Charlotte Zinke, 1891-1944

Reichstagsabgeordnete aus Essen

Die junge Charlotte Emilie Ernestine Maetschke machte sich von Zielenzig (in der Nähe von Frankfurt/ Oder, heute SulÄ‚Ñ¢cin in Polen) auf, um im Ruhrgebiet Arbeit und Zukunft zu finden. Sie kam nach Mülheim an der Ruhr und lernte dort den Mauerergesellen Willy Zinke kennen. Beide heirateten  am 17. Dezember 1910, da war Charlotte „Lotte“ 19 Jahre alt.

Das Ehepaar zog nach Essen-Frohnhausen. Lotte Zinke wurde Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SPD). Sie engagierte sich ab 1919 aktiv in der Kommunistischen Partei (KPD) und bekleidete von 1927 bis 1930 das Amt der Bezirksfrauenleiterin der KPD Ruhrgebiet. In dieser Funktion hatte sie Frauen für die Parteiorganisation zu gewinnen, mehr aber noch bei den Ehefrauen der organisierten Arbeiter für die politische Arbeit ihrer Männer zu werben. Von Lotte Zinke ist überliefert, dass sie aufbrausend und resolut werden konnte, wenn Frauen nicht zu politischen Treffen erschienen mit der Entschuldigung, sie müssten zu Hause kochen.

1929 zog Lotte Zinke in das Essener Stadtparlament ein und 1930 ging sie als Reichstagsabgeordnete nach Berlin. Die KPD wurde bei der Reichstagswahl mit knapp über 13 Prozent hinter SPD und Nationalsozialistischer Partei Deutschlands (NSDAP) drittstärkste Partei. Zur Freude über den politischen Erfolg gesellte sich die Angst vor einem weiteren Erstarken der NDSAP, die bereits bei dieser Wahl einen Zuwachs von 15,7 Prozent gegenüber 1928 verzeichnen konnte. Im fünften Reichstag befanden sich unter den insgesamt 565 Abgeordneten 38 Frauen. Zusammen mit Berta Schulz (SPD) aus Herne und Elisabeth Zillken aus Dortmund für das Zentrum vertrat Lotte Zinke dort den Wahlkreis Westfalen-Süd; die KPD war mit der Abgeordneten Barbara Esser aus Essen auch im Wahlkreis Westfalen-Nord vertreten.

Von den großen politischen Organisationen bereitete sich einzig die KPD frühzeitig auf eine  Fortsetzung ihres politischen Kampfes für den Fall einer Machtübernahme durch die NSDAP vor. Sie formierte sich als Geheimorganisation im Untergrund. Gemäss den Beschlüssen der Kommunistischen Internationale wurden Verstecke für Propagandamittel, Mitgliederkarteien und Waffen organisiert. Von den kleinsten Haus-Einheiten bis hin zum Zentral-Komitee sollte die Partei aus der Illegalität heraus operieren und den Nationalsozialismus im Alleingang überwinden können. Mit der Diffamierung als „Sozialfaschisten“ verschärfte die KPD ihre Frontstellung gegen die Sozialdemokratie: SPD und NSDAP galten gleichermaßen als politischer Feind.

Der Beschuldigung, die Kommunisten hätten den Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 gelegt, folgte eine landesweite Verhaftungswelle. Lotte und Willy Zinke entzogen sich der Verfolgung 1933 durch Flucht in die Niederlande. Trotz offensichtlicher Gefahr an Leib und Leben kehrten sie 1934 nach Essen zurück. Charlotte Zinke drohte dort gemeinsam mit zwei weiteren Genossen ein Parteiausschlussverfahren: Sie lehnte die illegale Arbeit der KPD ab und hatte durch ihre Flucht nach Holland angeblich Partei schädigendes Verhalten gezeigt. Im Ruhr-Echo, dem Organ der KPD Ruhrgebiet, hieß es dazu im März 1934:„Ihr Verhalten ist konterrevolutionär … Wir können in unseren Reihen nur Revolutionäre gebrauchen, die trotz Todesgefahr nicht ablassen, unermüdlich, kühn und zäh für die Errichtung unseres Zieles die Vernichtung der kapitalistischen Gesellschaft – die Errichtung der klassenlosen Gesellschaft – zu kämpfen.“

Das Ehepaar Zinke lebte von nun an unauffällig in Essen. Nach dem Attentat vom 20. Juni 1944 auf Hitler wurde die Verhaftung aller ehemaligen Reichstags- und Landtagsabgeordneten von KPD und SPD eingeleitet. Es ging dabei um eine seit langem geplante Ausschaltung von Mitgliedern demokratischer Organisationen, die das Attentat lediglich medienwirksam als Vorwand nutzte. Diese „Aktion Gitter“ begann am 22. August. Lotte Zinke wurde am 26. August 1944 verhaftet.

Sie war auf die Inhaftierung nicht vorbereitet. In mit Bleistift geschriebenen Mitteilungen gab sie Willy Zinke Anweisungen, sich um die nasse Wäsche zu kümmern. Sie verlangte nach ihrer Brille und nach Geld. Sie bat ihn, ihr den gewaschenen und zum Trocknen über den Stuhl gelegten Hüfthalter ins Gefängnis zu bringen. Am 25. September 1944 wurde Charlotte Zinke ins Konzentrationslager Ravensbrück verbracht. Am 15. Oktober gelang es ihr, eine Mitteilung aus dem Zug zu schmuggeln: … Man hört auch sonst nichts Gutes. Hoffentlich habe ich die Kraft, da alles auszuhalten…  Aus Ravensbrück erhielt Willy Zinke am 6. November 1944 die Mitteilung, dass seine Frau verstorben sei.  

Nach der Befreiung stellte er für Lotte vor der gemeinsamen Wohnung an der Fängershofstraße einen Gedenkstein auf. Der SPD-Ortsverein Haarzopf/ Fulerum übernahm für das Gedenkbuchprojekt der Alten Synagoge Essen die Patenschaft für Charlotte Zinke, eine bemerkenswerte Entscheidung, erinnerte die SPD hier doch an eine kommunistische Stadt- und Reichstagsabgeordnete.  Am 15. Juni 1988 wurde das Gedenkblatt mit Charlotte Zilkes Lebens- und Leidensgeschichte in der Alten Synagoge unterzeichnet. Sie gehört damit zu einer der bis jetzt mehr als 300 Personen der insgesamt 3.500 während des Nationalsozialismus ermordeten Essener Bürgerinnen und Bürger, der aktiv gedacht wird.

 Auf Fotografien ist Charlotte Zinke als stattliche Frau überliefert. Man traut ihr zu, dass sie uneigennützig zupackte im Kleinen wie im Großen. Auf den ersten Blick scheint es befremdlich und mit Bildern des Heldenhaften nicht vereinbar, dass die Spitzenpolitikerin der Arbeiterklasse im Gefängnis um ihren gewaschenen Hüfthalter bat. Praktisch gesehen befestigte man am Hüfthalter die Strümpfe. Er hielt die Figur in Form. Hier wird er in einem weit umfangreicheren Maße zu einer Metapher der Stütze: Er half Charlotte Zinke, nicht die Fassung zu verlieren. Er stützte real und im übertragenen Sinne ihr Rückrat.

Uta C. Schmidt/ FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.

Orte:

Düsseldorfer-Straße 4, 45145 Essen-Frohnhausen.

Ständige Ausstellung im Haus der Essener Geschichte, Bismarckstraße 10, 45127 Essen

Literatur:

Archivalien zu Lotte Zinke im Archiv Ernst Schmidt/ Haus der Essener Geschichte