Kleiderwechsel zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik

Es war ein bedeutender Schritt für die Frauen, als der Rat der Volksbeauftragten am 30. November 1918 das aktive und passive Wahlrecht für alle Bürgerinnen und Bürger in der Verordnung über die Wahl der verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung verankerte. Über 80% der Frauen haben knapp zwei Monate von ihrem neuen Recht Gebrauch gemacht und haben ihre Stimme bei der Wahl zur Nationalversammlung abgegeben. Aber die Frauen haben nicht nur das passive Wahlrecht genutzt, sondern waren auch aktiv dabei: 300 Frauen haben sich zur Wahl gestellt, 37 von ihnen zogen in die Nationalversammlung ein.

Ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Mann und Frau, der den Frauen erstmals politische Teilhabe ermöglichte. Auch ein bedeutender Schritt in Richtung Emanzipation? Folgt man den Bildern und Geschichten zur „neuen Frau“, zu dem Frauentyp der 1920er Jahre, dann stellt sich schnell die Vorstellung ein, die Frauen, insbesondere die jungen, seien aus den traditionellen Rollenbildern ausgebrochen und hätten sich emanzipiert. Neben Erwerbstätigkeit am Tag und Charleston-Tanz in der Nacht, neben Schminken und Rauchen gelten ein neuer Kleidungs- sowie ein neuer Frisurenstil als wichtige Indizien für die Emanzipation der Frauen in der Weimarer Republik. Haben sie nicht die langen Schleppkleider durch kurze Hängekleidchen ersetzt? Haben sie nicht das Korsett weggeworfen, ohne dass ihre Mütter und Großmütter niemals das Haus verlassen hätten? Nein, die jungen Frauen schnüren sich nicht mehr, stattdessen treiben sie Sport, essen mal weniger, mal mehr, so dass sie möglichst dem knabenhaft schlanken Körperideal entsprechen und auf keinem Fall zu dick oder zu dürr sind. Und nicht zuletzt, haben sie sich nicht die langen Haare abgeschnitten und tragen stattdessen den kecken Bubikopf? Dazu vielleicht einen enganliegenden Topfhut, jedoch keinesfalls mehr einen dieser unpraktischen „Wagenräder“? Ist Kleidung ein Indiz für Emanzipation oder hat der „Kleiderwechsel“ zwischen der Zeit vor und dem Krieg andere Ursachen?

Denn vergleicht man die Kleidung der 1920er Jahre mit der vor dem Ersten Weltkrieg, scheinen Welten dazwischen zu liegen. Der Kleidungsstil der 1920er Jahre erscheint uns heute viel moderner als der vor 1914, so dass der Unterschied häufig als Bruch wahrgenommen wird und zur Annahme verleitet, er sei Ausdruck für den Beginn einer völlig neuen Entwicklung nach dem Krieg. War das so? Wie ist es zu diesem radikalen Wandel gekommen?

Zunächst liegt die Vermutung nahe, der Krieg hat sich da ausgewirkt und deutlich seine Spuren hinterlassen. Anschließend hat die gewandelte Rolle der Frau in der ersten deutschen Republik die Kleidung revolutioniert. Aber ein genauerer Blick auf die Entwicklung der Kleidung des ausgehenden 19. Jahrhunderts über die folgenden zwei Jahrzehnte zeichnet ein anderes Bild: bereits vor dem Krieg lässt sich ein bedeutsamer Wandel in der Frauenkleidung beobachten und ein neues Bekleidungsschema deutet sich an, das sich in der Tat dann in den 1920er Jahren endgültig durchsetzt.

 

Korsett und Schleppkleider in der Kritik

Das etablierte Bekleidungsschema, wie es das Bürgertum im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte, ist Ausgangspunkt für den Wandel. Bis in die 1890er Jahre dominierten lange, je nach Anlass hochgeschlossene Kleider, z.T. mit Schleppe, aus oft schweren Stoffen wie Atlasseiden, Damasten oder Tuche. Darunter befanden sich diverse Schichten unterschiedlicher Wäsche. Auf das lange Hemd, Unterhose und einem ersten Unterrock folgten das Korsett und eine Krinoline oder Tournüre zur Formung des Rockes. Darüber wurden verschiedene weitere Unterröcke und der Korsettschoner gezogen, bis dann das eigentliche Kleid an die Reihe kam. Dieses wiederum war oft mit großen Draperien, Schleifen, Spitzen und Volants ausgestattet, hatte z.T. noch einen Überrock oder eine üppige Schleppe, sodass es mehrere Kilo wiegen konnte. Die vielen Schichten machten die Garderobe nicht nur sehr schwer, sondern verteilten das Gewicht oft schlecht über den Körper und engten ihn darüber hinaus extrem ein, so dass die Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit stark beeinträchtigt waren. Dieses Bekleidungsschema galt für Frauen aller Schichten. Es war weder praktisch noch bequem und alles andere als gesund.

Kritik kam von vielen Seiten, denn dieser Kleidungsstil passte nicht mehr in die moderne Zeit. Die Welt war im Umbruch: die Industrialisierung schritt in einem enormen Tempo voran. Wissenschaft und Technik hatten ungeahnte Fortschritte gemacht. Mobilität, Beschleunigung und Technisierung hatte fast alle Lebensbereiche erfasst und umgestaltet. Mal ganz praktisch gefragt: Wie sollte eine Frau, ausstraffiert mit einer Vielzahl von Unterröcken und einem mit Rüschen und Volants verzierten, langen Kleid, die Stufen einer Straßenbahn erklimmen? Wie sollte eine Frau geschnürt in ein Korsett einen langen Arbeitstag hinter der Schreibmaschine oder in der Fabrik verbringen?

Berufliche Arbeit, wie auch immer sie geartet war, betraf ja nicht wenige Frauen: Laut der letzten Berufszählung vor dem Ersten Weltkrieg, 1907, waren 45% der 15- bis 69-jährigen Mädchen und Frauen erwerbstätig, 1895 waren es noch 36% gewesen. Der wirtschaftliche Aufschwung nach der Jahrhundertwende hatte eine große Zahl von neuen Arbeitsplätzen für Mädchen und Frauen geschaffen in den Fabriken der expandierenden Industrieunternehmen, auch im Handel, wie z.B. in den neuen Warenhäusern, in den Verwaltungen und nicht zuletzt bei den Verkehrs- und Postbetrieben. Technisierung und Elektrifizierung, aber auch die Ausweitung von Verwaltung und Bürokratie förderten diese Entwicklung. Die Anforderungen, die damit an die Frauen gestellt wurden, und ihr Kleidungsstil passten nicht mehr zusammen, ganz abgesehen von den gesundheitlichen Folgen der zu schweren Kleidung und des einschnürenden Korsetts. Das spürten nicht nur viele Frauen selbst, sondern wurde auch von anderen bemerkt, von Ärzten, Gesundheitsreformern oder Vertreterinnen der Frauenbewegung, auch von Künstlern, die neben gesundheitlichen Aspekten auch ästhetische im Blick hatten. Aber auch Gewerbeinspektoren in den Fabriken wetterten gegen die unpassende Frauenkleidung und riefen nach einem schlichten, praktischen Stil, der den Arbeitsbedingungen angepasst war.

 

Arbeit an einem funktionalen Kleidungsstil

Den kritischen Auseinandersetzungen mit der gängigen Frauenkleidung ist gemeinsam, dass sie die gesundheitlichen Schäden bemängelten, die einschränkende Bewegungsfreiheit, das hohe Risiko von Unfällen, ob beim Einstieg in einen Paternoster, auf der Rolltreppe oder auf der Leiter, bei der Arbeit im Haushalt, in der Fabrik oder im Büro. Gefordert wurde eine sachliche, funktionale Kleidung. Neben Vertretern der Reformbewegung trat besonders der Deutsche Verband zur Verbesserung der Frauenkleidung (vormals der Allgemeine Verein zu Verbesserung der Frauenkleidung) hervor, der unter Einbeziehung von Textilfachleuten, Vertretern von Gewerbeinspektion und behördlichen Stellen Vorschläge für einen funktionalen Kleidungsstil ausarbeitete und in Zeitschriften, Ausstellungen oder auf Vorträgen etc. der Öffentlichkeit vorstellten. Die Modelle sahen spezielle Kleidung von der Oberbekleidung bis zur Unterwäsche für die unterschiedlichen Berufe vor., um den jeweiligen Anforderungen gerecht zu werden.

Auch wenn viele Frauen sich diese Modelle kaum leisten oder beschaffen konnten, wirkten sich die Bestrebungen positiv auf einen neuen Kleidungsstil aus und trugen mit dazu bei, die Kleidung alltagstauglicher zu machen. Wichtigstes Ensemble für die erwerbstätige Frau wurden Rock und Bluse, da die Kombination flexibler im Austausch war, eine Bluse sich leichter wechseln und schnell durchwaschen ließ. Der Schnitt der Röcke hatte sich verschlankt, so dass nicht mehr so viele Unterröcke und erst recht keine formgebenden Unterteile, z.B. ein Cul de Paris, ein Gesäßpolster, getragen werden mussten, gleichzeitig waren sie bereits kürzer geworden. Noch aber stand das Kleid im Ansehen höher, so dass Rock und Bluse zum Stigma der erwerbstätigen Frau wurden. Erst nach dem Krieg setzte sich die Kombination ganz allgemein durch und verlor diesen Beigeschmack.

Die Diskussion um die Frauenkleidung hatte sich in den Vorkriegsjahren vor allem an den gesundheitlichen Problemen durch die Schnürung und an der Kleidung der erwerbstätigen Frau entzündet. Aber auch die Mode hatte ihren Anteil an der Entwicklung hin zu einer sachlicheren Bekleidungsform, die dem Körper mehr Bewegungsfreiheit ließ. So hatte sie sich beispielsweise von Kleidung inspirieren lassen, die zum Wandern, Turnen, Fahrradfahren oder Schwimmen entwickelt worden war. Auch die Hose gehörte dazu, die zunächst bei Radlerinnen, Schwimmerinnen oder Bergsteigerinnen aufgekommen war. Während des Krieges trugen Frauen sie, wenn sie schwere und dreckige Arbeit verrichteten mussten, nahmen sie aber danach nicht in ihre Garderobe auf. Erst Ende der 1920er Jahre drang die Hose allmählich in die Alltagsmode ein, wurde aber endgültig erst in den 1970er Jahren akzeptiert.

 

Von der Stoffknappheit zum neuen Kleidungsstil

Auch der Krieg hatte Anteil an einem neuen Bekleidungsmuster. Alle verfügbaren Ressourcen wurden für das Militär mobilisiert, Textilien und Kleidung unterlagen wie alle anderen Verbrauchsgüter auch der Kriegswirtschaft. Ein extremer Textilmangel an der Heimatfront war die Folge. Das führte einerseits zum erzwungenen Konsumverzicht, andererseits zu einem neuen, puristischen Modestil. Da immer weniger Stoff für ein Kleid vorhanden war, wurde die Silhouette verschlankt und verkleinert. Auch nach dem Krieg blieb es bei dem sparsamen Einsatz von Stoff in der Modebranche. Schon über den Krieg waren die Kleider immer kürzer geworden, was sich in den 1920er Jahren weiter fortsetzte. Die schweren Stoffe waren durch leichtere ersetzt worden.

Die neue Silhouette verlangte auch nach neuer Unterwäsche. Die Zeit der üppigen Unterhosen und zahlreichen Unterröcke war passé. Hemd, Büstenhalter und eine verkleinerte Unterhose, ein Unterrock und dann die Oberbekleidung – das war vollkommen ausreichend. Dazu passte eine praktische Kurzhaarfrisur wie der Bubikopf. Rationalisierung und Beschleunigung, die Kennzeichen der 20er Jahre, finden sich auch in der Art sich zu kleiden.

Der Wandel von dem aufwändigen Bekleidungsstil des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu einem schlichteren, sachlicheren Stil spiegelt die Integration der Frauen in die industrialisierte Gesellschaft. Emanzipation war damit nicht zwangsläufig verbunden.

Hinweis: Die Sonderausstellung „Mythos Neue Frau. Mode zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik“ beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema. Sie wird vom bis zum 17.11.2019 im LVR-Industriemuseum, Tuchfabrik Müller in Euskirchen gezeigt.

Christiane Syré / LVR-Industriemuseum, Textilfabrik Cromford

 

Literatur

Die Macht der Mode. Zwischen Kaiserreich, Weltkrieg und Republik, LVR-Industriemuseum (Hg.), Ratingen 2015 (Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung des LVR-Industriemuseums, Textilfabrik Cromford, Ratingen) (Neuauflage unter dem Titel: Mythos Neue Frau 2019)

Hettler, Ines, Frauenberufskleidung in Deutschland 1890 bis 1918 als Indikator soziokultureller und sozioökonomischer Prozesse, München 1994

Koch-Mertens, Wiebke, Der Mensch und seine Kleider. Teil 2: Die Kulturgeschichte der Mode im 20. Jahrhundert, Düsseldorf, Zürich 2000

Wolter, Gundula, Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994

Syré, Christiane, Kleiderwechsel zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 03. 03. 2019,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_wiss_texte/kleiderwechsel-zwischen-kaiserreich-und-weimarer-republik/
https://doi.org/
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