Blanka Pollak, 1925-1945

Das Totengebet für Blanka Pollak

Im Herbst 1999 sprach der Landesrabbiner von Nordrhein-Westfalen, Dr. Henry Brandt, auf dem jüdischen Friedhof in Bottrop das jüdische Totengebet, den Kaddisch, für Blanka Pollak, gestorben am 18. März 1945.

Zu der Zeremonie waren Blanka Pollaks Schwester Peri Hirsch und deren Familie aus den USA angereist. Für die Familie endeten damit 55 Jahre qualvoller Ungewissheit über das Schicksal der Schwester. Blanka (geb.1925), Peri (geb. 1930) und Olga (geb. 1928) Pollak lebten mit weiteren sechs Geschwistern und ihren Eltern in Ruscova in den Karpaten, die während des Zweiten Weltkriegs zu Ungarn gehörten.

Ungarn war seit 1941 Bündnispartner des NS-Staats im Krieg gegen Russland und wurde im März 1944 zur Sicherung der Bündnistreue von deutschen Truppen besetzt. Unmittelbar danach setzte dort die systematische Deportation der jüdischen Bevölkerung ein, von der  insgesamt etwa 520.000 Menschen betroffen waren. Unter ihnen war die Familie Pollak. Etwa 320.000 Menschen wurden in Auschwitz sofort ermordet, etwa 110.000 Personen zwischen Mai und Juli 1944 von Auschwitz zur Zwangsarbeit deportiert.

Bei der Ankunft der Pollaks im KZ wurden die Mutter mit den drei jüngsten Kindern und der Vater sofort von den anderen getrennt, "...and we saw them never again“, so Peri Hirsch. Zwei der älteren Brüder gelang es zu überleben. Auch die drei Schwestern und  ihre gleichaltrigen Cousinen entgingen zunächst der Vernichtung, weil sie als "brauchbar" für die Zwangsarbeit erachtet wurden.

Schon seit 1940 hatten die Nationalsozialisten aus den eroberten Ländern Millionen von Kriegsgefangenen und Zivilpersonen zur Zwangsarbeit verschleppt, die als „Ost- und Westarbeiter“ in der deutschen Wirtschaft, auch im Ruhrgebiet, etwa ein Drittel der Belegschaften ausmachten. Zugleich war es das politische Ziel des NS-Staats, durch Vertreibung und Vernichtung die Wirtschaft „judenfrei“ zu machen. Im April 1944 wurde der Arbeitskräftemangel in den Rüstungsbetrieben jedoch so groß, dass Hitler auch die „Bereitstellung von Judenkontingenten“ aus Ungarn zur Zwangsarbeit angeordnet hatte. Dabei sollten auch Mädchen und junge Frauen für schwerste Arbeiten eingesetzt werden.

Blanka und die anderen Mädchen gehörten deshalb zu den 1.500 ungarischen Jüdinnen, die als SS-Arbeitskommando Ende Juni 1944 von der Organisation Todt aus dem KZ Auschwitz-Birkenau für das Hydrierwerk Gelsenberg Benzin AG in Gelsenkirchen angefordert wurden und dort Anfang Juli in einem nahe gelegenen Außenlager des KZ Buchenwald eintrafen. Durch einen britischen Luftangriff waren die Produktionsanlagen für das kriegswichtige Kerosin weitgehend zerstört worden und sollten schleunigst wieder repariert werden. Die Zwangsarbeiterinnen mussten ohne Hilfsmittel Trümmer beseitigen und waren in Zelten unter erbärmlichen Bedingungen in der Nähe des Werks untergebracht. Ungarische jüdische Zwangsarbeiterinnen gab es im Ruhrgebiet auch in Essen, Bochum und Dortmund.

Als am 11. September 1944 erneut ein vernichtender Luftangriff auf das Werk Gelsenberg erfolgte, durften die Jüdinnen nicht in den Werksbunker. Blankas Schwester Olga und ihre Cousinen zählten zu den 138 Toten, sie selbst wurde wie 22 andere schwer, ihre Schwester Peri leicht verletzt. Zusammen mit einigen anderen Verletzten wurde Blanka in das nahe gelegene katholische Hospital in Gelsenkirchen-Horst gebracht. Dessen Leiter Dr. Rudolf Bertram entschied sich aus Glaubensgründen, unterstützt von der Krankenhausfürsorgerin und einer Oberschwester, auch ihnen zu helfen. Damit brachten sie sich durchaus in Gefahr.

Blanka blieb im Krankenhaus zurück, als das Werk kurz darauf aufgegeben und das Lager aufgelöst wurde. Die Zwangsarbeiterinnen, Peri eingeschlossen, wurden in ein Werk der Rheinmetall in Sömmerda (Thüringen) verlegt und von dort aus im März 1945 auf einen Todesmarsch geschickt, den Peri überlebte. 1946 ging sie in die USA, wo sie noch heute mit ihrer Familie lebt. Über oder von Blanka hatte sie nie wieder etwas gehört.

Als Peri Hirsch im September 1994 auf Einladung der Stadt Gelsenkirchen zusammen mit weiteren überlebenden Frauen anlässlich des 50. Jahrestags des Luftangriffs auf das Werk Gelsenberg zum ersten Mal wieder nach Deutschland kam, sprach sie im kleinen Kreis von ihrer Trauer um die verschollene Schwester Blanka.

Eine der Zuhörerinnen war die VHS-Fachbereichsleiterin Marianne Kaiser. Sie erzählte von dieser Begegnung in einer Gelsenkirchener Frauengeschichtswerkstatt, in der Wiltrud Apfeld, Marlies Mrotzek, Margret Nyenhuis und Ingrid Scheld das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen erforschten. Deren intensive Recherche nach den Spuren Blanka Pollaks blieb zunächst ohne Erfolg, bis Marlies Mrotzek bei Archivarbeiten auf eine Verwaltungsnotiz über deren Aufenthalt als Patientin im Marienhospital Bottrop vom 27. November 1944 bis zum 18. März 1945 stieß. Unterstützt von der Bottroper 8. Mai-Initiative um Henner Maas fanden die Frauen danach heraus, dass Blanka Pollaks  Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof am 21. März 1945 stattgefunden hatte und dass es einen für die Alliierten erstellten Lageplan des jüdischen Friedhofs von 1948 gab, auf dem auch ihr Grab verzeichnet war. Marianne Kaiser informierte Peri Hirsch und sorgte auf deren Bitte für die Aufstellung eines Grabsteins.

Im September 1999 kam die Familie, begleitet von Bottroper und Gelsenkirchener Bürgerinnen und Bürgern, zur Totenehrung für Blanka Pollak, von deren Grabstein der Landesrabbiner sagte, er solle „ein Trost für all diejenigen sein, deren Schwestern anonym in Massengräbern verscharrt wurden“.

Der Bottroper Runde Tisch gegen das Vergessen ließ 2001 mit Spendenmitteln drei weitere Grabsteine setzen für die ungarischen Zwangsarbeiterinnen Julia Lantemann und Schari Widder, die Blankas Schicksal teilten, und für das Kind der Überlebenden Blanka Berkowitsch, Nikolaus, der 35 Tage alt wurde. Die Bottroper Stadtarchivarin Heike Biskup erarbeitete eine Begleitausstellung. Angehörige konnten nicht mehr gefunden werden.

Marianne Kaiser/ Gelsenkirchen 

Orte:

Westfriedhof am Westring, 46242 Bottrop

Marienhospital, Josef-Albers-Str. 70, 46236 Bottrop

Hospital St. Josef, Rudolf-Bertram-Platz 1

VEBA Oel, Johannastr. 2, 45899 Gelsenkirchen

Grabstätte der ungarischen Jüdinnen auf dem Friedhof Horst-Süd in Gelsenkirchen
 

 

Literatur:

Mrotzek, Marlies, Das KZ-Außenlager der Gelsenberg Benzin AG. Germinal Verlag, Fernwald (Annerod) 2002. 

Goch, Stefan, Das Außenlager des KZ Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst. In: Jan-Erik Schulte: Konzentrationslager in Rheinland und Westfalen 1933-45. Zentrale Steuerung und regionale Initiative, Paderborn u.a. 2005,  S.271-78.

Herholz, Heike/ Wiebringhaus, Sabine, KZ Außenlager Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst. Eine Dokumentation, in: Beiträge zur Stadtgeschichte, hg. vom Verein für Orts- und Heimatkunde, Band XI, Gelsenkirchen 1983, S. 121–142, und als: Heft 1 der Reihe „Jüdisches Leben in Gelsenkirchen“, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Hg.), Gelsenkirchen 1994.

Bergmann, Martina/ Stratmann, Hartmut, "Meine lieben 17 ungarischen Kinder..." Von der Rettung jüdischer Frauen in Gelsenkirchener Krankenhäusern. Heft 3 der Reihe: Jüdisches Leben in Gelsenkirchen. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Hg.), Gelsenkirchen 1996.

Gelsenkirchen 1933-45. Beispiele der Verfolgung und des Widerstandes. Hrsg. Schul- und Kulturdezernat der Stadt Gelsenkirchen, o.J. [1982].