Alessandra Cuppini Alberti / 1940

Sie war „La Dottora“ für die italienische Gemeinde Dortmunds. Wer ein Problem hatte, ging zu ihr, sie wusste die Lösung.

1987, dem Jahr zunehmender Fremdenfeindlichkeit in Westdeutschland, gründete Alessandra Cuppini Alberti zusammen mit Ismet Kosan und anderen Gleichgesinnten aus Gewerkschaft, Schule und Wissenschaft den Senioren- und Migranten- „Verein für Internationale Freundschaften“, ViF Dortmund e.V., im Dortmunder-Norden. Sie prägte jahrzehntelang die Vereinsarbeit. In ihrer aktiven Zeit war sie die Stimme der Migranten und Migrantinnen in der Stadtpolitik, egal welcher Herkunft: im Ausländerbeirat, Sozialausschuss, Kulturausschuss und durch ihre Mitarbeit am Integrations-Entwicklungsplan. Jahrzehntelang initiierte oder leitete sie mit anderen Mitgliedern soziale Projekte für Frauen, Mädchen, Jugendliche und vor allem für die älteren, arbeitslos gewordenen Stahl- und Bergarbeiter – ehrenamtlich. Alessandra Cuppini Alberti hat im wahrsten Sinne ihre Stadt  gestaltet.1

 

Argelato bei Bologna

Alessandra Cuppini Alberti wurde in der kleinen Gemeinde Argelato bei Bologna als jüngstes von sieben Kindern des Stadtbeamten Ugo Cuppini geboren. 1940 war Krieg, in Italien stand Benito Amilcare Andrea Mussolini (1883-1945) als Diktator an der Spitze des faschistischen Regimes. Im Juni 1940 war er als Verbündeter des faschistischen Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Alessandra Cuppini Alberti kann sich an deutsche Soldaten erinnern, die in dem Haus ihrer Eltern einquartiert waren, an Freunde der Familie und nächste Verwandte, die sich den Partisanen gegen Mussolini angeschlossen hatten. Krieg und Bürgerkrieg schreiben grausame Geschichten: So wurde ihr Vater von einem Kommando fremder, nicht ortsansässiger Partisanen ermordet, angezeigt von Neidern im Dorf, als sie knapp vier Jahre alt war. Ihr Vater war kein Faschist, aber als Angestellter des Staates war er auch kein Gegner. Sein Bruder hingegen war Kommunist und Kommandeur der Partisanen im Kampf um die Vertreibung der Deutschen und den Sturz Mussolinis, doch er konnte den Bruder nicht retten. Später wurde auch Alessandras Lieblingsbruder Guido ermordet. Die Familie verarmte und hielt sich durch Schneiderarbeiten der Frauen für die bäuerlichen Familien der Umgebung über Wasser: Mutter und Schwester Alessandras hatten immer von einem eigenen Modesalon geträumt.

Alessandra Cuppini erinnerte sich an ihre Tante Lena, die ihr von den Kämpfen der Landarbeiter und Landarbeiterinnen gegen die „padroni“, die Gutsbesitzer, Anfang des 20. Jahrhunderts erzählte. Eingegangen sind diese Erfahrungen in das  auch bei uns bekannte Protestlied „Bella Ciao“, das von den Arbeiterinnen im Reisfeld berichtet, „in risaia mi tocca andar“, die von morgens bis abends für einen „Hungerlohn“ unter sengender Sonne arbeiten mussten. Während der Arbeit war es verboten zu sprechen, und so sangen sie. Auch der von Bernardo Bertolucci (1941-2018) inszenierte Monumentalfilm „Novecento“ (1900) gibt einen Einblick in die Herkunftsregion Alessandras, der Emilia-Romagna, zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

 

Bella Ciao

Während die älteren Schwestern heirateten und einer ihrer Brüder in ein Priesterseminar eintrat, bekam Alessandra die Chance, in Bologna zur Schule zu gehen, zu studieren und zu promovieren. Sie studierte Germanistik: „Ich hatte gute Erinnerungen an unsere einquartierten Soldaten. Einer war aus Österreich, er half uns und besorgte Dinge zum Essen. Am meisten hat mich der Strudel begeistert, den er für uns machte. Dabei schlug er immer auf den Tisch ein ‚zack und klatsch, peng‘ und rief dazu ‚das ist für Hitler!‘ Wir mussten viel lachen“, erzählte sie später. Sie liebte die deutsche Literatur und schrieb ihre Doktorarbeit über E.T.A. Hoffmann: „Das Ende der Romantik und der Einstieg in die Realität“. Zu Beginn der 1960er-Jahre kam sie mit ihrer Studienfreundin Fausta zum ersten Mal nach Deutschland, an die Universität Kiel. Beide praktizierten eine frühe Form des heutigen „Erasmus“-Austauschs und besuchten während ihres Germanistikstudiums einmal im Jahr einen Ferienkurs an einer deutschen Universität. Sie studierten in Hamburg, an der Universität Frankfurt am Main und schließlich 1968 an der Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster: „Da empfahl man mir einen Studentenvertreter, er sei Italiener, der im Ausländerreferat besonders aktiv mit den ausländischen Studenten zusammenarbeitete. Es stellte sich heraus, dass er zwar einen italienischen Namen trug, aber kein Wort Italienisch konnte.“ Das war Peter Alberti. Beide heirateten 1970.

Die Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit hatten auch die Biografie Peter Albertis geprägt: Kurz nach dem Krieg nach Schottland geschickt, kam er in der Nachkriegszeit zurück zu seiner Familie nach Kahla in Thüringen in der Deutschen Demokratischen Republik, wo er mit seiner englischsprachigen Sozialisation Misstrauen und Ablehnung erfuhr. Später flüchtete er mit seinem älteren Bruder über das Lager Friedland nach Westdeutschland und begann ein Lehramtsstudium. Alessandra und Peter heirateten und zogen nach Dortmund, wo Peter Alberti eine Stelle als Lehrer fand. Auch Alessandra Alberti arbeitete als Lehrerin: Mit ihren kleinen Sohn Christian ging sie als Lehrerin zurück nach Italien, nach  Riccione und Rovereto, denn als Kriegswaise erhielt sie staatliche Unterstützung, die sie in Italien (ab)arbeiten musste. Sie kehrte später zu ihrem Mann nach Dortmund zurück.

Alessandra Alberti begann als Schwangerschaftsvertretung muttersprachlichen Unterricht im Dortmunder Norden zu erteilen: Es gab kein Material, sie musste es „erfinden“. Sie sah, in welch ärmlichen Verhältnissen ihre Schützlinge lebten und begann zu helfen. Es blieb nicht bei wohltätiger Hilfe. Mit italienischen Arbeitern und Arbeiterinnen gründete sie den ersten politischen italienischen Verein in Dortmund.

 

Autonome Organisation der italienischen Gemeinschaft

Fremdenfeindlichkeit und struktureller Rassismus zeig(t)e sich in vielen Zumutungen: Alessandra Alberti suchte an ihrem Wohnort Dortmund den Kontakt zur italienischen Community, die sich unter dem Dach der Caritas traf. In dieser Organisationsweise zeigt sich eine Struktur, die bis auf das Jahr 1962 zurückgeht, als die Bundesregierung mit drei Wohlfahrtsverbänden – der katholischen Caritas, dem Diakonischen Werk der Evangelischen Kirchen und der AWO – Verträge zur Betreuung der ersten angeworbenen Arbeitskräfte aus dem Ausland abschloss. Die Betreuung der aus einem katholischen Land stammenden italienischen Gemeinschaft übernahm die Caritas. Schon bald kam es zu Spannungen, da die Caritas mit paternalistischem Gestus gegenüber der zu betreuenden Community agierte und eine selbstbestimmte Arbeit der Zugewanderten verunmöglichte. Der sonntägliche Treffpunkt für die italienischen Familien wurde geschlossen. Italienerinnen und Italiener gründeten daraufhin einen Verein, dem sie in Anlehnung an italienische unabhängige und selbstständige, d.h. nicht staatliche Vereinigungen den Namen „Autonomes Zentrum der Italiener in Dortmund“ gaben. Ihnen war das deutsche Verständnis von „autonom“ nicht bekannt: Sie hatten einen politisch höchst umstrittenen Namen gewählt, in Deutschland verwies in den 1970er Jahren  das „autonom“ auf klassenkämpferische, linke politische Praxen.2 Dieses „autonom“ im Namen hat die Vereinsarbeit erschwert.

 

Arbeitskreis deutsche und ausländische Mitbürger

Bereits 1974 traf sich Alessandra Alberti im Dietrich-Keuning-Haus im „Arbeitskreis deutsche und ausländische Mitbürger“, der sich gegen die in Dortmund aktive rechtsextreme Szene und für eine aktive Ausländerpolitik einsetzte. Nach einer Demo gegen Neonazi-Organisationen wie die „Borussenfront“ am Borsigplatz, der damals als Zentrum der rechtsextremen Szene in Dortmund galt, wurden die Aktiven massiv bedroht und im spanischen Zentrum überfallen. Auch Alessandra Alberti erhielt aufgrund ihrer politischen Arbeit massive Drohungen in Briefform – das hieß in den 1980er Jahren noch nicht „Hate Speech“ und spielte sich nicht in sozialen Medien ab, doch die rechte Gewalt war nicht minder bedrohlich als heute.

 

Verein für internationale Freundschaften

Die Vereinsgründung ging aus der 1985 gegründeten und bis heute aktiven gewerkschaftlichen Initiative gegen Rechtsextremismus und Rassismus „Mach meinen Kumpel nicht an“ hervor. Die abwehrende gelbe Hand übernahm die Initiative als Logo von der französischen Initiative „SOS Racisme“. 1986 hatte sich auch in Dortmund bei Hoesch durch Mitglieder der Industriegewerkschaft Metall ein Verein „Gelbe Hand – mach meinen Kumpel nicht an“ unter dem Vorsitzenden Ismet  Kosan gegründet. Dieser wurde 1987 zum „Verein für Internationale Freundschaften Dortmund e.V.“ (ViF), um den Aktionsradius zu erweitern. Am 19.11.1987 wurde amtlich der Vereinsname geändert und Alessandra wurde zuerst stellvertretende, dann Vereinsvorsitzende. Sie machte ViF zu dem, was er bis heute ist: zu einer politischen Stimme von Zugewanderten und zu einem unabhängigen Treffpunkt für Menschen unterschiedlicher Herkünfte.

Die Gründung des „Vereins für Internationale Freundschaften“ erfolgte im räumlichen Umfeld der Westfalenhütte in der Dortmunder Nordstadt und zu einer Zeit, als die Stahlkrise viele der angeworbenen Arbeiter der ersten Generation bereits als Frührentner oder Arbeitslose „freigesetzt“ hatte. Werkswohnungen rund um den Borsigplatz wurden verkauft, die Mieten stiegen. Rentnerinnen, Rentner und ältere Arbeitslose meist türkischer und marokkanischer Herkunft wurden hart getroffen. Der Produktionsstandort schloss endgültig 2001. Die Hochöfen, die Sinteranlage und das Warmbreitbandwalzwerk wurden nach China verkauft und dort wieder aufgebaut. Die Vorstellung, die „sogenannten Gastarbeiter:innen“3 würden wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren, erwies sich als Trugbild. Bis zum Jahre 2000 galt in der Bundesrepublik das Staatsangehörigkeitsrecht von 1913: „‘Ausländer‘ wurden als vorübergehende Erscheinung angesehen und – wenn sie politisch aktiv waren – als potentielle Unruhestifter.“4 Diese Erfahrung hatte Alessandra Alberti auch bereits mit dem „Autonomen Zentrum der Italiener in Dortmund“ machen müssen. In dieser gesellschafts- und sozialpolitisch bedeutenden Transformationsphase mit zunehmend gewalttätiger Fremdenfeindlichkeit nahm der Verein seine Arbeit auf. Sein Name „Verein für Internationale Freundschaften“ drückt die Zeitgebundenheit seiner Gründung aus, denn er verstand (und versteht) sich nicht identitätspolitisch, sondern als ein Zusammenschluss von/ für Menschen mit verschiedenen Herkünften im Sinne gegenseitiger Verständigung und gemeinsamer Gestaltung der Gesellschaft. In der Formulierung „internationale Freundschaften“ kommt ein individueller Beziehungsaspekt zum Ausdruck, aber auch eine transnationale Vorstellung von vertrauensvoller und gleichberechtigter Beziehung jenseits von Herkunft, Klasse, Geschlecht, Religion.

Die erste Phase des Vereinslebens war geprägt von Aktionen gegen die Fremdenfeindlichkeit und die ‚Ausländerpolitik‘ bzw. ‚Integrationspolitik‘, ViF organisierte Veranstaltungen zu politischen Themen wie Rassismus, Folter, Frauenrechte oder für die doppelte Staatsbürgerschaft. Die Mitglieder engagierten sich 2003 gegen  eine Beteiligung der BRD am Irak-Krieg und beteiligten sich am interreligiösen Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften. 1989 trat der Verein dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtverband (DPWV) bei.

 

Vom ‚Ausländerbeirat‘ zum ‚Integrationsrat‘

Vor allem aber forderten die Vereinsmitglieder einen direkt gewählten „Ausländerbeirat“ als eigene politische Vertretung auf kommunaler Ebene und setzten damit die Frage nach politischer Repräsentation auf die Tagesordnung, denn Eingewanderte und ihre Nachkommen waren weder im öffentlichen Diskurs vorgesehen, noch durften sie ernsthaft politisch mitbestimmen. Sie unterstanden einer Sondergesetzgebung, dem „Ausländergesetz“, und wurden darin de facto als „Menschen zweiter Klasse“ festgeschrieben.5In Dortmund trafen sich Ende der 1980er Jahre Menschen als „Ausländerbeirat“ – darunter Sandra Alberti, Pili Gonzales und Viktoria Walz als „Grüne in Aktion“ – , um Rechte für Mitsprache und Gestaltung für Zugewanderte auf Kommunaler Ebene durch ein demokratisch gewähltes Vertretungsgremium und eine offensive Antidiskriminierungspolitik zu  fordern.6Im November 1993 waren sie endlich erfolgreich: Auf Beschluss des Rates der Stadt Dortmund wurde erstmalig offiziell ein „Ausländerbeirat“ als Vertretungsorgan direkt von den ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in Dortmund gewählt. Damit war Dortmund die erste Stadt in Nordrhein-Westfalen, die diese Forderung nach politischer Vertretung von Migrantinnen und Migranten in der Kommunalpolitik umgesetzte. Mit der Neufassung der Gemeindeordnung im Jahr 1994 wurden dann Gemeinden, in denen mindestens 5.000 ausländische Einwohner und Einwohnerinnen ihre Hauptwohnung haben, zur Bildung von Ausländerbeiräten verpflichtet. Im Zuge einer Änderung der Gemeindeordnung 2009 wurde aus dem ‚Ausländerbeirat‘ ein ‚Integrationsrat‘. Auch Dortmund vollzog die Namensänderung: In der Begrifflichkeit ‚Ausländerbeirat‘ wird die historische Dimension dieser politischen Repräsentation deutlich – in der Verschiebung hin zum ‚Integrationsrat‘ manifestiert sich die Entwicklung im Migrationsregime.

 

ViF – Begegnungsstätte an der Flurstraße

1993 erhielt der Verein für internationale Freundschaften Nutzungszeiten in den von der Arbeiterwohlfahrt genutzten Räumlichkeiten einer städtischen Begegnungsstätte auf der Flurstraße in der Dortmunder Nordstadt, in denen er bis heute wirkt (Stand 2022). In der ersten Zeit auf der Flurstraße schlug dem Verein und seine Mitgliedern nicht allzu große Sympathie entgegen, er fühlte sich als „ungern gesehener Gast“. Im Grunde erhielt er die Räumlichkeiten nur, weil die AWO unter Mitgliederschwund litt und von der Stadtverwaltung jemand zusätzlich für die Nutzung der Räumlichkeiten gesucht wurde. Niemand sonst wollte in die Schmuddelecke am Borsigplatz ziehen und so bekam ViF zwei Tage zur Gestaltung seiner Angebote. Es gab viel Ärger, denn es waren selbstverständlich immer die „Ausländer“, die die Fenster angeblich nicht geschlossen hatten oder Dreck machten. Doch ViF entfaltete dort beharrlich und nachhaltig Seniorenarbeit von, für und mit Menschen der ersten Gastarbeitergeneration. Von Anfang an lag ein Schwerpunkt auf dem Handlungsfeld „Älter werden in der BRD“.7 

Alessandra Alberti versteht die Vereinsarbeit „international, praxisbezogen, selbsthilfefördernd, altersübergreifend“.8 Sie ruht auf drei Praxisfeldern zwischen Sozial- und Kulturarbeit: Es gibt erstens Informationen und Hilfen bei Antragstellungen, Übersetzungen, Fachvorträge, einen Ort zum Austausch, zum Treffen und Feiern; Gemeinsam unternehmen sie zweitens gemeinschaftsstiftende Ausflüge zu Kulturorten in Stadt und Region, zu Museen, zur Universität, zu Stätten der Industriekultur, Orte, die die Teilnehmenden kaum allein bereist hätten. Und drittens pflegen sie als Verein die deutsche Sprache: „Deutsch sprechen gegen die Einsamkeit“, reden und diskutieren, nicht nur in der eigenen Community in ihrer Muttersprache, so dass das Deutsch schnell wieder verlernt wird. Alessandra Cuppini Alberti hat dabei eigene didaktische Konzepte einer Hilfe zur Selbsthilfe entwickelt, so etwa, wenn nach Informationsveranstaltungen zur Gesundheits- oder Sozialpolitik alle gemeinsam mit den vortragenden Fachleuten Problemlösungen inhaltlich wie sprachlich durcharbeiten und sich darüber fit machen für Behördengänge, Antragsstellungen, Hilfegesuche.

 

Geschlechtersensible Alten- und Kulturarbeit

In einem Vortrag 2001 stellte Alessandra Alberti die Probleme zur Diskussion, die sich bei einer Öffnung der Einrichtungen der Altenhilfe und Gesundheitsbildung für Migranten und Migrantinnen ergeben. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Begegnungsstätte des ViF auf der Flurstraße von Menschen zwischen 50 und 80 Jahren aus Chile, Deutschland, Spanien, Italien, Indonesien, Iran, Ukraine, Marokko, Russland und vor allem aus der Türkei besucht: „Zu uns kommen Buddhisten, Christen, Muslime, Juden und Atheisten, ArbeitsmigrantInnen und AsylbewerberInnen“.9 Die Senioren und Seniorinnen mit deutschem Pass, die die Begegnungsstätte zu AWO-Öffnungszeiten frequentierten, waren zumeist hochbetagt und an Freizeitbeschäftigungen wie Kaffeetrinken und Kartenspielen interessiert. Sie hegten Vorurteile, Misstrauen, Angst, Ablehnung. Eine gemeinsame, vertrauensvolle Altenarbeit konnte sich nicht entwickeln. Denn die Migrantinnen und Migranten, die zum ViF kamen,  verstanden sich als aktive, junge ‚Alte‘, die nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes den Kontakt zur deutschen Welt nicht verlieren. Trotz deutscher Sprachdefizite wollten sie weiter in dieser Sprache über soziale und politische Themen diskutieren und ihnen war mehr als bewusst, dass sie für ein angstfreies und gelungenes Leben als Seniorinnen und Senioren in der Bundesrepublik aktiv etwas tun mussten. Alessandra Alberti ließ keinen Zweifel daran, dass die Doppelnutzung mit der Altengruppe der AWO schwierig war und eine gemeinsame Arbeit angesichts der Vorurteile auf deutscher Seite sowie, fehlender finanzieller und personeller Ressourcen nicht zu realisieren war.

Seit Ende der 1980er Jahre setzte sich der Verein unter dem Motto „Älter werden in der Fremde“ mit Wohnformen für Seniorinnen und Senioren auseinander, besichtigte Heime, Tagespflegeeinrichtungen, Altentreffs in Dortmund. Noch waren die Angebote nicht auf Bedürfnisse von Menschen mit nichtdeutschen Herkunftstraditionen ausgerichtet. Wie die meisten Deutschen auch wollten die zugewanderten Männer und Frauen in den eigenen vier Wänden, in der vertrauten Umgebung alt werden. Doch gab es Unterschiede: So verfügten sie über einen schlechteren Informationsstand und waren bei Pflegeanträgen leichter abzuwimmeln, Familien lebten oft auf engstem Raum, Platz für besondere Pflegeein- oder Umbauten stand nicht zur Verfügung. Ständig stieg auch die Zahl der Alleinstehenden. Sie lebten zumeist in Altbauwohnungen, die bei Beeinträchtigungen  schlecht altengerecht umzubauen waren. Zudem trug die stetige Verteuerung von Mieten und Nebenkosten zur Verarmung bei. Wichtig war in diesem Zusammenhang für Alessandra Alberti auch die Gesundheitsbildung: Informationsdefizite und Ängste, nicht gehört zu werden, führten oftmals zu schwierigen Krankheitsverläufen. An diesen Aktionsfeldern Alessandra Albertinis wird deutlich, dass das, was wir heute für die Soziale Arbeit als Standards ansehen, mühsam und in kleinen Schritten von den Senioren und Seniorinnen mit Einwanderungsgeschichte selbst erarbeitet wurde und immer wieder eingefordert werden musste.10 „Die deutsche Mehrheitsgesellschaft hat immer noch die Vorstellung, die Arbeitsmigranten und -migrantinnen gehen im Alter zurück in ihre Herkunftsländer oder werden in ihren großen Familien versorgt. Das ist schon jetzt immer weniger der Fall, weil sich die Kinder wegen fehlender Arbeitsmöglichkeiten in alle Winde zerstreuen“, erklärte Alessandra Alberti in einem Interview 2005.11 Armut, Krankheit, Isolation im Alter nähmen nicht nur eine herkunftsspezifische Dimension an, sondern auch eine Geschlechterdimension: Sie beträfen Frauen in spezieller Weise. Viele aus der ersten Zuwanderungsgeneration lebten von minimalen Renten unterhalb des Existenzminimums. „Sie waren eigentlich gar nicht vorgesehen, als man Arbeitskräfte anwarb“. So verstand Alessandra Alberti ihre Arbeit ausdrücklich auch frauenpolitisch – Frauen stark zu machen, um als Migrantinnen Rechte einzufordern.

 

Geschichte(n) erzählen

Am Ende ihrer aktiven Vereinszeit prägte Alessandra Alberti die Biografiearbeit, die ViF im Sinne einer aktiven Erweiterung der Erinnerungskultur um Themen wie Migration und Zuwanderung begann. Die Lebensleistungen der Zugewanderten gehören in die Geschichte der Bundesrepublik. Der ViF begann mit den Lebenserinnerungen von neun jungen Männern, die 14-, 15-jährig aus der Türkei ins Ruhrgebiet kamen, und am 1. April 1965 eine Lehre auf den Zechen Hansa, Germania, Schwerin und Emscher-Lippe begannen. Sie legten erfolgreich ihre Knappen- und Facharbeiterprüfung ab und wurden schließlich Techniker, Ingenieure, Steiger und Betriebsrat. Untergebracht waren sie während ihrer Lehrzeit in Pestalozzidörfern, die die Zechen nach dem Krieg für jugendliche Lehrlinge errichtet hatten, die ohne Familie aus den ehemaligen deutschen Gebieten östlich der Oder geflüchtet waren und nun Arbeit im Bergbau suchten. Sie wurden im Ruhrgebiet dringend gebraucht. Nachdem immer weniger Jugendliche für den Bergbau rekrutiert werden konnten, wurden türkische Jugendliche angeworben, die dann in diesen Pestalozzidörfern durch eine erfahrene Bergarbeiterfamilie als „Hauseltern“ betreut wurden.12Das Buch über ihre Lebensverläufe „Glückauf in Deutschland“13 wurde ein großer Erfolg. Die Wanderausstellung, die daraus entstand, zog durch Museen und Rathäuser des Landes. Der Verein erhielt zahlreiche Preise für seine Geschichtsarbeit.14 Im Jahr des Auslaufens des subventionierten Steinkohlebergbaus 2018 in Deutschland schrieben sich die neun Kumpels mit ihrem spannenden Buch und der interessanten Ausstellung in die allgemeine Industriegeschichte ein.

Es folgte das Projekt „Wir hier oben – ihr da unten: Die Frauen an der Seite türkischer Bergleute der ersten Stunde erzählen“. Acht Ehefrauen sprechen von ihren persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen übertage. Es war – so in ihrer Rückschau – ein erfülltes und erfolgreiches Leben mit und in zwei Kulturen. Doch war der Anfang schwer. Frauen deutscher Herkunft konnten Ende der 1960er Jahre keinen türkischen Freund mit nach Hause bringen. Taschengeldentzug, Ausgehverbot waren die Folge. Ein türkisches Mädchen hingegen, dessen Traummann in Deutschland arbeitete, landete nach kurzer Verlobungszeit und einer Fahrt im Ford 17M in einer schmucklosen Junggesellenbude zwischen Zeche, Halde und Kokerei – ohne Unterstützung durch eine türkische Nachbarschaft, die erst langsam  in den Zechensiedlungen entstand. Auch diese Erfahrungen und ihr Selbstverständnis als Bergmannsfrauen gehören zur Geschichte dieses Landes.15

Mit einem dritten Projekt widmete sich die Geschichtsarbeit des Vereins der heute zweitgrößten Zuwanderungsgruppe, den Eingewanderten aus der ehemaligen Sowjetunion, darunter auch jüdische Emigranten als sogenannte ‚Kontingentflüchtlinge‘: „Oma, woher kommst du? Du singst so schön.“16 Sie hatten als Jugendliche oder Kinder Krieg, Vertreibung oder Flucht erlebt, so ist es ihnen auch ein Bedürfnis, gegen Krieg und Diskriminierung anzuschreiben. Sie verließen sie die unsicheren Zustände nach dem Zerfall der Sowjetunion und kamen in den 1990er Jahren als Familien in die Bundesrepublik. Unter den Frauen waren hochqualifizierte Ingenieurinnen, Technikerinnen, die auf dem geschlechtsspezifisch segregierten deutschen Arbeitsmarkt keine ihrer Ausbildung angemessene Beschäftigung mehr finden konnten. Während sie in der Sowjetunion als ‚die Deutschen‘ galten, wurden sie hier zu ‚den Russen‘ und erfuhren Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Ausgrenzung.

 

Eine Italienerin in Deutschland

Alessandra Alberti ist keine typische Arbeitsmigrantin. Sie kam als Akademikerin nach Dortmund. Doch auch die „Dottora“ in Germanistik erlebte in Deutschland Fremdenfeindlichkeit: Sie sprach Deutsch, doch sie wurde als „Fremde“ markiert. Sie wurde beklaut und betrogen, so, als man ihr für drei Schweinekoteletts in der Metzgerei 12 DM (Deutsche Mark) abnahm. Sie war aus Italien gewohnt, dass Lehrpersonen mit Respekt gegenübergetreten wurde. Und nun in Deutschland wurde sie zur Seite gedrängt und nicht ernst, nicht für voll genommen.17Das war für sie klar und deutlich Fremdenfeindlichkeit. Bei der Geburt ihres Sohnes lag sie in den Städtischen Kliniken zwar erster Klasse – ihr Mann war Beamter – aber ihr Schreien und bitteres Rufen half nichts, als unter der Geburt die Schmerzen unerträglich wurden und sie Angst bekam. Sie wurde nicht beachtet. Sie hörte eine Schwester sagen: „Die Südländer schreien immer und übertreiben gerne.“  Erst eine Ärztin kam ihr zur Hilfe und leitete die Geburt ein: „Ich werde meine Not und diese Angst, dass mein Kind vielleicht sterben könnte oder krank zur Welt käme, nie vergessen.“ Diese Erfahrung nennt man heute wohl traumatisch. Alessandra Alberti erzählte, dass ihr Sohn – blond und blauäugig – sie in der gegenüber Fremden feindlich eingestellten Öffentlichkeit immer intuitiv unterstützte, so sprach er laut italienisch, damit sie sich nicht alleine fühlte.  In einer anderen Situation mit ihrem Sohn, mit dem sie italienisch sprach, damit er in zwei Sprachen aufwuchs, bat ein Verkäufer an der Haustür: „Rufen sie doch bitte die Hausfrau, ich möchte etwas vorstellen“, als sei sie das Hausmädchen. Stereotype wie diese, in denen sich die Herkunft auf die Arbeit überträgt, die den „Anderen“ in der eigenen Gesellschaft  zugewiesen werden, fasst die Soziologie heute unter „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“.18

 

POSTSCRIPTUM

Während diese Biografie zu Alessandra Cuppini Alberti entsteht, lebt sie hochbetagt mit einer sehr schweren Form der Demenz in einem Pflegeheim der katholischen Kirche in Dortmund. Ljuba Schmidt, aktuelle Vorsitzende des ViF, kümmert sich um sie, so wie Alessandra sich um den Verein und um internationale Freundschaften gekümmert hat. Alessandra Alberti erkennt niemanden mehr und niemand weiß, was sie von ihrer Umwelt noch aufnimmt. So lassen sich einige biografische Hinweise für diesen Text nicht mehr vertiefen und Erzählungen konkretisieren. Zu einer bedeutenden Quelle wurden Gespräche, die sie anlässlich verschiedener Vereinsjubiläen mit Viktoria Waltz führte. In der WDR-Sendereihe „Erlebte Geschichte“ erzählte sie aus ihrer Zeit in Dortmund.19Ihr politisches (Vereins)Engagement lässt sich über die Vereinsunterlagen rekonstruieren, die sich mittlerweile im Dortmunder Stadtarchiv befinden.

Viktoria Waltz, ViF/  Uta C. Schmidt, frauen/ruhr/geschichte

  1. Die Biografie Alessandra Cuppini Alberti beruht auf zahlreichen Interviews, die sie im Laufe ihrer langen politischen Arbeit mit Viktoria Waltz geführt hat und auf Vereinsüberlieferungen, die mittlerweile ins Stadtarchiv Dortmund überführt wurden.
  2. Vgl.  Geronimo, Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen, Berlin 1995 (4. Aufl.).
  3. Diese Formulierung wird in der vorliegenden Schreibweise von Nesrin Tanç übernommen, die ihn als heuristischen Begriff nutzt, um Migrationsgenerationen in Deutschland zeitlich und inhaltlich zu strukturieren, vgl. Tanç, Nesrin (2021). Ne kaldı? Ne kalacak? Was ist geblieben? Was bleibt? Erinnern an die sogenannten Gastarbeiter:innen aus der Türkei. (ifa-Edition Kultur und Außenpolitik). Stuttgart: ifa (Institut für Auslandsbeziehungen). https://doi.org/10.17901/akbp1.14.2021
  4. Terkessidis, Mark, Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute, Hamburg 2010, S. 181.
  5. Vgl. Terkessidis, Wessen Erinnerung zählt?, S. 181.
  6. Überlieferungen des ViF e.V. zu 1988, Stadtarchiv Dortmund (StA Do).
  7. Überlieferungen des ViF e.V. zu 1988, StA Do.
  8. Referet Alessandra Alberti unter: http://www.infothek.paritaet.org/pid/fachinfos.nsf/084d1e2d27926991c12569f900700d64/4ae0a78a7a43d492c1256a1b00476418/$FILE/Referat-alberti.pdf [Zugriff 10.08.2022]
  9. Ebd.
  10. Überlieferungen des ViF e.V. zu 1988, StA Do. ViF hat für seine Arbeit Preise erhalten: 2000 – Altenpflegepreis Vincentz Verlag, Hannover; 2001 – NRW- und Bundespreis „startsocial – Hilfe braucht Helfer“; 2002 – Auszeichnung Bundeswettbewerb „Integration“; 2005 – Agenda-Siegel der Stadt Dortmund, vgl. https://www.dortmund.de/media/p/wohnungsamt/downloads_afw/ViF-Flyer.pdf; 2011 – Integrationspreis der Stadt Dortmund; 2016 – Engagementpreis NRW
  11. Das Interview wurde 2005 für den Politeia-Kalender 2006 vom Politeia-Projekt des Hauses der Frauengeschichte Bonn geführt.
  12. Zu den Pestalozzidörfern vgl. Dommer, Olge: „Dass wir das überhaupt geschafft haben“. Hausmütter in Dortmunder Pestalozzidörfern, in: Heimat Dortmund 2003, H. 2, S. 32–34.
  13. Waltz, Viktoria/ Verein für Internationale Freundschaften (Hg.), Glückauf in Deutschland, die Geschichten von neun Jugendlichen, die mit 76 anderen im November 1964 aus der Türkei kamen, eine Bergbaulehre begannen, von Pestalozzifamilien in Dortmund und Castrop sowie in einem Lehrlingsheim in Datteln aufgenommen wurden und Steiger, Techniker oder Ingenieur wurden, Oberhausen 2015.
  14. So wurde er beim 7. Geschichtswettbewerb des Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher e.V. mit dem 1. Preis in der Kategorie Initiative, Verein, Archiv, Werkstatt ausgezeichnet.
  15. Waltz, Viktoria/ Suhan, Cornelia/ Verein für Internationale Freundschaften e.V. Dortmund (Hg.), Wir hier oben – ihr da unten: die Frauen an der Seite türkischer Bergleute der ersten Stunde erzählen – ein Projekt der lebendigen Erinnerung und Spurensuche, Dortmund: Verein für Internationale Freundschaften 2018.
  16. Waltz, Viktoria (Hg.), Oma, woher kommst du? Du singst so schön: Großmutter und Enkel – eine Begegnung. Dortmunder Einwanderinnen aus der ehemaligen Sowjetunion berichten; Babuschka otkuda ty? Pocemu twoj pesni zbucat tak krasivo, Dortmund/ Verein für Internationale Freundschaften e.V. 2019.
  17. https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/alessandra-alberti-100.html [Zugriff 1.9.2022]
  18. Vgl. Möller, Kurt: Entwicklung und Ausmaß gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, in: Scherr, Albert/ El-Mafaalani, Aladin/ Yüksel, Gökçen (Hrg.): Handbuch Diskriminierung, Wiesbaden 2017, S. 425-447.
  19. Vgl. https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/erlebtegeschichten/alessandra-alberti-100.html
Orte:

Internationale Altenbegegnungsstätte, Flurstraße 70, 44145 Dortmund

Stadtarchiv Dortmund, Stadtarchiv Dortmund Märkische Str. 14, 44122 Dortmund

Dietrich-Keuning-Haus Leopoldstr. 50-58, 44147 Dortmund

Borsigplatz, Dortmund

Westfalenhütte, Eberhardstr. 12, 44145 Dortmund

Zitation: Waltz, Viktoria/ Schmidt, Uta C., Alessandra Cuppini Alberti, Version 1.0, in: frauen/ruhr/geschichte, Stand: 2010, https://www.frauenruhrgeschichte.de/biografien/alessandra-cuppini-alberti/

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