Anneliese Schröder / 1924-2013

Ein Frauenleben für die Kunst

Anneliese Schröder hat das Kunst– und Museumsleben in Recklinghausen über Jahrzehnte geprägt. Von 1953 bis 1987 war sie in der Leitung der Kunsthalle bzw. aller drei Städtischer Museen tätig, zunächst als kommissarische Leitung, von 1954 bis 1979 als Stellvertreterin und ab 1979 als Direktorin. Auch nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben blieb sie der Kunst– und Kulturszene des Vest Recklinghausen eng verbunden.

Sie kam zusammen mit ihrem Ehemann, dem Restaurator Felix Schröder, nach Recklinghausen. In Ulm als Anneliese Erne geboren und in Ludwigshafen aufgewachsen, begann sie in München ein Studium der Kunstgeschichte und Archäologie. Sie erzählte schmunzelnd, dass sie in ihrem kunstbegeisterten Elternhaus unter dem Zwang des Modellsitzens für Zeichnungen, Bilder und Skulpturen gelitten und vor allem die Ferienreisen mit Besichtigungen von Kirchen und Kulturdenkmälern als sehr qualvoll empfunden habe. Zu sämtlichen Vernissagen und Vorträgen sei sie von ihren Eltern in die Kunsthalle Mannheim mitgeschleppt worden: Trotzdem habe sie dann Kunstgeschichte und Archäologie studiert. Sie beendete ihr Studium in Freiburg mit einer Dissertation über den griechischen Reiseschriftsteller Pausanias. Sie versuchte in ihrer archäologischen Forschung – während um sie herum der Krieg alles in Schutt und Asche legte – die von Pausanias in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n.Chr. beschriebenen Bauten und Statuen in damals bekannten Überresten zu identifizieren. Ihre mündliche Prüfung, das Rigorosum, fand im Luftschutzkeller statt, kurz vor Einmarsch der Franzosen.

Der Krieg hatte ihre Berufsperspektive als klassische Archäologin zunichte gemacht, in Recklinghausen brachte sie sich als Kunsthistorikerin ab 1947 in die Neuausrichtung des Ausstellungs– und Museumslebens ein. Während der Künstler und Kulturpolitiker Thomas Grochowiak, von 1954 an mit der Leitung der städtischen Kunsthalle betraut, von Recklinghausen aus international beachtete Impulse für einen künstlerischen Aufbruch des „Jungen Westens“ setzte und im Auftrag des Auswärtigen Amtes Ausstellungen Deutscher Kunst im Ausland organisierte, erarbeitete sie als Wissenschaftlerin die kunsthistorischen Begleitpublikationen – weit über 300 Kataloge. Sie publizierte Monografien über den Maler Thomas Grochowiak und die in Dorsten lebende Künstlerin Tisa von der Schulenburg.

Mit der von ihr 1960/61 kuratierten Ausstellung Synagoga schrieb Anneliese Schröder Geschichte: Die Ausstellung zeigte zum ersten Mal nach der Zeit des nationalsozialistischen Progroms 1938 öffentlich jüdische Kunst und jüdisches Kultusgerät in einer für Fragen nach der Verantwortung für den Holocaust noch kaum bereiten Bundesrepublik. Die Schau verstand sich fünf Jahre vor der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik als „Brückenschlag zur Versöhnung, Verständigung und gegenseitiger Achtung“. Konzipiert, um überhaupt einen Zugang zur jüdischen Kultur zu ermöglichen, sah sich die Ausstellung als ein Beitrag zur moralischen Wiedergutmachung, als Angebot der Versöhnung zwischen dem jüdischen Volk in aller Welt und den Deutschen und als Anstoß zum besseren Verständnis zwischen Christentum und Judentum. Im dreißigköpfigen Ehrenausschuss unter der Leitung von Bundeskanzler Adenauer saßen Vertreter aus Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik, den Kirchen, der jüdischen Gemeinde, aus Gewerkschaft und Wissenschaft, aus der Zivilgesellschaft, als einzige Frau unter ihnen Marie-Elisabeth Lüders als Mitglied des Bundestages. Auch im 18-köpfigen fachlich berufenen Arbeitsausschuss saß mit Anneliese Schröder nur eine Frau, während im Ausstellungssekretariat ausschließlich drei Frauen arbeiteten. Anneliese Schröder erinnert sich, dass sie sich Tag und Nacht in das fremde Thema einarbeitete. Sie hatte nicht nur mit ausstellungstechnischen Problemen zu kämpfen, sondern vor allem mit dem Wiedererstarken des Antisemitismus in der Bundesrepublik. Schmierereien an jüdischen Gotteshäusern in der Planungszeit verlangten von ihr ein besonderes Fingerspitzengefühl, um die Zurückhaltung von Leihgebern und Leihgeberinnen zu durchbrechen.

Drei „magische Orte“ in Recklinghausen sind mit der Arbeit von Anneliese Schröder verknüpft: Vor dem Festspielhaus steht Henry Moores Plastik Die große Liegende Nr. V, deren Ankauf sie mit verantwortete. Das bedeutendste Ereignis ihrer Dienstzeit ist nach eigenem Bekunden die Gründung des Ikonenmuseums in Recklinghausen. In den Aufbau einer der bedeutendsten Sammlungen für Naive Kunst hat sie in Recklinghausen ihr Herzblut gesteckt. Als letzte Amtshandlung in ihrer Dienstzeit organisierte sie ein Treffen von Laienmalern zur Vorbereitung einer Ausstellung zu den Ruhrfestspielen. 20 Jahre lang war Anneliese Schröder Mitglied der Jury für „Naive Kunst“ in Böblingen. Unter dem Titel Die drei Kunstexperten setzte der Bildhauer Erich Bödeker ihr zusammen mit Thomas Grochowiak und Helene Bernhofer ein künstlerisches Denkmal. Ihre besondere Liebe und Fürsorge galt dem Vestischen Museum, das heute die Sammlung Naiver Kunst zeigt. Um dessen Bestände wissenschaftlich zu bearbeiten, wandte sie manches Wochenende und manchen Resturlaub auf.

Für die Reihe „Heilige in Bild und Legende“ verfasste sie die Bände „Die heilige Dorothea“, „Der heilige Stephan“ und „Die heilige Katharina“ – Dorothea, Stephan, Katharina, das sind auch die Namen ihrer drei Kinder.

Als Anneliese Schröder im Dezember 1989 der Vestische Kunstpreis verliehen wurde, hielt die damalige Direktorin der Volkshochschule, Gunthild Bläsing, die Laudatio. In ungewohnter Art und Weise verknüpfte sie in ihrer Würdigung die Anerkennung der wissenschaftlichen Arbeit mit ihrer Familienarbeit:„Und wenn gerade ich darum gebeten wurde und auch mit Freuden zugesagt habe, dann aus dem Grunde, weil man von mir erwarten kann, daß ich zum einen Anneliese Schröders Arbeit in der Recklinghäuser und der Vestischen Kulturszene der letzten 30 Jahre kennen- und einschätzen lernen durfte und daß ich zum anderen als Frau auch die Frauenaspekte ihres Lebens berücksichtigen und würdigen würde. […] Denn Anneliese Schröder hat nicht nur im Beruf hervorragende Leistung vollbracht, sie ist auch Mutter. Vielleicht, meine Herren, finden sie es ungewöhnlich, diesen privaten Aspekt in eine Laudatio zu einem für berufliche Verdienste erteilten Preis zu bringen, zumal Frau Dr. Schröder in ihrer wissenschaftlich-kompetenten, sachlichen Art eigentlich nie zu öffentlichen Überlegungen dieser Seite ihres Lebens selbst Anlaß geboten hat. Aber es ist ein weiblicher Mensch, dessen Leistungen für das Vest wir hier heute ehren. Und damit unterliegt sie besonderen Bedingungen.

So wie ihre Neigungen und ihre Studienwahl sicherlich vom Elternhaus und dem Vorbild des Vaters gefördert und geprägt wurden – was bezeichnend für die Entwicklung intelligenter Mädchen ist – so ist auch ihre Berufsleistung erst unter den privaten Verhältnissen zu beurteilen.

Anneliese Schröder war während großer Teile ihres Arbeitslebens – ihr Mann erkrankte früh schwer und starb schon 1968 – alleinerziehende Mutter dreier Kinder, die alle drei früh selbständig und wohlgeraten sind. Diese Doppelleistung ihres Lebens, meine ich, darf nicht ungenannt bleiben. Vor allem weil Sie, Frau Schröder, einer Generation angehören, der direkten Nachkriegsgeneration berufstätiger Mütter, für die diese Situation auch ein doppeltes Arbeitsvolumen bedeutete. Meine, die Zwischengeneration, sah die Wahlmöglichkeit und zog es häufig vor, sich zwischen Erwerbstätigkeit und Mutterschaft zu entscheiden. Die folgende Frauengeneration, dazu zählen auch Ihre beiden Töchter und Ihre Schwiegertochter, versucht jetzt wieder beides zu verbinden, nicht ohne Forderungen nach gesellschaftlicher Veränderung zu stellen, und das gemeinsam mit Männern, die von Müttern wie Ihnen erzogen worden sind. Die drei jungen, wohlausgebildeten Mütter Ihrer Nachfolgegeneration und Ihre 3 1/2 Enkel und Enkelinnen zeugen von der Kraft, die Sie weitergegeben haben. Wenn Sie, meine Damen und Herren, meiner Sicht auf die Leistung Anneliese Schröders beistimmen können, denke ich, daß auch Sie zu meiner zweifachen Schlußfolgerung gelangen: Frau Dr. Anneliese Schröder hat sich um das Kunstleben im Vest Recklinghausen verdient gemacht und Anneliese Schröder ist eine bemerkenswerte Frau, ein Vorbild für alle die Frauen, die sie kennen lernen durften.“

Für Engagement und Verdienste um Kunst und Kultur wurde Anneliese Schröder im August 2012 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Kurz vor ihrem 90sten Geburtstag ist Anneliese Schröder am 3. Dezember 2013 in Recklinghausen verstorben.

Arbeitskreis Recklinghäuser Frauengeschichte

Orte:

Kunsthalle der Stadt Recklinghausen, Grosse-Perdekamp-Str. 25–27, 45657 Recklinghausen
Ikonenmuseum, Kirchplatz 2A, 45657 Recklinghausen
Große Liegende, Skulptur von Henry Moore vor dem Festspielhaus,
Otto-Burrmeister-Allee 1, 45657 Recklinghausen 

Literatur:

Schröder, Anneliese/ Thomas Grochowiak: Monographien zur rheinisch-westfälischen Kunst der Gegenwart, Band 33, Recklinghausen 1967.
Schröder, Anneliese/ Ludwig Poullain: Tisa Schulenburg, Recklinghausen 1983.
Anneliese Schröder (Hg.): Drei Museen in Recklinghausen, Recklinghausen 1986.

Arbeitskreis Recklinghäuser Frauengeschichte , Anneliese Schröder, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 10. 10. 2011,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/anneliese-schroeder/
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