Maria Kunigunde von Sachsen, 1740-1826

Zu hässlich zum Heiraten?

Bis heute hält sich hartnäckig das Urteil, Maria Kunigunde von Sachsen sei nur deshalb Fürstäbtissin von Essen geworden, weil sie zu hässlich für eine Heirat gewesen sei. Weder der Focus auf die politischen Dimensionen ihres Amtes, das sie von 1775/6 bis 1803 als letzte Fürstäbtissin von Essen ausübte, noch auf ihre wirtschaftlichen Unternehmungen während der beginnenden Industrialisierung konnten daran etwas ändern.

Eine Akte im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden zeigt jedoch, dass die Frage nach Hässlichkeit oder Schönheit ein äußerst geschickter Schachzug war, um von den politischen Optionen, die es im Heiratsgeschäft des Adels zu beachten galt, abzulenken. Die Akte handelt von dem Eheprojekt mit Josef II. von Österreich, dessen erste Frau Isabella von Parma an Pocken verstorben war. Seine Depression hoffte man durch eine neue Heirat zu kurieren. Schon während der Krankheit Isabellas, als sich abzeichnete, dass keine Rettung möglich war, kam als erste Brautkandidatin Maria Kunigunde von Sachsen ins Gespräch. Sie war 1740 in Warschau als 15. und jüngstes Kind des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. (+ 1763) – zugleich als August III. König von Polen – und seiner Gattin Maria Josefa Antonia, Erzherzogin von Österreich (+1757) geboren worden.

Schon kurz nachdem Isabella von Parma am 27. November 1763 gestorben war, meldeten auch andere Höfe Interesse an einer Ehe an: fünf Prinzessinnen konkurrierten um den Erzherzog.

Josef gab erst Ende August 1764 seine Zustimmung zu einer Wiederverheiratung. Bis dahin war jedoch einiges geschehen. Nicht nur die offizielle Politik war aktiv, sondern vor allem die immer rührigen Wiener Hofchargen, die sich durch ihr Wissen leicht ein gutes Zubrot erwerben konnten, immerhin ging es um die zukünftige Kaiserin. Als aktiv gegen Sachsen und für die kurbayerische Kandidatin Maria Josefa Handelnde werden in sächsischen und österreichischen Akten genannt: eine Gräfin von Sternberg, eine Fürstin von Fürstenberg, eine junge Fürstin von Auersberg und Fürst und Fürstin von Liechtenstein.

Die schlimmsten Fehler in der ganzen Angelegenheit beging wohl der sächsische Resident in Wien, Graf Petzold. Er ignorierte die konkurrierenden Prinzessinnen von Anfang an und gab ihnen keine Chance, obwohl schon im Januar beleidigende Gerüchte über Maria Kunigunde und über ihren Bruder Clemens Wenzeslaus in Umlauf waren. Petzold sah auch keinerlei Gefahr, als die Zustimmung des Erzherzogs zu einer zweiten Ehe mit einer brisanten Bedingung verknüpft war: Entgegen allen Gepflogenheiten an europäischen Höfen wollte Josef seine zukünftige Frau vorher persönlich in Augenschein nehmen.

Die Dresdener Akten erwähnen diese „delikatesse“ Ende August 1764 zum ersten Mal. Für Maria Kunigunde stand praktisch alles auf dem Spiel und Dresden gab erst grünes Licht, nachdem sie einem Treffen mit dem Erzherzog zugestimmt hatte. Ihre Einwilligung war äußerst mutig, auch wenn ihr kaum eine andere Möglichkeit blieb. Ein ‚Nein’ wäre als Feigheit, als Bestätigung der Gerüchte über ihre Hässlichkeit gedeutet worden. Ein ‚Ja’ gab sie – im Falle der Ablehnung – dem europäischen Hofklatsch preis. Ablehnung bedeutete nicht nur ihren persönlichen Ehrverlust, sondern den des ganzen kurfürstlichen Hauses Sachsen. Auf dem Heiratsmarkt wäre sie für alle Zukunft ‚verbrannt’ gewesen. Unabdingbare Voraussetzung für ein solches Treffen war deswegen – so die Forderung Dresdens – absolute Diskretion und die höchste Geheimhaltungsstufe. Beides sicherte Wien uneingeschränkt zu.

Dennoch wurde Graf Petzhold von den Dresdener Diplomaten mehrfach und eindringlich gewarnt, noch einmal zu überprüfen, ob es nicht möglich sei, dass dieses Treffen nur deswegen arrangiert werde, damit der Erzherzog, der wohl schon von anderen Hofchargen „gegen unsere Prinzessin [...] praevenirt und eingenommen sey“ sich von dem Projekt „dispensiren“ könne, indem er versuche,„aus der selbst in Augenschein genommenen sich selbst exaggerirenden Gesichtsbildung, bey Ermangelung aller anderen Ausstellungen“ die Heirat abzulehnen.

Schließlich fand am 10. und 11. Oktober 1764 in dem kleinen Kurort Teplitz an der Südseite des Erzgebirges zwischen Dresden und Prag das arrangierte Treffen statt. Maria Kunigunde kam in Begleitung ihrer verwitweten Schwägerin Maria Antonia, einer geborenen Prinzessin von Bayern. Maria Kunigunde selbst schrieb ihrem Bruder kurz nach der Ankunft einen recht lebendigen Brief über viele Einzelheiten der Reise, schließend mit dem Wunsch, dass der Wille Gottes sich erfüllen möge; der Erzherzog wird mit keinem Wort erwähnt.

Wie die Sache ausging, ist schnell erzählt: Am. 2. November fand in Straubing ein ähnliches Treffen mit der bayrischen Prinzessin Maria Josefa statt, die Josef schließlich zur Frau nahm. Nach seinen sehr privaten Aufzeichnungen gefiel Josefa dem Erzherzog ebenso wenig wie Maria Kunigunde. Er hat seine Braut auch nicht nach dem Aussehen erwählt, sondern aufgrund von Kriterien, die bei dynastischen Allianzen immer eine Rolle spielten: Im März des Jahres 1764 hatte die Wahl des Erzherzogs zum Römischen König stattgefunden. Bayerns Stimme war dafür unbedingt notwendig, aber nicht sicher gewesen. Auch der erbländische Adel am Wiener Hof war pro-bayerisch eingestellt, fürchtete er doch um seine böhmischen Besitzungen, auf die der bayrische Kurfürst Anspruch erhob. Um es sich weder mit Bayern noch mit Sachsen zu verderben, musste man beiden Häusern entgegen kommen. Da es in Bayern aber keinen männlichen Nachfolger gab, bot sich folgende Regelung an: Erzherzog Josef heiratet die bayerische Prinzessin Maria Josefa; Erzherzogin Christine, eine Schwester Josefs, heiratet Albert von Sachsen. Das war die einzige Möglichkeit, mit  b e i d e n  Häusern Allianzen zu schließen. Geopfert wurde dabei Maria Kunigunde. Sie war – wie wohl viele Prinzen und Prinzessinnen der Zeit – nur eine Figur auf dem Schlachtfeld der Politik.

In Dresden tat man so, als sei nichts geschehen, und ging erstaunlich schnell zur Tagesordnung über, zumal Kaiserin Maria Theresia sich alle Mühe gab, die Sache wieder gutzumachen. Sie bot Maria Kunigunde an, ihr das Damenstift auf dem Hradschin in Prag, in dem eine ihrer Töchter Äbtissin war, mit großzügigen Einkünften zu überlassen. Doch Dresden lehnte ab. Dort wandte man das in der Frühen Neuzeit so gern geübte Verfahren der Retorsion, also die Erwiderung einer Beleidigung, an, indem man die Habsburger ebenfalls demütigen, zumindest in eine schwierige Situation bringen wollte. Sechs Tage, nachdem man in Dresden erfahren hatte, dass die Ehe zwischen Maria Kunigunde und dem Erzherzog nicht zustande kommen würde, verlangte man dort als Entschädigung die höchste Würde „bei einer angesehenen immediaten Reichs-Fürstlichen Abtei eines teutschen Damenstiffts [...], womöglich die von Essen.“ Wien brauchte fast ein Jahrzehnt, um die Essener Fürstäbtissin, die Stiftsdamen und die Kanoniker zu bewegen, diese Forderung zu erfüllen, indem sie gegen die verfassungsrechtlichen Bestimmungen des Stifts Maria Kunigunde zur Koadjutorin mit dem Recht der Nachfolge im Amt der Fürstäbtissin wählten. Darüber hinaus erhielt Maria Kunigundes Bruder, Clemens Wenzeslaus von Sachsen, der schon in Regensburg und Freising Bischof war, durch Wiener Einflussnahme zunächst das Bistum Augsburg, später auch das Kurfürstentum Trier, wo beide Geschwister bis zum Einmarsch der Franzosen 1795 in eheähnlicher Beziehung als „ma chère femme“ und „mon mari“ Hof hielten.

Ute Küppers-Braun / Essen

Orte:

 

Schloss Borbeck, Schloßstraße 101, 45355 Essen

 

Literatur:

Küppers-Braun, Ute (vertaling Marc Hulsbosch), Te lelijk om te trouwen? Maria Cunegunda van Saksen en Francisca Christina van Pfalz-Sulzbach, in: De Krotewès. Tijdschrift geschied- en heemkundige kring „Het Land van Thorn“ 17,3, 2009, S. 131-148.

Küppers-Braun, Ute, Frauen des hohen Adels im kaiserlich-freiweltlichen Damenstift Essen (1605-1803). Eine verfassungs- und sozialgeschichtliche Studie. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der Stifte Thorn, Elten, Vreden und St. Ursula in Köln (Quellen und Studien. Veröffentlichungen des Instituts für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen 8), 1997.

Puppel, Pauline, "Mon mari“ –„ma chère femme“. Fürstäbtissin Maria Kunigunde von Essen und Erzbischof Clemens Wenzeslaus von Trier, in: Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur 15/16, 2005/2006, S. 43-66.