Aufbau und Anlage einer Literatursammlung zur Frauen–, Männer– und Geschlechtergeschichte des Ruhrgebiets

Dagmar Kift

Im Jahr 1999 gab Birgit Beese im „Literaturwegweiser zur Geschichte an Ruhr und Emscher“ einen ersten Überblick über den Stand der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung der Region.[i] Sie bilanzierte dort „Erste Zugänge zur Mittelalter- und Frühen Neuzeitforschung“, fasste die Forschungsergebnisse zu „Bürgerinnen in der Industrialisierung“ und „Arbeiterfrauen“ zusammen und benannte als weitere Forschungsthemen „Frauenarbeit“ sowie „Geschlechterordnung und Rassismus“.

FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE. schreibt diesen Bericht als Literaturüberblick über etwa 1.000 Publikationen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte im Ruhrgebiet fort, die zwischen 1950 und heute erschienen sind. Dazu haben wir ausgewertet

  • Bibliographien zur Frauen- und Geschlechtergeschichte im Ruhrgebiet
  • Literaturhinweise in den gängigen Titeln der historischen Sekundärliteratur zur Frauen- und Geschlechtergeschichte im Ruhrgebiet
  • die Print- und Internet-Fassungen der NW-Bibliographie ab 1983 (Titel-, Stichwort- und systematische Suche nach relevanten Begriffen wie „Frauen“,„Familie“, „Geschlecht“; teilw. auch AutorInnensuche)
  • die HBZ-Bibliographie 1960-1983 (dto.)
  • die in den Gleichstellungsstellen vorliegende Graue Literatur aus der Region.[ii]

Ergänzend dazu führten wir eine bundesweite Email-Umfrage an den Lehrstühlen für Geschichte und Volkskunde/Ethnographie nach thematisch einschlägigen Examensarbeiten und Dissertationen durch.

Ausgewählt wurden die Publikationen, deren Titel einen frauen- oder geschlechtergeschichtlichen Schwerpunkt vermuten ließen. Dass unsere Literaturliste derzeit vor allem Beiträge enthält, die der klassischen Frauengeschichte zuzuordnen sind, hat zwei Gründe. Zum einen sind geschlechtergeschichtliche Ansätze häufig nicht dem Titel zu entnehmen. Zum anderen hatte die neuere Frauenforschung auch im Ruhrgebiet eine zunächst vor allem kompensatorische und kontributorische Zielrichtung: In einer von der Montanindustrie dominierten Region, deren Geschichte lange Zeit eine fast ausschließliche Geschichte der Männer, d.h. der Bergleute und Stahlarbeiter, war, sollten nun auch die hier lebenden Frauen sichtbar gemacht und ihr Beitrag zur Entwicklung der Region gewürdigt werden. Dass die meisten Titel ab den 1980er Jahren erschienen sind, ist kein Zufall, denn zu dieser Zeit trieb die neue Frauenbewegung die Beschäftigung mit der Geschichte der Frauen entscheidend voran und dies sowohl in den Geschichtswerkstätten vor Ort als auch in der wissenschaftlichen Forschung. Heute sind Frauengeschichte und Genderforschung an den meisten Universitäten etablierte Teilbereiche von Forschung und Lehre. Auch das Interesse vor Ort ist ungebrochen, wenngleich nicht überall gleich stark ausgeprägt.

Unsere Recherche-Ergebnisse haben wir zum einen in der ‚ÄûLiteraturliste: Alle Titel“ zusammengefasst. Diese Liste enthält außerdem ausgewählte Titel zur allgemeinen Geschlechtergeschichte. Zum anderen haben wir Teil-Listen zu einzelnen Epochen erstellt, die über die Literatur zur Frauengeschichte im Mittelalter, der Frühen Neuzeit und im 19./20. Jahrhundert informieren. Den Abschluss bildet eine Literaturliste zur allgemeinen Frauen-, Männer- und Geschlechtergeschichte.

Kurze Einführungen fassen die inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte der Veröffentlichungen zu den einzelnen Epochen zusammen. Sie benennen diejenigen Themen und Gruppen, die bisher im Zentrum des Interesses standen sowie diejenigen, die bislang noch wenig berücksichtigt wurden. Zwei Beiträge ordnen den Forschungsstand zur Frauen- und Geschlechtergeschichte im Ruhrgebiet in die allgemeine Frauen-, Männer- und Geschlechtergeschichte ein. Weitere Literaturüberblicke und Einführungen zu einzelnen Themen werden wir im Verlauf des Kulturhauptstadtjahres 2010 ergänzen sowie den Literaturüberblick immer wieder aktualisieren.



[i] Beese, Birgit: Historische Frauenforschung, in: Faulenbach, Bernd und Franz-Josef Jelich (Hg.): Literaturwegweiser zur Geschichte an Ruhr und Emscher, hg. im Auftrag des Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, Essen 1999, S. 191-201.

[ii] Für Recherche und Korrekturarbeiten danken wir Karin Dahm-Zeppenfeld.