung an ihre Bildungsarbeit: Es gelang in der Frauengeschichtswerkstatt, insbesondere dank Marlies Mrotzek, durch Kontakte und glückliche Umstände, Blanka Pollaks Todesumstände und ihr Grab in Bottrop ausfindig zu machen.

Bis 1999 sorgte Marianne Kaiser dann privat in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit der Familie Hirsch dafür, dass der verschollenen Schwester Blanka Pollak ein Grabstein gesetzt wurde. Der wurde in Anwesenheit der Familie Hirsch bei einer würdigen Totenfeier in Bottrop geweiht. Peri Hirsch und Marianne Kaiser stehen seither in freundschaftlichem Kontakt.

Parallel zu dem Angebot geschichtsbezogener Themen machte Marianne Kaiser die VHS seit Mitte der 1980er-Jahre aber auch zu einem Ort, an dem immer wieder zukunftsorientierte Überlegungen zur Gestaltung des Strukturwandels öffentlich vorgestellt und diskutiert wurden. Dazu suchte sie die Kooperation mit dem Sekretariat für Zukunftsforschung, der Internationalen Bauausstellung, der Lokalen Agenda 21 und von StadtplanerInnen.

 

Wann gehört man dazu?

Als Fachbereichsleiterin, Kursleiterin, engagierte Gewerkschafterin, ehrenamtliche Personalrätin und Arbeitsrichterin erwarb sich Marianne Kaiser bei ihrer Arbeit in den Augen vieler Menschen Glaubwürdigkeit und Autorität. Hilfreich bei all dem war, so sagt sie selbst, ihre Fähigkeit und Freude daran, „zu kooperieren und Netzwerke zu knüpfen.“ Gleichwohl eckte sie in der lange Zeit SPD-geprägten politischen Kultur der Stadt Gelsenkirchen auch gelegentlich an, so z.B. als auf ihre Anregung hin der DGB-Kreisfrauenausschuss 1978 das Theaterstück zur Betriebsschließung der Textilfirma Eurovia „Zehn Jahre danach“ aufführen ließ19, in dem Oberbürgermeister Werner Kuhlmann in deutlichen Worten kritisiert wurde, oder als sie 1984 bei den Personalratswahlen mit Platz 1 auf der ÖTV-Liste der Angestellten die von der SPD favorisierten KandidatInnen überholte. Auch mit ihrer Kandidatur bei den Landtagswahlen 1985 für die „Friedensliste“, die in der Lesart der Sozialdemokratie als kommunistisch gesteuert galt, setzte sie trotz aller Kritik als Kriegskind Marianne20 ein Zeichen. Zuvor war sie in der Friedensbewegung aktiv gewesen.

Die Zugereiste entwickelte im Laufe der Jahre viel Zuneigung für das Ruhrgebiet und vor allem zu den Menschen und ihrer Mentalität. Die unermüdlichen Anstrengungen der Kommunalpolitik, den wirtschaftlichen Wandel voranzutreiben und ehemalige Industriestandorte für neue wirtschaftliche und kulturelle Zwecke weiter zu entwickeln, beeindruckten sie, wie sie im Gespräch betont. Doch diese positiven Veränderungen milderten die Wucht des Strukturbruchs nur partiell. Gelsenkirchen insgesamt tut sich mit wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten schwer.

Auch nach dem Ende ihres Berufslebens blieb Marianne Kaiser in Gelsenkirchen, lebte aber auch bis 2004 teilweise aus persönlichen Gründen in der Toskana, wo sie 1985 ihren zweiten Mann gefunden hatte, ohne ihren Lebensmittelpunkt ganz dorthin zu verlegen. Denn sie hatte mittlerweile im Ruhrgebiet Wurzeln geschlagen. Die geschundene Natur der Industrielandschaft hatte sich unter einem blauen Himmel über der Ruhr21 erholt, nicht zuletzt, weil die „Tausend Feuer“ der Montanindustrie nicht nur in Gelsenkirchen verloschen sind. Und das Opel-Werk, das ihr in ihrer ersten Bochumer Wohnung den Blick auf die Natur versperrte, gibt es mittlerweile auch nicht mehr.

Uta C. Schmidt

 

 

 

 

  1. Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung und Feministisches Institut (Hg.), Wie weit flog die Tomate, Berlin 1999; Hertrampf, Susanne, Ein Tomatenwurf und seine Folgen, in: http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35287/neue-welle-im-westen?p=all (aufgerufen am 01.09.2019).
  2. Zur VHS Gelsenkirchen vgl. Schmidt, Uta C., 100 Jahre VHS Gelsenkirchen, hg. v.d. Stadt Gelsenkirchen/ der Oberbürgermeister, Gelsenkirchen 2019.
  3. Vgl. Schmidt, Uta C. (Hg.), Kirche in der Stadt. Wattenscheider Barock und Gelsenkirchener Appell, Gelsenkirchen 2017, S. 140ff.
  4. Vgl. Goch, Stefan, Eine Region im Kampf mit dem Strukturwandel : Bewältigung von Strukturwandel und Strukturpolitik im Ruhrgebiet, Essen 2002.
  5. Der Begriff, den der Deutsche Bildungsrat 1973 in seinem „Strukturplan für das Bildungswesen“ – internationale Entwicklungen aufgreifend – festschrieb, markiert den Wechsel von der Erwachsenenbilddung hin zur Weiterbildung und damit eine Temporalisierung von Bildung, vgl. Seiter (Anm. 1), S. 137ff.
  6. Vgl. Dobberthien, Marliese, Gewerkschaftsfrauen, in: Soden, Christine von (Hg.), Der große Unterschied. Die neue Frauenbewegung und die siebziger Jahre, Berlin 1988, S. 76-79, hier S. 76.
  7. Hierzu z.B. Arbeitskreis Recklinghäuser Frauengeschichte (Hg.), Aktive Frauen in Recklinghausen und Umgebung, Recklinghausen 2017, derselbe, Frauenleben in Recklinghausen. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, Recklinghausen 2017.
  8. Vgl. Marianne Kaiser: Etablierung der Frauenbildungsarbeit in den achtziger Jahren. Das Beispiel Gelsenkirchen, in: Franz-Josef  Jelich/ Schneider, Günter (Hg.): Orientieren und gestalten in einer Welt der Umbrüche: Beiträge zur politischen und sozialen Bildung von Arbeit und Leben Nordrhein-Westfalen, Essen 1999, S.158ff.
  9. Dieser historische Artikel 119, der die Grundlage für spektakuläre Arbeitskämpfe und juristische Auslegungsprozesse bildete, entstand als arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Kompromiss zwischen Frankreich und Deutschland im Aushandlungsprozess der Römischen Verträge (1947) als Grundlage der heutigen Europäischen Gemeinschaft. Was eigentlich als ein ökonomisches Wettbewerbsprinzip gedacht war, entwickelte dank Aneignung durch kluge Protagonistinnen eine nicht mehr einzudämmende Eigendynamik im Sinne einer Entgeltgleichheit. Vgl. Frader, Laura L., Un chemin sinueux vers l’égalité. L’article 119 du traité de Rome et le rôle de la France, in: Briatte, Anne-Laure/ Gubin, Éliane/ Thébaud, Françoise (Hg.), L’Europe, une chance pour les femmes? Le genre de la construction européenne. Mit Unterstützung der Forschungskommission der Universität Paris 1 Panthénon-Sorbonne und der Forschungsplattform EHNE (Écrire une histoire nouvelle de l’Europe), Editions de la Sorbonne 2019, S. 95-104.
  10. Vgl. dazu auch Kaiser, Marianne, Die Frau in der Volkshochschule. Versuch einer Bilanz, in: Volkshochschule im Westen 24.1972, H. 6, S. 248-249; dies: Etablierung der Frauenbildungsarbeit in den achtziger Jahren – das Beispiel Gelsenkirchen. In: Jelich, Franz-Josef und Günter Schneider (Hg.): Orientieren und Gestalten in einer Welt der Umbrüche. Beiträge zur politischen und sozialen Bildung von Arbeit und Leben Nordrhein-Westfalen, Essen 1999, S. 158-164; dies.: Frauen und Mädchen in Familie, Betrieb und Gesellschaft. Entwurf eines Kursmodells für den Bildungsurlaub mit weiblichen Lohnabhängigen, in: Kuhlenkamp, Detlef u.a. : Didaktische Modelle für den Bildungsurlaub, Grafenau 1975, S. 175-224; dies.: Aspekte einer Didaktik- und Methodendiskussion der Bildungsarbeit mit Frauen in Volkshochschulen. (Zusammen mit Hannelore Peltzer-Gall), in: Angela Jurinek-Stinner/ Marianne Weg (Hg): Frauen lernen ihre Situation verändern. Was kann Bildungsarbeit dazu beitragen?, München/ Wien/ Baltimore 1982, S. 83-100; dies: Frauen können mehr. Erfahrungen aus der Frauenbildungsarbeit an der Volkshochschule Gelsenkirchen 1982 – 1992, in: Derichs-Kunstmann, Karin und Brigitte Müthing (Hg.): Frauen lernen anders. Theorie und Praxis der Weiterbildung für Frauen, Bielefeld 1993, S. 187-194.
  11. Keine GEschichte ohne Frauen. Eine Auswahl von Materialien zur Geschichte von Frauen in Gelsenkirchen, zusammengestellt von der Frauengeschichtswerkstatt an der VHS Gelsenkirchen, hg. v. Frauenbüro der Stadt Gelsenkirchen, Red. v. Gaby Meyer-Ulrich, Marianne Kaiser, Andrea Baranski, Gina Cornelisen-Wagner, Bärbel König-Bargel, Gelsenkirchen 1992.
  12. Von Hexen, Engeln und anderen Kämpferinnen. Stadtrundgänge zur Frauengeschichte in Gelsenkirchen, hg. v. Frauen- und Mädchenforum der Lokalen Agenda 21., red. v. Renate Janßen, Gelsenkirchen 2001.
  13. Ein Interview mit Marianne Kaiser über ihre Arbeitsweise ist eingeflossen in: Friedrich Hagedorn, Sabine Jungk, Mechthild Lohmann, Heinz H. Meyer (Hg.), Anders arbeiten in Bildung und Kultur. Kooperation und Vernetzung als soziales Kapital, Weinheim/ Basel 1994 (Zukunftsstudien 14), S.69 – 76.
  14. Lokale Agenda 21 Gelsenkirchen (Hg.), Der Schalker Verein: Arbeit und Leben in Bulmke-Hüllen, Gelsenkirchen 2008.
  15. Beese, Birgit/ Schneider, Brigitte, Arbeit an der Mode, Essen 2001.
  16. Ihre ab 1982 jährlich angebotene Stadtrundfahrt „Gelsenkirchen 1933-45“ wurde 1995 vom Institut für Stadtgeschichte übernommen.
  17. Hering, Hartmut/ Kaiser, Marianne (Hg.), Gelsenkirchen 1933-45. Beispiele des Widerstandes in Gelsenkirchen. Gelsenkirchen 1980; Hering, Hartmut /Kaiser, Marianne, Beispiele der Verfolgung und des Widerstandes in Gelsenkirchen 1933-45. Arbeitsergebnisse aus einem Kursus der Volkshochschule der Stadt Gelsenkirchen, Gelsenkirchen 1982.
  18. Vgl. zu Blanka Pollak / 1925-1945. Das Totengebet für Blanka Pollak, https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_biografie/blanka-pollak/ (aufgerufen am 01.09.2019).
  19. Dieses Theaterstück war in Kooperation mit dem Industrie- und Sozialpfarrer Kurt Struppek von Werksangehörigen selbst geschrieben und 1977/78 mehrfach außerhalb Gelsenkirchens aufgeführt worden, vgl. auch Schmidt, Uta C. (Hg.), Kirche in der Stadt (Anm. 4), S. 156.
  20. Von 2005 bis 2007 nahm sie an der Erinnerungswerkstatt des Kulturwissenschaftlichen Instituts im Rahmen des Projekts „Kinder des Weltkriegs“ teil. Vgl. Behnken, Imbke/ Mikota, Jana (Hg.), Gemeinsam an der Familiengeschichte arbeiten. Texte und Erfahrungen aus Erinnerungswerkstätten, München 2008, S.119-129.
  21. „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“, so lautete eine Forderung von Willy Brandt im Jahre 1961.
Schmidt, Uta C., Marianne Kaiser. Eine Erwachsenenbildnerin als kritische Begleiterin und Akteurin im Strukturwandel, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 25. 01. 2020,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/marianne-kaiser/
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