Hannelore Weihert / 1929-2011

Gehört ab 1971 zu den „Frauen der erste Stunde“ in der Dortmunder Frauenbewegung

Sie war Mitglied der „Aktion 218“, die sich für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen einsetze. Im Jahr 1974 war sie Mitgründerin der Frauen-Aktion-Dortmund (FAD) und zuständig für die Suche und Organisation des Frauenzentrums in der Junggesellenstraße 16. Die FAD war vor allem in den 1970er Jahren Motor der lokalen Frauenbewegung. Bis zu ihrem Ausscheiden im Jahr 1980 war „Hannelore Weihert, Viktoriastr.38 und Hamburger Str.43“ Kontaktadresse der FAD. Sie stand mit Namen und Adresse für die Dortmunder Frauenbewegung.
Hannelore Weihert machte zunächst eine Ausbildung zur Dentistenassistentin. Das Berufsziel einer Dentistin konnte sie wegen fehlender Finanzierung nicht erreichen und daher begann sie 1952 eine Laufbahn im mittleren Dienst bei der Post und ging als Fernmeldebetriebsinspektorin in den Ruhestand. Da Anfang der 1970er Jahre die beruflichen Aufstiegschancen gering waren, suchte sie nach neuen Möglichkeiten, sich sozial und politisch zu engagieren.

Auf die Dortmunder Gruppe der „Aktion 218“ stieß Hannelore Weihert zum ersten Mal im Frühjahr 1971 vor der Dortmunder Reinoldikirche. Sie kam mit den Frauen ins Gespräch und unterschrieb die am Stand ausliegende Liste mit der Forderung nach Streichung des § 218. Sie stieg dann in die Gruppe ein, die sich in Privatwohnungen traf. Neu war das Thema für Hannelore Weihert nicht. Sie hatte sich zuvor bereits an der kirchlichen Morallehre gestoßen, die den Frauen das Selbstbestimmungsrecht in Fragen der Sexualität und Entscheidung für oder gegen Kinder absprach. Sie stieg dann in die Gruppe ein, die sich in Privatwohnungen traf. Hannelore Weihert beteiligte sich fortan an den Gruppendiskusssionen, verteilte Flugblätter in der Innenstadt und diskutierte mit Passantinnen und Passanten an Info-Ständen.
Ein spektakulärer Fall aus Dortmund schuf im Mai 1971 Öffentlichkeit für das Tabuthema: der „Stern“ berichtete über die Vergewaltigung eines 13-jährigen Schulmädchens. Die Dortmunder Ärztekammer befand das Kind kräftig genug zum Austragen des Kindes – trotz Selbstmordgefährdung. Hilfe fand sie erst in der Schweiz. Weitaus öffentlichkeitswirksamer wurde kurz darauf die von Alice Schwarzer in Deutschland lancierte „Selbstbezichtigungskampagne“. Im „Stern“ erklärten am 1.6.1971 Frauen, darunter auch viele Prominente, abgetrieben zu haben. Bis Juli 1971 waren 3.000 Selbstbezichtigungen gesammelt worden, aus Dortmund waren es 45. Für die ersatzlose Streichung des § 218 unterschrieben bundesweit schließlich 89.000 Menschen.
Als 1974 die Fristenlösung vom Bundestag gebilligt und 1975 vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt wurde, hatten sich Hannelore Weihert und ihre Mitstreiterinnen bereits weiteren Fragen von Verhütung und, genereller, Emanzipation und Unterdrückung der Frau zugewandt. Diese Theoriearbeit mündete Ende 1974 in ein Grundsatzpapier mit sozialistisch-feministischer Richtung. Die Gruppe nannte sich nun Frauen-Aktion-Dortmund (FAD) und öffnete sich mit einer Podiumsdiskussison im Dortmunder Fritz-Henßler-Haus und einer Veranstaltung in der Evangelischen Studentengemeinde. Der Zustrom war gewaltig. Aus der Kerngruppe von acht Frauen im Jahr 1971 wurde eine „Frauen-Aktion-Dortmund“ von 91 Mitgliedern im März 1975 und 120 im Jahr 1976. Es entstand eine Vielzahl von Arbeitsgruppen, die sich an bundesweiten Frauenbewegungsthemen und den persönlichen Interessen und Lebenslagen der Frauen orientierten. Hannelore Weihert kümmerte sich in der AG „Frauenzeitung“ um das Layout. Dieses bundesweite Blatt wurde reihum von verschiedenen Frauenzentren gemacht. Im Jahr 1976 war Dortmund mit der Ausgabe Zwischen Kochtopf und Maloche an der Reihe. Das Thema der Frauenerwerbstätigkeit im Ruhrgebiet wurde hier zum ersten Mal in verschiedenen Artikeln aufgeworfen. Nicht nur vom Berliner Frauenzentrum wurde die Ausgabe aus Dortmund vor allem wegen des angeblich unausgegorenen marxistischen Standpunkts und "unfeministischer" Bildgestaltung heftig kritisiert.    
In der AG „Organisation“ war Hannelore Weihert zuständig für die Suche nach Räumen für ein Frauenzentrum, das im Jahr 1976 in der Junggesellenstraße 16 eröffnet wurde. Die Vermieterin, eine Witwe, wollte zunächst nicht dulden, dass im Hause Transparente hergestellt und von hier aus zu Demonstrationen aufgebrochen wurde. Sie ließ sich aber davonüberzeugen, dass gerade dies der Grund zur Anmietung eines Zentrums war. Anschließend war Hannelore Weihert zuständig für die Verwaltung des Zentrums. Es ging um die Raumverteilung an Gruppen, das Aushändigen von Schlüsseln, die Zuständigkeit für Post und Heizung. Diese Organisationsfragen waren jedoch mit den meist jüngeren neuen Frauen nur schwer zu regeln, die als Studentinnen die lockeren Gepflogenheiten der Universität gewohnt waren nicht wie Hannelore gestandene Berufstätige. Dieser Generationenkonflikt führte dazu, daß Hannelore Weihert schließlich im Jahr 1980 aus der FAD austrat.
Eine Aktivität neben der FAD war die Vorbereitung zum 1. Frauenforum im Revier. Diese fünftägige Sommeruniversität für Frauen, die 1979 an der Universität Dortmund stattfand, war einerseits Impulsgeberin für die Frauenbewegung im Ruhrgebiet, andererseits Wurzel von „Frauenstudien“ als wissenschaftliche Weiterbildung für Frauen ohne Hochschulzugangsberechtigung. Hannelore Weihert hatte selbst keine Möglichkeit zu einem Studium gehabt. Ihr Ziel war es nun, dass andere Frauen diese Möglichkeit erhalten sollten.
Hannelore Weiherts gesellschaftspolitisches Engagement konzentrierte sich nicht allein auf die Frauenbewegung. Sie nahm in den 1970er Jahren an den Ostermärschen und Anfang der 1980er Jahre an den großen Friedensdemonstrationen teil. Auch gewerkschaftlich wurde sie im Personalrat der Oberpostdirektion Dortmund tätig. Sie ist seit ihrer Pensionierung im Seniorenbeirat der ehemaligen Beschäftigten der Oberpostdirektionen Post und Telekom Dortmund aktiv.
Nach dem Weggang von der FAD behielt Hannelore Weihert bis heute die Frauenbewegung durch viele persönliche Freundschaften und Literatur im Auge. Positive Weiterentwicklungen sieht sie in den Einrichtungen der Frauenstudien an der Universität, in den Gleichstellungsbeauftragten der öffentlichen Verwaltung und der Wirtschaft, den Frauenhäusern, Frauenberatungsstellen und Frauenstiftungen. Was sie für bedenkenswert hält ist das Desinteresse der jungen Frauen an der Frauenbewegung.
Hannelore Weihert ist Trägerin des von Hanne Hieber gestifteten 1. Dortmunder Frauenpreises. Die Ehrenkette, gestaltet von der Künstlerin Eva Hieber, wurde ihr im Jahr 1995 anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Dortmunder Frauenbüros im Rathaus überreicht.
Hannelore gehört seit 1992 dem Verein „Aufmüpfige Frauen“ und seit Gründung der Stiftung „Aufmüpfige Frauen“ durch die Dortmunder Professorin Dr. Sigrid Metz-Göckel 2004 auch dem Stiftungsvorstand an.

Hanne Hieber/ Dortmund

Orte:

Junggesellenstraße 16: ehemaliges Frauenzentrum der Frauen-Aktion-Dortmund FAD von 1976 bis 1980. Zu sehen ist lediglich ein Garagentor. Dahinter lag die 6-Zimmer-Wohnung, die als Frauenzentrum diente.
Viktoriastr. 38 und Hamburger Str. 43: Kontaktadresse der Aktion 218 Dortmund und Wohnung von Hannelore Weihert von 1971 bis 1980.
Universität Dortmund, Emil-Figge-Str. 50: ehemalige Pädagogische Hochschule, an der 1979 das 1. und 1982 das 2. Frauenforum im Revier stattfand. Heute befindet sich hier das Weiterbildende Frauenstudium.



Literatur:

Weihert, Hannelore, Die Anfänge der Aktion 218 in Dortmund, in: Rückblick nach Vorn. 25 Jahre Frauenbewegung in Dortmund (Hg.: Hanne Hieber), Dortmund 1995, S. 24-28.

, Hannelore Weihert, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, Stand: 2010,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/hannelore-weihert/
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