Helena von Hoevel / um 1596

Das Schulwesen in Fröndenberg

Äbtissinnen, Konvent und Geistlichkeit schufen ab Ende des 16. Jahrhunderts in Fröndenberg einen Schulunterricht – für alle Kinder, unabhängig vom Einkommen der Eltern und der Konfession. Neben religiöser Unterweisung vermittelte er wenigstens ansatzweise die Grundtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens. Ohne die finanziellen Mittel des Konvents, bzw. der adeligen Damen aus ihren Präbenden oder ihrem Privatvermögen wäre dieser, wenn auch bescheidene Bildungserfolg nicht möglich gewesen. In zahlreichen erhalten gebliebenen Testamenten der Konventsangehörigen finden sich eher Schenkungen und Stiftungen für die zukünftige wirtschaftliche Absicherung der Schulen und der Lehrerstellen als an ferne Familienangehörige.
Als in Fröndenberg 1590 in deutscher Sprache flächendeckend für Mädchen und Jungen keineswegs vermögender oder adeliger Eltern Schule gehalten wurde, ohne erklärtes Ziel der Heranbildung von Verwaltungsbeamten und Offizieren, lag das Gesetz der allgemeinen Schulpflicht von 1717 in noch weiter Ferne. Dass dies ein Unterricht auf denkbar niedrigstem Niveau war und Anfang des 19. Jahrhunderts wichtige personelle und sachliche Reformen umgesetzt werden mussten, ging das 1812 aufgelöste Stift nichts mehr an. Rechtsnachfolger des Stifts, seines Vermögens und damit auch Träger des Schulwesens wurde für kurze Zeit der napoleonische und wenig später der preußische Staat.
Der Raum Fröndenberg war zum Zeitpunkt der Aufnahme eines Schulbetriebs ein sehr komplexes Gebilde an der Nahtstelle zweier höchst unterschiedlicher staatlicher Territorien und zudem konfessionell gespalten. Die Komplexität rührte daher, dass territorial der Ort zur Grafschaft Mark gehörte, diese wiederum seit 1609 und endgültig seit den 1660er Jahren zusammen mit dem Herzogtum Kleve zum Kurstaat Brandenburg. Kirchlicherseits jedoch gehörten die Fröndenberger Untertanen bis zur allmählichen Herausbildung eigenständiger Gemeinden eindeutig zur katholischen Gemeinde in Menden, jenseits der Ruhr im Territorium des Kölner Kurstaates gelegen. Mit dem freiweltlich-adeligen Damenstift mitten in Fröndenberg gab es überdies eine geistlich-kirchliche Enklave, auf die die Mendener Kirche, bedingt durch die Stiftsimmunität, keinen Zugriff hatte: Ein Fleisch im Stachel der Mutterkirche und zudem ein zwar funktionierendes, aber fragiles Gebilde gelebter Dreikonfessionalität, denn der Stiftskonvent bestand seit der Durchdringung vieler Adelsfamilien mit dem Gedankengut der Reformation aus katholischen, reformierten und lutherischen Konventualinnen. Dass es nur in seltenen Fällen zu handfest ausgetragenen Konfliktsituationen kam, dürfte daran gelegen haben, dass in Fröndenberg adelsstolz-autoritär erzogene, aber auch kluge, gebildete und auf Ausgleich bedachte Damen das Regiment führten. Hier mag auch Rivalität, Konkurrenzdenken und Familienstolz eine Rolle gespielt haben, denn wenn auch die von lutherischen Äbtissinnen geförderte Schule eine etwas längere Geschichte hatte, so ließen es sich die katholischen Damen nicht nehmen, auch ihrerseits nach Kräften das Schulwesen in Gang zu bringen.

Ab Ende des 16. Jahrhunderts ist erstmals der (nicht explizit evangelisch bezeichnete) Schulunterricht durch zwei namentlich genannte und in einem Anstellungsverhältnis zum Konvent stehende Stiftsvikare für Fröndenberg überliefert. Er fällt in die Amtszeit der lutherischen Äbtissinnen Helena von Hoevel (-1596) und ihrer Nachfolgerin Jodoca von der Recke (-1626). Typisch für die vor Ort praktizierte Koexistenz der Konfessionen war es, dass nach einer Aussage des lutherischen Pfarrers aus dem Jahr 1722 nach seinem Wissen auch bis 1683 die katholischen und bis 1709 die reformierten Schulkinder eben diese Schule besucht hätten und somit faktisch eine frühe Form der Gemeinschaftsgrundschule unterhalten wurde, deren Unterricht (außer dem Religionsunterricht) von einem angestellten Lehrer gehalten wurde.

Ab 1683 unterrichtete die katholischen Kinder dann der jeweilige katholische Pfarrer. Es wurden große Anstrengungen unternommen, einen Lehrer anzustellen und ein eigenes Schulhaus zu errichten, was dann aber erst 1720 endgültig gelang. Hierbei gingen die katholischen Stiftsdamen taktisch vor und versprachen der 1717 neu gewählten reformierten Äbtissin Dorothea von Wylich nur dann ihre Stimme zu geben, wenn sie dafür einen Bauplatz für die Schule aus dem Stiftsvermögen erhalten würden. So geschah es.

Als 1709 der bereits erwähnte Lehrer der ab 1683 nur noch von evangelischen Kindern besuchten „Gemeinschaftsgrundschule“ verstarb, wurde die Stelle vom Konvent und der reformierten Äbtissin Katharina von der Heyden mit einem Calvinisten neu besetzt, was dazu führte, dass die lutherischen Stiftsdamen eine eigene Schule begründeten. Die Einstellung des Calvinisten hatte handfeste wirtschaftliche Gründe, da die Familie der Äbtissin bereits 1694 vorausschauend ein zu verzinsendes Kapital zur Verfügung stellte, aus dessen Ertrag teilweise die Schule unterhalten werden sollte. Somit wurde also die eigenständige Schule der Reformierten nicht neu begründet, sondern es kam durch den Wechsel des Lehrers zu einer Paradigmenverschiebung der bestehenden Schule, während sich die lutherischen Damen etwas neues überlegen mussten. Noch im selben Jahr 1709 stellten sie einen lutherischen Lehrer an, der fast 35 Jahre vor Ort unterrichtete.

Die bis 1918 durchgängige Praxis der Schulaufsicht auf dem Lande durch die Pfarrer macht deutlich, wie eng die Verzahnung zwischen Schule und Kirche einst gewesen ist. Vornehmlich den evangelisch-lutherischen und den evangelisch-reformierten Gemeinden war es aus ihrem Selbstverständnis heraus eine Pflicht, Kenntnisse des Lesens und Schreibens der „hochdeutschen Sprache“ zu vermitteln, auch als notwendige Basis für das Singen deutschsprachiger Kirchenlieder und das Lesen der Heiligen Schrift. Bereits auf der ersten evangelisch-lutherischen Gesamtsynode der Grafschaft Mark in Unna 1612 war die Frage, ob in den Gemeinden „auch Schuel gehalten werde und der Catechismus Lutheri fleissigh darein getrieben“ Gegenstand der Erörterungen. Die Notwendigkeit der Vermittlung dieser Elementarkenntnisse wurde wenige Jahrzehnte später auch katholischerseits anerkannt und entsprechende Forderungen an die Geistlichkeit herangetragen, Schule in ihren Kirchspielgemeinden abzuhalten.

Jochen Engelhard v. Nathusius/ Stadtarchiv Fröndenberg

Orte:

Stiftsbezirk, 58730 Fröndenberg

Literatur:

Basner, Klaus, Geschichte der Schulen im Raum Fröndenberg, Fröndenberg 1991, (Beiträge zur Ortsgeschichte), hg. v.d. Stadt Fröndenberg/Ruhr, Bd. 7. 
Reißer, Jürgen/ Rinke, Andreas/ Schramm, Helmut, Die Stiftskirche in Fröndenberg, Fröndenberg 2005, (Beiträge zur Ortsgeschichte), hg. v. d. Stadt Fröndenberg/ Ruhr, Bd. 17. 
Krone und Schleier. Kunst aus Mittelalterlichen Frauenklöstern, hg. v. d. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn und dem Ruhrlandmuseum Essen, München 2005, S. 351-353.
Vauseweh, Arno/ Vauseweh, Ramona, Roter Ring auf silbernem Grund. Segele von Hamme, der Fröndenberger Marienaltar und die "Wandernde Madonna", in: Vestischer Kalender 2010, S. 201-222.

, Helena von Hoevel, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, Stand: 2010,
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