Evelyn Serwotke / 1925-2009

Eine Fotografin im Ruhrbergbau

Evelyn Serwotke stammt aus Erfurt und hat während des Krieges an der Kunstschule Weimar Fotografie studiert. Sie trat damit in die Fußstapfen ihres Vaters, dessen Erfurter Atelier sie nach ihrer Meisterprüfung 1948 übernahm. Mag sein, dass sie an der Weimarer Kunstschule trotz des offiziell verordneten ganz anderen Kunst- und Bildverständnisses ihre Vorliebe für strukturell strenge Bilder mit klaren Linien und Kompositionen entwickelte. Von vielen ihrer späteren Schwarz-Weiß-Fotografien vermeint man spontan, Verbindungslinien in die Fotografie der zwanziger und frühen dreißiger Jahre ziehen zu können.

1953 kam Evelyn Serwotke nach Mülheim an der Ruhr und eröffnete dort ein Fotostudio. Ihr erster Kunde, der eigentlich wegen eines Porträts gekommen war, fragte sie, ob sie auch Industrieaufnahmen mache. Obgleich sie das bis dato nicht gemacht hatte, sagte sie „natürlich“ (E. S.) Ja und so begann mit dieser Nachfrage ihre ständige Beschäftigung mit einem Sujet, die über dreißig Jahre, von 1953 bis 1983, anhielt. Ihr Porträtkunde war bei einer der großen Schachtbau-Firmen des Ruhrgebietes beschäftigt und sorgte in der Folge für Aufträge in diesem männerdominierten Arbeitsgebiet. Andere Schachtbau-Firmen folgten und nutzten ihre wachsende Erfahrung in diesem technisch schwierigen Metier.

Bis in die 60er Jahre fotografierte Evelyn Serwotke ausschließlich in Schwarz-Weiß. Erst als ihr Thyssen-Schachtbau einen Auftrag abverlangte, der in Farbe ausgearbeitet werden sollte, begann ihre Beschäftigung mit der Farbfotografie.

Sie beschreibt diese Zeit, in der sie sich erstmals mit dem ihr ganz ungewohnten Farbmaterial und ohne Erfahrung mit dem Ausarbeiten der Farbabzüge beschäftigen musste, als außerordentlich anstrengend, da sie ihre Tätigkeit als Fotografin und als Mutter zweier Kinder koordinieren musste.

Da beim Fotografieren unter Tage im Steinkohlenbergbau wegen der Explosionsgefahr durch ungeschützte elektrische Kontakte nur unter großem Aufwand künstliches Licht eingesetzt werden kann, musste Evelyn Serwotke lernen, mit dem an den Baustellen vorhandenen Licht auszukommen. Zwar war in aller Regel zumindest eine minimale Baustellenbeleuchtung vorhanden, aber eine Ausleuchtung der Räume, Strecken und Schächte war so nicht zu realisieren. Die Fotografin entwickelte sich daher notgedrungen zu einer Expertin in der Praxis des sogenannten Wanderlichtes: Sie postierte Bergleute, die man ihr zur Begleitung und zur Bewältigung des Equipments mitgegeben hatte, so hinter Maschinenteilen, Wandvorsprüngen oder dem Streckenausbau, dass sie nicht im Sucher des Fotoapparates zu sehen waren; jedem hatte sie zuvor einen bestimmten Bereich des Raumes – Wand, Decke, Maschinen usw. – zugeteilt, die sie streifenförmig mit ihren Helmlampen abzuleuchten hatten.

Bei geöffnetem Verschluss des Fotoapparates „sammelte“ der Film das Licht aus den verschiedenen Quellen und gab es nach dem Entwickeln als einheitliche Beleuchtung wieder. Mit etwas Übung und Erfahrung konnten so faszinierende Beleuchtungseffekte erzielt werden, die auf einen großen Aufwand an künstlichem Licht schließen lassen und doch mit einfachsten Mitteln realisiert wurden. Allerdings ergaben sich auf diese Weise komplizierte Lichtmischungen aus den verschiedenen Lichtquellen, die bei der Ausarbeitung und Filterung eine klare Linie der Lichtinterpretation von der Fotografin verlangten. Häufig war die Lichtsituation extrem grünbetont, ganze Teile des sichtbaren Spektrums – vor allem rot und gelb – kamen fast nicht vor und mussten – wenn gewollt – hervorgearbeitet werden. Im Laufe der Zeit fotografierte Evelyn Serwotke in Dutzenden Untertage-Baustellen. Da der Steinkohlebergbau im Laufe seiner zunehmend krisenhaften Entwicklung weniger Baustellen einrichtete, wurden mehr und mehr auch andere untertägige Bauaufgaben ins Produktionsprogramm der Firmen genommen: Straßentunnel und vor allem die an Rhein und Ruhr in den 70er Jahren projektierte Verlegung vieler Straßenbahnen unter das Straßenniveau.

Die Fotogeschichte weist nicht allzu viele Fotografen auf, die professionell unter Tage fotografierten. Legt man das Augenmerk auf Fotografinnen, reduziert sich die Zahl noch einmal außerordentlich. Natürlich ist Ruth Hallensleben zu nennen, aber darüber hinaus sieht es so aus, als habe der durch und durch männliche Ort bis heute Fotografinnen kaum zugelassen
So reiht sich Evelyn Serwotke in die sehr kleine Zahl von Frauen ein, die Gelegenheit hatten, untertage zu fotografieren. Ihre Bilder, die alle aus Industrieaufträgen herrühren, faszinieren nicht nur durch die ungewöhnliche Szenerie, die sie zeigen, sie erlauben auch ganz unterschiedliche Betrachtungsweisen: Sie zeigen Technik, ungewöhnliche Höhlenbaue, unbekannte Maschinerie und rohe Bauzustände höchst artifizieller Raumkonstrukte.

Sie gewähren uns damit aber zugleich auch Einblicke in unverständliche, gefährliche, wenn nicht gar absurde Räume, in denen die uns normal erscheinende Aufenthaltsebene des mehr oder weniger Waagerechten in Frage gestellt wird; der ganze dreidimensionale Raum wird zum Aufenthalts- und Arbeitsort und ist zugleich oft mit Gestein und Geröll halb verschüttet, so dass wir uns durch ihn quasi hindurchwühlen müssen: Schächte nach oben und nach unten, Querschläge in die Tiefe vor uns, zur Seite und von unten herauf, gewaltig tiefe Löcher in die Erde hinein, die so solide aus dem Felsmassiv herausgeholt erscheinen und die dann doch ganz unten durch kleine Öffnungen Licht von noch tiefer gelegenen Sohlen durchlassen, schwindelerregend tiefe Löcher, in die gänzlich unverständlich seitlich schwarze Gänge münden.

Die Fotografin hat diese Höhlungen oft aus waghalsigen Positionen mit kühler Sachlichkeit und zugleich größtem Interesse am Entstehen eines ästhetisch geordneten Bildfeldes aufgenommen. Weder hat sie sich verloren im Augenmerk auf Details noch im bloßen Zugriff auf die technische Thematik des Auftrages. Es ist fast immer die Totale auf die engen Grenzen der Räume, aufgenommen aus unprätentiösen Standorten (die einzunehmen allerdings manches Mal halsbrecherische Aktionen erforderte). Entstanden sind so Bild-Flächen von strenger Ordnung. Der Blick kann hier kaum abschweifen oder ins Leere gehen, die Lineaturen der Räume scheinen wie für die Kamera gemacht.

Trotz aller Schönheit der Bild-Ordnung geben sie in Details aber auch fast immer Hinweise auf die Arbeit, der sich die Raumbauwerke verdanken. Irgendwo liegt noch ein Werkzeug, hängt ein Hilfsaggregat, ringelt sich ein Kabel oder Schlauch, nicht im Zentrum des Blickfeldes und des Interesses, aber leicht zu entdecken, wenn man den Bildern Aufmerksamkeit widmet. Hier und dort entdeckt man auch im Hintergrund oder am Rand Bergleute. Die Aufnahme-Orte sind nicht aufgeräumt, sondern werden uns auch als rauhe Arbeitsorte präsentiert. Die Fotografin entdeckt mit der Kamera nicht nur die abstrakte Schönheit, die sich aus den Ansichten der Räume heraus gestalten ließ, sondern betrachtete sie mit großer Anerkennung als Erzeugnisse menschlicher Intelligenz und Anstrengung.

Daniel Stemmrich / LVR-Industriemuseum Oberhausen

Orte:

Der industriefotografische Nachlass von Evelyn Serwotke befindet sich seit 2001 in der Fotosammlung des LVR-Industriemuseums Oberhausen.
LVR-Industriemuseum Oberhausen. Hansastr. 18, 46049 Oberhausen

Zitation: Stemmrich, Daniel, Evelyn Serwotke, Version 1.0, in: frauen/ruhr/geschichte, https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/evelyn-serwotke/

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