Ida von Bodelschwingh / 1835-1894

Nur die Frau an seiner Seite?

Ida von Bodelschwingh, am 15. April 1835 auf dem Wasserschloss Haus Heyde bei Unna geboren, war die Frau an der Seite des bekannten Wegbereiters der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, Friedrich von Bodelschwingh. Über sie war bislang wenig bekannt. Doch ihrer Nachwelt hat Ida von Bodelschwingh etwas Wichtiges hinterlassen: Mehr als 500 Briefe liegen im Hauptarchiv Bethel. Sie zeigen den arbeitsreichen Alltag einer Ehefrau, Hausfrau und Mutter im 19. Jahrhundert, aber auch ihre Gedanken und Gefühle, ihre Sorgen und Nöte.
Der Vater von Ida von Bodelschwingh war Carl von Bodelschwingh, der spätere preußische Finanzminister, und ihre Mutter Elise, geborene von Bodelschwingh-Plettenberg. Ida kannte Friedrich von Bodelschwingh schon seit ihrer frühesten Kindheit, denn die beiden waren Cousine und Cousin. Im Oktober 1860 verlobten sie sich, am 18. April 1861 fand die Hochzeit statt.

Für drei Jahre wurde nun Paris ihr Zuhause. Friedrich von Bodelschwingh war dort Pfarrer der deutschen Gemeinde. Hier kam auch der erste Sohn zur Welt. Doch Idas Heimweh nach Deutschland wurde immer stärker, so dass sich Friedrich von Bodelschwingh für eine Pfarrstelle in Dellwig bei Unna entschied. Gewachsene dörfliche Strukturen, ein ansehnliches Pfarrhaus mit Garten und nicht zuletzt die Nähe zu ihrer Familie auf Haus Heyde – hier fühlte sich Ida von Bodelschwingh ausgesprochen wohl. Bis das Paar im Januar 1869 eine private Tragödie erlebte: Eine Epidemie grassierte. Innerhalb von 14 Tagen starben alle vier Kinder an Keuchhusten und Lungenentzündung. Umso schwerer fiel es Ida von Bodelschwingh, wenige Jahre später nach Bethel zu gehen, und die Gräber ihrer Kinder in Dellwig zurückzulassen.

Doch im Januar 1872 siedelten Friedrich und Ida von Bodelschwingh – mittlerweile wieder Eltern eines Sohnes – nach Bielefeld um. Im darauffolgenden Jahr konnte das Paar mit dem vierjährigen Wilhelm und dem knapp einjährigen Gustav ein neu erbautes Pfarrhaus beziehen. Dort kam auch die Tochter Frieda und schließlich der jüngste Sohn Friedrich auf die Welt.

Zwanzig Jahre lebte Ida von Bodelschwingh in einer unaufhörlich wachsenden diakonischen Einrichtung. Auf rund 50 Häuser mit mehr als 1.700 Patientinnen und Patienten dehnte sich Bethel in dieser Zeit aus: Eine Herausforderung auch an sie, als Ehefrau des Anstaltsleiters. Ida von Bodelschwingh machte Krankenbesuche, sortierte und bearbeitete die Post und verfasste selbstständig die Dankesbriefe für die eingegangenen Spenden. Während der Abwesenheit ihres Mannes, der sich häufig auf Reisen befand, organisierte sie die Predigtdienste, ordnete seine Post nach Wichtigkeit und hielt ihn brieflich über den Werdegang verschiedener Patientinnen und Patienten auf dem Laufenden. Auch bei seinen zahlreichen Veröffentlichungen assistierte sie ihrem Mann, der bei der Fülle seiner Aufgaben auf ihre Mitarbeit dringend angewiesen war.

Aus dem Briefwechsel Ida von Bodelschwinghs wissen wir, wie turbulent es manchmal bei ihr im Pfarrhaus zuging. So schreibt sie ihrem Mann am 22. Mai 1876: Mitten in einem stürmisch bewegten Montag suche ich mir ein stilles Stündchen Dir zu schreiben – nebenan Kinderlärm, im Keller und Flur arbeitende Leute, bei denen es oft laut zugeht, dabei wie immer viel Anliegen – Frau Hannes und die Schwester, Frl. Charlotte auf dem Weg zur Stadt, 4 Epileptische – alle im Flur mit Anliegen mich bestürmend...

Die hohe Arbeitsbelastung forderte mit den Jahren ihren Tribut. Phasenweise litt Ida von Bodelschwingh – wie bereits in ihrer Jugend und nach der Geburt ihres ersten Sohnes – unter Depressionen. Sie fühlte sich oft einsam und vermisste ein geordnetes Familienleben mit ihrem Mann. In einem Brief vom Oktober 1885 führt sie ihm vor Augen, wie wenig er sich um seine Familie kümmert: Bei uns ists Sonntags meist so: zuerst Frühstück und Morgenandacht ohne den Papa – er kam den ganzen Sonnabend ja nicht zum Studieren; wenn keine Hauptpredigt, dann dringende Briefe zu erledigen – verspätetes eiligstes Mittagessen, wo man zu müde ist mit den Seinen zu sprechen – 10 Minuten Schlaf, im Trabe in die Brüderstunde! im Stürmen 1 Schluck Kaffee – Schwesterntag, Conferenz, Besuche und dergleichen – Abendpredigt, dringende andere Sachen zu erledigen – Frau und Kinder sind und bleiben allein.
1894 verschlimmerte sich ihr Leiden erheblich, so dass sie im Herbst in das Lindenhaus nach Lemgo gebracht werden musste, einer Heil- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke. Dort starb sie am 5. Dezember 1894 im Alter von 59 Jahren.

Ida von Bodelschwingh führte das Leben einer bürgerlichen Frau, das sich ganz nach der zeitgenössischen Geschlechterordnung vor allem im privaten Bereich als Ehefrau, Hausfrau und Mutter abspielte. Die geschlechtsspezifische Aufgabenteilung hat sie nie auch nur ansatzweise in Frage gestellt. Doch bot ihr das „Amt“ ihres Mannes einen nahezu eigenen Arbeitsbereich, den auch sie „Beruf“ nannte. Wurde sie in Paris noch von ihrem Mann in verschiedene Arbeitsbereiche als Pfarrfrau eingewiesen, nahm sie diese in Dellwig und noch viel mehr in Bethel eigenständig wahr.
Doch während Ida sich an seinem beruflichen Leben aktiv beteiligte, zog Friedrich von Bodelschwingh sich aus dem häuslichen Leben immer mehr zurück. Ruhelos trieb er seine Arbeitsbereiche voran, während sie sich dringend nach mehr Ruhe sehnte. In Idas Briefen aus der späteren Zeit in Bethel spiegelt sich auch ihre Einsamkeit an der Seite ihres berühmten Mannes, den seine eigene Familie leider sehr wenig zu sehen bekam. Dennoch ist sich Ida von Bodelschwingh bis zuletzt der Liebe ihres Mannes sicher,„der mich den größten Theil meines Lebens auf Händen getragen hat.“ (Ida von Bodelschwingh an ihren Mann vom 16.10.1894)

Claudia Puschmann und Kerstin Stockhecke/ Hauptarchiv der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel

 

Orte:

Haus Heyde wurde abgerissen, Spuren in Uelzen, 59425 Unna
Dellwig, 59427 Unna

Literatur:

Claudia Puschmann/ Kerstin Stockhecke, Ida von Bodelschwingh (1835-1894). Ein Lebensbild (Geschichte in Bethel, Bd. 3), Bielefeld 2007.

Puschmann, Claudia; Stockhecke, Kerstin, Ida von Bodelschwingh, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 01. 02. 2010,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/ida-von-bodelschwingh/
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