Herrin von Asseln / um 550

In Dortmund-Asseln wurden im Frühmittelalter heiße Eisen angefasst.

Aus Funden und Befunden eines merowingerzeitlichen Friedhofs konnte die Stadtarchäologie von Dortmund mit detektivischem Spürsinn und naturwissenschaftlichen Untersuchungen das Leben und die Kontakte einer am Hellweg lebenden, führenden Familie samt Gefolgschaft wieder erstehen lassen: Der zwischen 40 und 50 Jahren verstorbene Mann wurde mit seinem zweischneidigen Langschwert, der Spatha, bestattet. Die gleichaltrige Gattin trug an ihrem Gewand eine große Almandinscheibenfibel und eine radförmige, fünfspeichige Zierscheibe mit Elfenbeinring. Zwischen ihnen waren drei Kleinstkinder, zwei Mädchen und ein Junge beigesetzt.
Diese „Herrin von Asseln“ war im böhmisch-mährischen Bereich kurz vor Mitte des 6. Jahrhunderts geboren worden. Mit der Abwanderung der Langobarden aus dem norddanubischen Bereich im Jahre 548 und der langobardischen Invasion 568 dürfte sie nach Italien gekommen sein, wo sie als junge Frau ihre außergewöhnlichen, mediterranen Schmuckstücke erhalten haben könnte. Etwa 25-jährig, noch in der ersten Hälfte der 570er Jahre, kam sie nach Asseln an den Hellweg. Denkbar ist, dass sie ihren Mann in Italien kennen lernte, als dieser dort Gefolgschaftsdienste leistete, und ihm in seine Heimat folgte. Bei einem Todesjahr um 585 blieb ihr, einen Abstand von zweieinhalb Jahren zwischen den Geburten vorausgesetzt, noch genügend Zeit, um die drei Kleinstkinder, die zwischen dem Paar bestattet wurden, und eventuell ein weiteres Kind, das das Erwachsenenalter erreichte, zur Welt zu bringen.
Nur in der ersten Generation verweisen die Grabbeilagen auf ein kriegerisches Gefolgschaftswesen. Die wirtschaftliche Grundlage der Gemeinschaft lag in Grundbesitz und landwirtschaftlichen Abgaben Abhängiger. Diese Wirtschaftsweise ermöglichte der Führungsschicht ein Leben mit Zeit für Übungen mit Waffen und Pferd, für den Unterhalt einer Gefolgschaft, die Pflege weit reichender Kontakte und den Erwerb von Prestigegütern, wie sie sich in den Grabbeilagen erhalten haben.
Im Asselner Grab Nummer 190 fand man im Schoßbereich der Verstorbenen, vielleicht einer Tochter der zugewanderten Langobardin, eine sorgfältig in Textilien eingeschlagene Pflugschar. Der Verstorbenen hatte man die Schuhe ausgezogen und vor den Füßen abgestellt, eine unübliche Praxis, denn die Toten gingen eigentlich beschuht auf ihre letzte Reise! Aus dem frühen Mittelalter ist nicht überliefert, dass Frauen Pflugarbeiten ausgeführt haben. So ist diese Grabbeigabe weniger als ein Hinweis auf die tatsächliche Arbeit, denn als eine symbolische Praxis zu deuten.
Die schon um 1200 aufgezeichnete Lebensgeschichte der Heiligen Kunigunde (ca. 980 – 1033), Ehefrau Heinrich II, gibt eine mögliche Interpretation: Der Untreue bezichtigt, soll sie sich freiwillig der Pflugscharprobe unterworfen haben, einer Form des Gottesurteils. Dabei hat die oder der Beschuldigte über eine rot glühende Pflugschar zu gehen – bleiben die Füße unverletzt, bzw. heilen ab, gilt die Probe als bestanden. Der früheste Hinweis auf dieses Verfahren findet sich in dem um 802 kodifizierten Recht der Thüringer: Ehefrauen, die in Verdacht kamen, ihren Ehemann umgebracht zu haben, sollten sich der Pflugscharprobe unterziehen. Bis in den heutigen Sprachgebrauch hat dieses Verfahren seine Spuren hinterlassen:„ein heißes Eisen anfassen“. Mädchen, die den Moralvorstellungen der Gesellschaft nicht entsprachen, wollte Luther wie „ein Eisen fallen lassen“.
In Dortmund Asseln legte man der Toten eine sorgfältige in Stoff eingewickelte Pflugschar in den Schoß: Sie verließ die Welt mit reinem Herzen.
Uta C. Schmidt/ FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.

Orte:

Dortmund Asseln, Kahle Hege, 44319 Dortmund

Literatur:

Brink-Kloke, Henriette/ Deutmann, Karl Heinrich (Hg.), Die Herrschaften von Asseln. Ein frühmittelalterliches Gräberfeld am Dortmunder Hellweg, München/ Berlin 2007.
Henning, Joachim:„Heiße Eisen“ der frühen Rechtsgeschichte. Pflugschare als Grabbeigaben in der Merowinger- und Karolingerzeit, in: a.a.O., S. 109-114.

, Herrin von Asseln, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, Stand: 2010,
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