Gerti Jung / 1936-2008

Gewerkschafterin und Betriebsrätin in der Gelsenkirchener Bekleidungsindustrie.

Die Gewerkschafterin Gerti Jung war nahezu ihr ganzes Arbeitsleben in der Bekleidungsindustrie tätig. Ihr berufliche Tätigkeit sowie ihr gewerkschaftliches Engagement waren eng verknüpft mit den Wandlungen der Branche.

Gerti Jung, geborene Meise, fing schon in jungen Jahren in der Textilindustrie in Ahaus an. Hier machte sie bei der Firma Van Delden eine Ausbildung als Spinnerin. Eigentlich wollte sie Jura studieren, trotz eines in Aussicht gestellten Stipendiums musste sie aber als älteste Tochter das Familieneinkommen mit sichern und fing so wie der Vater in einer großen Spinnerei an. Sie zog dazu mit ihrem Vater nach Ahaus und musste dann – stellvertretend für ihre Mutter – die Haushaltspflichten im gemeinsamen Haushalt übernehmen. Durch ihre Heirat kam sie nach Gelsenkirchen. Sie bekam zwischen 1955 und 1958 drei Töchter. Nach der Scheidung musste Gerti Jung für sich und ihre Töchter den Unterhalt verdienen und nahm daher 1970 eine Stelle als Büglerin in der für sie fachfremden Bekleidungsindustrie in Gelsenkirchen an. Die Bekleidungsindustrie – häufig mit der Textilindustrie in einem Atemzug genannt oder gar verwechselt – greift auf die Materialien der Textilindustrie zurück und verarbeitet diese „Zutaten“ (Garne, Gewebe und Stoffe) zu Oberbekleidung, Wäsche, Arbeits-, Sport- und Freizeitkleidung, Pelz und Lederbekleidung sowie Heimtextilien.

Gerti Jung begann in der Bekleidungsindustrie zu einem Zeitpunkt, als die Branche sich schon stark veränderte. Die industrielle Fertigung von Damen- und Herrenoberbekleidung gab es im Ruhrgebiet erst seit der Nachkriegszeit. Aus dem Osten geflüchtete Bekleidungsunternehmer fanden hier einen riesigen Absatzmarkt und billige Arbeitskräfte. Bochum, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Herne, Recklinghausen und im geringerem Umfang auch die anderen Ruhrgebietsstädte wurden zu Standorten der Bekleidungsindustrie. Gerade Gelsenkirchen entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer Hochburg der DOB-Herstellung. Die Anwerbung von geflüchteten Bekleidungsunternehmer wurde von der Stadt systematisch betrieben, einerseits vor dem Hintergrund des großen Bekleidungsmangels, andererseits um Frauen und Kriegsversehrten eine Erwerbsmöglichkeit zu bieten. Nach dem Willen der Stadtväter sollte die Bekleidungsindustrie die fünfte Säule der städtischen Wirtschaft werden.

In den folgenden Jahrzehnten fanden in Gelsenkirchen bis zu 7.400 Beschäftigte, überwiegend Frauen, einen Arbeitsplatz in der Branche; auf dem Gebiet des Siedlungsverbandes Ruhrgebiet zählte die Bekleidungsindustrie 1970 rund 24.000 Beschäftigte. Die Bekleidungsindustrie kam spätestens in den 1970er Jahren in Schwierigkeiten, als Handelsunternehmen verstärkt dazu übergingen, preiswerte Bekleidungsimporte aus sogenannten Dritt-Welt-Ländern auf den Markt zubringen. Die Folge waren Betriebsschließungen, Auslagerungen der Produktion und eine starke Konzentrationswelle innerhalb der Branche.

Gerti Jung arbeitete zwischen 1970 und 1972 bei der Firma Riegel als Büglerin. 1972 wechselte sie zur Firma Nienhaus und Luig, einem Tochterbetrieb des Steilmann Konzerns, wo sie viele Jahre als Büglerin beschäftigt war. Durch die harte Arbeit und die schlechte Bezahlung – die Bekleidungsindustrie stand immer an zweitletzter Stelle der Entlohnung bei den Industriebranchen – fand Gerti Jung den Weg in die Gewerkschaft Textil und Bekleidung (GTB) und wurde Betriebsrätin. Zwischen 1975 und 1996 war sie in ihrem Betrieb Vorsitzende des Betriebsrats. Gerade um die Akkordlöhne der gewerblichen Arbeiterinnen gab es täglich Schwierigkeiten, die Einführung neuer Maschinen, neue Materialien oder geänderte Lieferfristen führten immer wieder zu chaotischen Zuständen. Unterstützung für ihr Engagement boten die von ihr besuchten Schulungen der Gewerkschaft. In der Gewerkschaft wirkte sie bald in vielen ehrenamtlichen Funktionen auf Orts-, Bezirks- und Bundesebene. Für hauptamtliche Tätigkeiten berief man jedoch auch bei der GTB trotz überwiegend weiblicher Klientel in Gelsenkirchen nur Männer.

1987 wurde sie Abteilungsleiterin bei Nienhaus und Luig. Inzwischen führten seit den 1980er Jahren die Internationalisierung der Produktion und die Globalisierung des Bekleidungshandels zu einem tiefgreifenden Strukturwandel in der Bekleidungsindustrie. Nahezu unbemerkt im Schatten des Niedergangs der Montanindustrie mussten viele Bekleidungsbetriebe schließen, die noch überlebten, verlagerten ihre Produktion ins Ausland. Gerti Jung musste vielfach in die Türkei reisen, um bei Subunternehmern Qualität und Standards zu kontrollieren, während nicht nur in ihrem eigenen Betrieb die Arbeitsplätze wegfielen. Auch diesen Spagat galt es als Betriebsrätin auszuhalten. Gerti Jung engagierte sich in der Folgezeit mit ihren Kolleg/innen in der Kampagne für „Saubere Kleidung“, um soziale Mindeststandards weltweit in der Bekleidungsindustrie durchzusetzen.

Nah 50 Jahren verschwand die Bekleidungsindustrie fast vollständig aus dem Ruhrgebiet. Die restlichen „industriell orientierten“ Firmen bestehen heute aus den Verwaltungs- Kreativ- und Musterabteilungen. Gelsenkirchen zählte Ende 2008 noch vier Bekleidungsbetriebe mit knapp 600 Beschäftigten. Gerti Jung und viele ihre Kolleginnen gingen in Ruhestand. Ihr Engagement und ihre gewerkschaftlichen Ämter auf lokaler Ebene behielt sie noch lange bei. Gerti Jung starb im Sommer 2008.

Brigitte Schneider/ VHS-Gelsenkirchen

Orte:

Ehemaliges Bahnhofsfenster an einem Gebäude des Bahnhofsvorplatzes.
Ehemaliges Bekleidungsviertel Dickampstraße; von den Kleiderfabriken gibt es heute noch die Firma Marcona, die hier einen Outlet-Store betreibt.

Literatur:

Beese, Birgit/ Schneider, Brigitte, Arbeit an der Mode. Zur Geschichte der Bekleidungsindustrie im Ruhrgebiet, Essen 2001.
Eine gleichnamige Wanderausstellung ist verfügbar, siehe www.Arbeit-an-der-Mode.de

Schneider, Brigitte, Gerti Jung, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 10. 01. 2012,
https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/gerti-jung/
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