Maria Niggemeyer / 1888 – 1968

Argumentierte 1950 im Bundestag für Frauenarbeitsplätze in der Chemie-Industrie

Kurt Georg Kiesinger fuhr im repräsentativen Fahrzeug vor, Maria Niggemeyer kam mit Ehemann und Sekretärin im Volkswagen in die Villa Hammerschmidt. In Anwesenheit des Bundeskanzlers und des Bundestagspräsidenten verlieh Bundespräsident Heuss am 7. September 1956 zum 7. Jahrestag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland das Große Verdienstkreuz mit Stern an verdiente Politiker. Der Hellweger Anzeiger schickte einen Spezialkorrespondenten nach Bonn, um direkt von der Zeremonie zu berichten, in der mit Maria Niggemeyer aus Bönen eine renommierte Kommunal-, Kreistags- und Bundestagspolitikerin geehrt wurde.

Maria Niggemeyer, in Münster als Maria Keuper geboren, ging 1907 nach ihrem Examen am Katholischen Lehrerinnenseminar als Volksschullehrerin nach Gronau. Hier kandidierte sie 1919 bei der ersten für Frauen zugänglichen Wahl für das Gronauer Stadtparlament und zog als erste weibliche Abgeordnete für das Zentrum in den Rat der Stadt ein. Zusammen mit ihrem Mann Heinrich Niggemeyer kam sie 1920 nach Werne. 1928 zog das Ehepaar nach Bönen um, wo Heinrich Niggemeyer in der chemischen Abteilung eines Bergwerks in leitender Postition tätig war. Maria Niggemeyer setzte ihr kommunalpolitisches Engagement in der Gemeindevertretung von Altenbögge-Bönen, in der Amtsvertretung Pelkum und im Kreistag zu Unna fort. Maria Niggemeier, seit 1934 auch Vorsitzende des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder im Landkreis Unna, entwickelte sich zu einer Sozialexpertin, die das als „weich“ abgewertete Sozialressort in Zeiten von Krieg, Zusammenbruch und Wiederaufbau als hartes Politikfeld gestaltete.

Trotz Behinderungen durch die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und die Nationalsozialistische Arbeiterpartei führte Maria Niggemeyer ihre christlich motivierte karitative Arbeit während des „Dritten Reiches“ weiter. Sie war fassungslos, als der sozialdemokratische Ortsbürgermeister 1946 ihre Arbeit als Vertreterin der Caritas im Flüchtlingslager Altenbögge zu verhindern suchte, zu sehr erinnerten sie das politische Machtgebaren, die persönlichen Angriffe, perfiden Verleumdungen und Verbote an Methoden aus der Zeit des Nationalsozialismus. Sie setzte sich unter Vermittlung des Landrates sowie mit politischer Unterstützung der katholischen Kirche und der CDU, die sie im Kreis Unna mitbegründet hatte, durch.

Am 29. Mai 1947 gehörte Maria Niggemeyer zusammen mit Elisabeth Zillken, Victoria Steinbiss und Dr. Luise Rehling  zu den Gründerinnen des Frauenausschusses der CDU in der Provinz Westfalen, dem Vorläufer der heutigen Frauen Union. Zentrales Anliegen des Ausschusses war in der direkten Nachkriegszeit die Sicherung der Ernährungslage, die verstärkte Einbindung von Frauen in Partei und Politik sowie die Beendigung der Demontage-Politik. Als Sozialpolitikerin war Niggemeyer auch 1948/49 Mitglied des 2. Wirtschaftsrates, dessen Vertreter und Vertreterinnen von den Länderparlamenten gewählt, im Spannungsverhältnis von außerpolitischen Interessen der West-Alliierten und Kaltem Krieg die Aufgabe zu bewältigen hatten, in der Bi-Zone ein „Gleichgewicht des Mangels“ zu organisieren, um den völligen Zusammenbruch zu verhindern. Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen die Lebensmittelversorgung, die Kohleförderung und der Aufbau eines funktionierenden Transportsystems, Politikfelder, in die Maria Niggemeyer ihre eigenen Erfahrungen mit den Zechenstandorten im Kreis Unna einbringen konnte.

1949, 1953 und 1957 in den Bundestag gewählt und seit 1953 Mitglied, später Vorsitzende des Ausschusses für öffentliche Fürsorge, war sie an der Sozialgesetzgebung der Bundesrepublik maßgeblich beteiligt. 1950 brachte sie einen Antrag in den Bundestag ein, sich bei den Hohen Kommissaren für eine Produktionserlaubnis des Chemischen Werkes in Bergkamen einzusetzen. Während des Nationalsozialismus als kriegswichtige Anlage zur Kraftstoffgewinnung aus Kohle ausgebaut, von den Alliierten zerstört und nach 1945 mit werkseigenen Mitteln und Geldern der Militärregierung wieder aufgebaut, stand nun eine Demontage des Betriebes zur Diskussion, obwohl das Werk auf Grundlage eines eigens entwickelten Gasentgiftungsverfahren eine Betriebsgenehmigung beantragt hatte, die den alliierten Bestimmungen entsprach. Während die Redner in der Debatte auf die Bedeutung Bergkamens für die Ferngasversorgung des Ruhrgebiets und den wirtschaftspolitischen Stellenwert einer nationalen Gas-, Parafin- und Lösungsmittelproduktion abhoben, erinnerte Maria Niggemeyer daran, dass das Werk auch mehreren hundert Frauen Arbeitsplätze bot, die durch den Krieg und durch das Grubenunglück von 1946 zu Witwen und Alleinversorgerinnen ihrer Restfamilie geworden waren. 1944 waren bei einer Schlagwetterexplosion auf Schacht Grimberg III/IV 107 Bergleute, darunter viele russische Zwangsarbeiter, ums Leben gekommen. 1946 ereignete sich unter dem wirtschaftspolitischen Druck einer Steigerung der Kohleförderung kurz nach Beendigung des Krieges ein noch gewaltigeres Grubenunglück: 405 Bergleute verloren auf Grimberg ihr Leben. Unter dem Einruck der realen Lebensverhältnisse stellte Maria Niggemeyer im Hohen Hause einen Zusammenhang her zwischen getrennten politischen Sachbereichen – dem Politischen und dem Privaten: dem Wiederaufbau der Bundesrepublik, den Möglichkeiten des Gemeinwesens Bergkamen und der Notsituation vieler Frauen.

Dass sich hier eine Politikerin der CDU für außerhäusliche Frauenerwerbsarbeit aussprach, während die Partei gleichzeitig Frauen massiv auf die Familie zurückzuverweisen suchte, erscheint nur auf den ersten Blick widersprüchlich. 1950 bestimmte noch die Zusammenbruchgesellschaft, der durchlittene Hungerwinter 1946/47 und die konkreten Alltagsprobleme der Menschen die Realpolitik. Die Frauen in der Union, viele von ihnen als Fürsorgerin und Lehrerin berufstätig und zum Teil selber Alleinverdienerin ihrer Restfamilie, entwickelten mit der Figur des zeitlich begrenzten „Notmotivs“ für außerhäusliche Erwerbsarbeit von Frauen eine politische Argumentationsstrategie, die an den Lebensrealitäten der Frauen ansetzte, ohne mit der familienpolitischen Parteilinie der Frau als „Herz der Familie“ zu kollidieren.

Dr. Uta C. Schmidt / frauen/ruhr/geschichte

Orte:

Bis zum Umzug nach Unna im Jahre 1957 lebte Maria Niggemeyer in Altenbögge-Bönen in der alten "Rexeschule", im Volksmund auch "Haus Niggemeyer" genannt, früher Bismarckstraße 33, heute Bahnhofstraße 78.
Kreishaus Unna, Friedrich-Ebert-Straße 17, 59435 Unna

Literatur:

Börste, Josef/ Schmidt, Uta C., "Sie ist eine stattliche Erscheinung ...". Maria Niggemeyer - eine große alte Dame der Politik, in: Kreis Unna/ der Landrat (Hg.), Jahrbuch des Kreises Unna 2011, S. 73-88.
Dreßel, Klaus-Peter: Denkanstöße durch "Weiberröcke", hg. v. Stadt Bergkamen/ Der Stadtdirektor/ VHS-Geschichtswerkstatt, [Bergkamen], [o.J.], S. 29f.

Schmidt, Uta C., Maria Niggemeyer, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 15. 05. 2015,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/maria-niggemeyer/
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