Ingeborg Hopp / 1929

Eine Meisterin in der Männerdomäne Friseurhandwerk

Erwerbstätigkeit der Frauen war in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die Ausnahme, wie uns die Familienideologie der 1950er Jahre weiszumachen versuchte, sondern alltägliches Leben.

Das zeigt auch die Biografie von Ingeborg Hopp aus Dortmund, die im Rahmen eines Interviewprojektes des LWL-Industriemuseums Dortmund dokumentiert wurde. Sie hat sich in der Nachkriegszeit als Friseurmeisterin ihre eigene Existenz erarbeitet und einen Sohn großgezogen. Sie passt nicht so recht zu den medialen Stereotypen der Trümmerfrauen und ebenso wenig zu denen der hübschen, adretten Hausfrau und Mutter, die in den 50er und 60er Jahren ausschließlich in der Sorge um Mann, Kinder und Haushalt aufgingen.

Ingeborg Hopp wird 1929 in Bottrop „Am Venn“, in einem Zechenhaus geboren. Ihr Vater arbeitet als Schlossermeister auf der nahe gelegenen Zeche Rheinbaben, ihre Mutter kümmert sich um Haushalt und drei Kinder. Frau Hopp erlebt Krieg und Nachkriegszeit im Ruhrgebiet. Ihre Ausbildung ist überschattet vom Bombenkrieg. Sie besucht die Volksschule und anschließend mit der Zwillingsschwester die Haushaltsfachschule der Zeche Rheinbaben in der Aegidistrasse. Diese auf zwei Jahre angelegte Ausbildung mit ganztägigem Unterricht zur Haushaltsführung (Lehrinhalte z.B. : Gemüseanbau, Kaninchen- und Ziegenpflege, Einkaufsplanung, Nähen, Flicken), wird mehrmals unterbrochen durch Evakuierungen, die kurz vor Kriegsende zuletzt den Abbruch dieser Ausbildung zur Folge haben. Erste Arbeitserfahrungen macht Ingeborg Hopp dann während ihrer Evakuierung auf einem Gutshof bei Paderborn, den die Gutsbesitzerin alleine führt, weil ihr Mann Soldat ist. Gegen Kost und Logis hilft sie zusammen mit ihrer Zwillingsschwester und ihrer Mutter bei der Haushaltsführung.

Ingeborg Hopp beginnt 1946 im Februar 17jährig die Lehre in ihrem Wunschberuf Friseurin. Lehrmeisterin ist Thea Schröder im Salon an der Gladbeckerstrasse in Bottrop. Der karge Lohn wird aufgebessert durch großzügige Trinkgelder. Frau Hopp erinnert sich: Ich habe eigentlich meine ganze Aussteuer zusammengespart von dem Trinkgeld. Auch nach der Heirat bis zur Geburt ihres Sohnes arbeitet Frau Hopp weiter in verschiedenen Salons in Bottrop. Ihr Wunsch, in ihrem Beruf selbstständig zu sein, das war so ein geheimer Wunsch von mir, sagt Frau Hopp Jahrzehnte später, ist aus ihren Einkünften nicht zu verwirklichen. Darin bestärkt von ihrem Vater, der den Berufswunsch „Friseuse“ anfangs nicht guthieß, und von ihrem Ehemann, den sie 1951 heiratet, nicht nur mental, sondern auch materiell unterstützt, wird der Wunsch Wirklichkeit. Sie erzählt im Interview: … der hat immer gesagt, \ich kauf dir einen Friseursalon.\ Ihr Mann ermöglicht ihr die Einrichtung eines eigenen Geschäfts. Das Geld dazu stammt aus dem Gewinn, den er in der Zeit der Kohlenknappheit, als Kleinzechen-Unternehmer, mit „dem schwarzen Gold“, u.a. mit seiner Zeche Ingeborg in Witten erwirtschaftet hat.

Frau Hopp eröffnet 1954 ihren eigenen Salon in der Lessingstrasse 46 in Dortmund, der Heimatstadt ihres Mannes. Ihre Meisterprüfung legt sie 1956, nach einjährigem Meisterkurs, als einzige Frau unter sieben Männern ab, noch war der Friseurmeister eine Männerdomäne. Die Betreuung ihres einzigen Sohnes, der 1953 geboren wird, übernehmen in dieser Phase ihre Eltern in Bottrop. Ihr Mann arbeitet zu dieser Zeit meist in Witten. Später ist die Familie wieder in Dortmund, in der Schützenstrasse, vereint. Frau Hopp stemmt die Familienarbeit und die Betriebsführung des „Geschäfts“ – wozu sowohl die Einrichtung wie der Einkauf und auch das zunächst noch sehr mühsame Waschen der Handtücher im Waschkeller gehörte – weitgehend allein. Die dem Salon benachbarte Wohnung erleichtert den „Spagat“. Der Sohn besucht den Kindergarten und nachmittags betreut ihn eine Nachbarin.

Frau Hopp ist erfolgreich und eröffnet knapp zehn Jahre später schräg gegenüber auf der Lessingstrasse 35a einen größeren Salon mit neun Frisierplätzen. Die Wohnung der Familie ist jetzt im Haus. Frau Hopp beschäftigt nun in der Regel zwei Friseurinnen, eine Aushilfe und zwei bis drei Lehrlinge, die außer der Aushilfe in Vollzeit arbeiten. Fast alle Mitarbeiterinnen sind verheiratet und haben zum Teil auch Kinder. Die Belegschaftsstruktur und -größe liegt damit im bundesweiten Durchschnitt dieser Zeit. War der Friseurberuf zu Beginn des Jahrhunderts eher männlich besetzt, wächst der Anteil der „Friseusen“ stetig: 1949 sind 57,4 % und 1956 mehr als 80 % der Auszubildenden weiblich. Dieser Trend hält bis heute an.

Frau Hopp übt ihren Beruf mit Begeisterung aus. Kreativität und die Freude am Umgang mit Menschen bringt sie mit. Fortbildungen besucht sie regelmäßig, um auf dem neuesten Stand der Frisuren-Technik zu sein und ihre Mitarbeiterinnen schulen zu können. Das in der Jugend gelernte Ondulieren und die Wasserwelle weicht beispielweise dem Papilottieren, neuartige Dauerwelltechniken und Strähnchen müssen erlernt werden.

Als sie mit Anfang 50 die geliebte Berufstätigkeit – vor allem auf Wunsch ihres Mannes – aufgibt, findet sie ein neues Betätigungsfeld in der ehrenamtlichen Tätigkeit für „ihren“ Sportverein. Die Betreuung ihres kranken Mannes, den sie bis zum Tod pflegt, beendet diese Arbeit. Heute genießt Frau Hopp, dank gemeinsamer finanzieller Vorsorge für das Alter, ihren Ruhestand, der ihr Zeit für Muße, Freunde und ihren Garten gibt.

Bei jedem Interview und persönlichen Gespräch drückt Frau Hopp ihre Verwunderung darüber aus, dass sie zu Wort kommt und dass ihr Lebenswerk öffentliche Anerkennung findet. Sie und ihre Schwester haben in der eigenen Wahrnehmung innerhalb ihrer Familie immer im Schatten des älteren Bruders gestanden, der Professor der Theologie wurde, und der schon als Schüler ein „Überflieger“ war. Der Vater traute seinen Töchtern intellektuell nichts zu, seinen Spruch „Ihr seid so dumm wie sieben paar Ochsen“ hat sie ihr Leben lang nicht vergessen. Nach bestandener Meisterprüfung entgegnet sie ihm: Siehst du, so dumm wie sieben paar Ochsen, aber ich habe es geschafft.

Nach Bottrop fährt Frau Hopp heute noch zum Besuch des Nordfriedhofs, wo ihre Eltern begraben sind.

Bekannt geworden ist ihr Lebensweg durch ein Interview-Projekt des LWL-Industriemuseums zu Kleinzechen an der Ruhr. Der Ehemann von Frau Hopp verdiente nach dem Zweiten Weltkrieg als Kleinzechen-Unternehmer in Witten das Startkapital für den Wiederaufbau einer neuen Existenz und wurde zu dieser Tätigkeit vom Museum befragt. Daraus ergab sich der Kontakt zu Frau Hopp. Die Kleinzechen-Unternehmer werden in der Dauerausstellung „Zeche Eimerweise“ des LWL-Industriemuseums Zeche Nachtigall in Witten a.d. Ruhr vorgestellt. Das Leben von Frau Hopp wurde 2009 im Salon „Frauenbilder“ des Museums vorgestellt und soll demnächst auch in der Dauerausstellung präsentiert werden.

Ingrid Telsemeyer / LWL-Industriemuseum

Orte:

Am Venn, 46240 Bottrop
Lessingstraße 45, 44147 Dortmund
LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall, Nachtigallstraße 35, 58452 Witten

Literatur:

Interviews und Gespräche mit Ingeborg Hopp geführt von I. Telsemeyer 2009/2010, LWL-Industriemuseum, Dortmund.
Rilling-Linde, Godela/ Schmude-Fritz, Martina, "Hüte Dich vor allem Bösen, Krankenschwestern und Friseusen.", in: Frauen in Marburg, hrsg. vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Landesbezirk Hessen, Marburg, 1993, S. 252-272.

Telsemeyer, Ingrid, Ingeborg Hopp, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 21. 06. 2010,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/ingeborg-hopp/
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