Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach / 1696-1776

Gescheiterte Eheprojekte einer Äbtissin

Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach war nahezu 50 Jahre Fürstäbtissin in Essen von 1726-1775. Als Gründerin des sogenannten ‚Waisenhauses’ in Essen-Steele stellt Erwin Steiner sie in der Festschrift zu dessen 300jährigem Bestehen als „Heilige der Nächstenliebe“ in eine Reihe mit Elisabeth von Thüringen und Mutter Theresa. Die „Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung“ – so der heutige Name – ist jedoch in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts nicht nur als karitative Einrichtung gegründet worden, sondern diente gleichzeitig als fürstliche Residenz und katholisches Bollwerk der Jesuiten an der Grenze zur preussisch-protestantischen Grafschaft Mark. Der Einfluss der Societas Jesu zu jener Zeit ist kaum zu überschätzen. Doch es gab auch andere Zeiten.
Franziska Christine stammte aus einer verarmten Nebenlinie der Kurfürsten von der Pfalz. Ihr Vater, Theodor Pfalzgraf zu Sulzbach, war verheiratet mit Eleonore Landgräfin von Hessen-Rheinfels-Rotenburg; es handelte sich also sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits um hoch angesehene altfürstliche Adelsgeschlechter. Franziska Christine, geboren 1696, war die drittälteste von sechs Geschwistern (vier Mädchen, zwei Jungen). Bis auf die drei Jahre ältere Schwester Maria Anna, die 1714 Nonne bei den Karmeliterinnen in Köln wurde, haben alle anderen Geschwister geheiratet. Alle vier Mädchen waren zeitweise Stiftsdamen.

Bereits im Alter von fünf Jahren erhielt Franziska Christine eine Pfründe im Stift Thorn/Roermond, das im 18. Jahrhundert mit Essen in Personalunion regiert wurde. Als Zehnjährige wurde sie von der dortigen Äbtissin, einer Tante mütterlicherseits, als Universalerbin eingesetzt, was angesichts der klammen Kassen bei dem Vater möglicherweise die Idee einer Stiftskarriere für diese Tochter hat aufkommen lassen.

Dass die 21-Jährige 1717 in Thorn zur Äbtissin gewählt werden würde, hatte dort niemand erwartet. Doch dank bester Vorarbeit – sei es durch Geld, Geschenke oder Versprechungen – konnte Franziska Christine im ersten Wahlgang neun von 16 Stimmen auf sich vereinen, obwohl sie noch gar kein Mitglied des Kapitels war und obwohl vier andere Stiftsdamen, die dem Stift seit Jahrzehnten angehörten, ebenfalls für dieses Amt kandidiert hatten. Simonie – Ämterkauf nennt man ein solches Vorgehen. Am 17. Juli 1717 hielt sie ihren großen Einzug, ähnlich dem, der 1726 nach ihrer Wahl in der mit Girlanden geschmückten Stadt Essen mit berittenen Kavalieren und abendlichem großen Feuerwerk stattfand. In der Zwischenzeit (1717-1726) kamen allerdings verschiedene Heiratsprojekte auf. Dass letztendlich alle Verbindungen scheiterten, lag wohl weniger an den Wünschen und Präferenzen Franziska Christines oder der Bewerber, noch an Schönheit oder Hässlichkeit, sondern in ihrem Fall waren wohl die Finanzen ausschlaggebend.

Bereits Ende 1716 – also vor der Wahl in Thorn – muss eine Heirat ins Auge gefasst worden sein, wobei unklar ist, mit wem. Franziska Christine schreibt am 8. Januar 1717 nach Sulzbach, zunächst habe sie gedacht, es sei ihr unmöglich sich „zu bewouster mariage […] zu resolviren“, doch, da ihre Mutter diese wünsche und immer nur das beste für sie wolle, könne sie sich auch dazu entschließen, zumal ihr „die Person […] so unangenehm nicht sey“.

Es fällt auf, dass nicht einmal in der Privatkorrespondenz zwischen Mutter und Tochter Namen genannt werden, um niemanden ins Gerücht zu ziehen. Geheimhaltung! Sicherheitsstufe eins: Man musste immer damit rechnen, dass die Post abgefangen und unterwegs geöffnet wurde. Vermutlich handelte es sich um einen Prinzen von Ligne, der Franziska Christina noch im Herbst des folgenden Jahres seine „besondere affection bezeugen“ ließ. F ü r  ihn sprach, dass seine Mutter dem Königshaus von Aragon entstammte, doch man zweifelte, ob seine „subsistentz mittel“ für eine glückliche Ehe ausreichen würden. Es sei nicht anzuraten, die gute Versorgung als Fürstäbtissin von Thorn gegen die angetragene Heirat zu tauschen. Hier hat der eigene Vater seine Tochter wohl kräftig hinters Licht geführt, denn nicht der Bräutigam, sondern das Haus Pfalz-Sulzbach konnte die notwendige Mitgift nicht aufbringen. Die Fürsten von Ligne waren reich: Maria Josepha, die Tochter dieses Fürsten, wurde später Stiftsdame in Essen mit einer jährlichen Apanage von 40.000 Talern.

1720 berichtet der Graf von Hatzfeld, der schon die Thorner Wahl gemanagt hatte, von weiteren höchst geheimen Unternehmungen, Heiratspläne zur Versorgung der Prinzessin Franziska Christine zu schmieden. In Augsburg hatte er mit dem König von Sardinien konferiert, der ihm versicherte, wie sehr er die Prinzessin „venerire“ (= bewundere). Hatzfeld berichtet auch von möglichen Allianzen mit dem jüngeren Prinzen von Orléans oder dem zweiten Bruder des Herzogs von Parma. Immer hat dabei der Aspekt der Geheimhaltung oberste Priorität, um im Fall des Nicht-Zustandekommens weder einzelne Personen noch die beteiligten Häuser bloßzustellen. Das Bekanntwerden solcher Verhandlungen im Falle des Scheiterns bedeutete einen Ehrverlust des Hauses; Heiratsprojekte zu schmieden war oft ein Vabanque-Spiel und erforderte höchste diplomatische Kunst.

Noch fünf Jahre nach Franziska Christines Wahl in Thorn heißt es, Prinz Antoine de Parma habe sein Absehen einzig und allein auf sie gerichtet. Obwohl für ihn eine andere Partie bestimmt sei, wolle er – so ein Bericht aus Florenz – nur sie heiraten. Wie Franziska Christine zu ihm stand, wissen wir nicht. Verloren gegangene Akten des Bayerischen Hauptstaatsarchivs in München, deren Inhalt nur vage aus den Findbüchern bekannt ist, verweisen auf weitere Heiratsanträge: 1723 bot sich ein Prinz zu Radziwill als Bräutigam an, 1724 der regierende Herzog von Bouillon. Offensichtlich waren diese europäischen Höfe, die Herzöge von Bouillon, von Orléans, von Parma oder auch von Radziwill sehr daran interessiert in den deutschen Hochadel einzuheiraten.
Angeblich sind alle ins Auge gefassten Heiratsverbindungen daran gescheitert, dass die Bewerber nicht genügend Vermögen vorweisen konnten; wahrscheinlicher ist die zweite Variante: die Sulzbacher hatten nicht genug Geld für eine ordentliche Mitgift, zumal für die Wahl in Thorn schon erhebliche Mittel hatten aufgebracht werden müssen.

Umso bitterer war das Erwachen, als man am Sulzbacher Hof Genaueres über die Finanzverwaltung der Thorner Abtei erfuhr. Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Thorn waren schon beim Regierungsantritt der neuen Fürstäbtissin katastrophal. Ein pfälzischer Berater, den Franziska Christine um Hilfe gebeten hatte, stellte fest, dass für die fürstliche Haushaltung in Thorn mindestens knapp 6.000 Reichstaler pro Jahr benötigt würde, doch die Einnahmen betrügen nur gut die Hälfte. Als Franziska Christine ihren Vater bat, einige Wochen im Jahr in Sulzbach verbringen zu dürfen, um Kosten zu sparen, lehnte dieser das Ansinnen rundweg ab. Im Frühjahr 1722 konnte sie nicht einmal an den Hochzeitsfeierlichkeiten ihres Bruders in Bergen-op-Zoom – also ganz in der Nähe – teilnehmen, weil sie nicht in der Lage war, das Nötigste für eine solche Reise, nämlich eine kleine Reisekutsche, eine „Nachtzeug Khyste“ und verschiedene Spitzengarnituren anzuschaffen. Um die Misere insgesamt zu beheben, empfahl der Vater, Franziska Christine möge für einige Monate ins Kloster der Cellitinnen nach Düsseldorf gehen. Das geschah mehrere Jahre lang. Offiziell hieß es dann in Thorn auch in den folgenden Jahren, die Fürstin brauche Luftveränderung. Die finanzielle Misere änderte sich erst, als Franziska Christine 1726 auch Fürstäbtissin in Essen wurde und ihr die Einnahmen aus dieser größeren Abtei ebenfalls zuflossen.

Es handelte sich bei diesen dynastischen Eheanbahnungen immer um äußerst delikate Operationen, die bis zu einem positiven Abschluss höchste Geheimhaltung verlangten. Franziska Christines Eheprojekte scheiterten an den miserablen Finanzen ihres Vaters, die es nicht einmal zuließen, solche Projekte über vorsichtige Sondierungen im Vorfeld hinaus wachsen zu lassen. Nicht ihre eigenen Wünsche hatten Vorrang, sondern die des Hauses Pfalz-Sulzbach, dem sie als Fürstäbtissin von Essen und Thorn wohl besser dienen konnte denn als als Ehefrau..

Ute Küppers-Braun/ Essen

Orte:

Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung, Steeler Straße 640-646, 45276 Essen
Schloss Borbeck, Schloßstraße 101-103, 45355 Essen

Literatur:

Küppers-Braun, Ute  (vertaling Marc Hulsbosch), Te lelijk om te trouwen? Maria Cunegunda van Saksen en Francisca Christina van Pfalz-Sulzbach, in: De Krotewès. Tijdschrift geschied- en heemkundige kring „Het Land van Thorn“ 17,3, 2009, S. 131-148.


Küppers-Braun, Ute, Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach (1726-1776), in: Christen an der Ruhr Bd 1, hg. v. Alfred Pothmann und Reimund Haas. Essen 1998, S. 61-82.

Küppers-Braun, Ute, Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach, Version 1.0,
in: frauen/ruhr/geschichte, 01. 02. 2010,
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