Anna Schmidt, 1898-1989

Schwere Arbeit

Befragt nach den wichtigsten gewerkschaftlichen Errungenschaften kam Anna Schmidt zeitlebens zu dem Schluss: dass die Arbeitskleidung von der Zeche gewaschen wird. Darauf musste sie lange warten, denn diese Vereinbarung schlossen Industriegewerkschaft Bergbau und Energie sowie Unternehmensverband Ruhrbergbau erst imit der Gründung der Ruhrkohle AG im Jahre 1970.

Anna Kruse, geborene Süllentrup, verlor ihren ersten Mann durch eine Gasvergiftung auf der Zeche Constantin. Die Witwe mit zwei Töchtern heiratete kurze Zeit später Gustav Schmidt, auch er Bergmann. Als gelernter Schmied war er aus Ostpreußen ins Ruhrgebiet gekommen. Das Ehepaar schickte bald vier Kinder aus Überzeugung auf die Freie Schule Herne. Obwohl alle Kinder aufgrund guter Leistungen Empfehlungen erhielten, konnte sich die Familie weiterführende Schulen nicht leisten: Schulgeld, Büchergeld, Mehraufwendungen für Kleidung, Schuhwerk und Schulausflüge waren noch nicht einmal für ein Kind im monatlichen Budget. Anna und Gustav Schmidt handelten ein Mal schweren Herzens gegen ihre kommunistische und gewerkschaftliche Überzeugung: Als ihr Sohn eine Lehrstelle beim angesehenen Maschinenbauunternehmen Flottmann antreten konnte, kauften sie dem Vierzehjährigen ein Hemd der Hitler-Jugend. So blieb ihm die Zeche erspart.

Während Gustav untertage als Hauer vor Kohle stand, leistete Anna Schmidt übertage Schwerstarbeit. Jede Minute des Tages war angefüllt mit Arbeit, das Arbeits“zeugs“ bestimmte dabei das Wochenende. Aufstehen um halb fünf in der Frühe, für den Mann bei Frühschicht Frühstück, Kaffe, Schichtbrot vorbereiten, später auch für die Kinder. Sie sorgte dafür, dass die Kinder pünktlich in die Schule, später dann zur Arbeit kamen. Die älteste Tochter lernte Verkäuferin in einem Schuhgeschäft, die zweite ging nach Berlin in Anstellung, die dritte machte eine Ausbildung in der Arbeitsverwaltung. Bis zur Gründung eigener Familien besserten sie mit ihrem Kostgeld die Haushaltskasse auf. Alle kamen unterschiedlich zum Essen nach Hause, es gab den ganzen Tag ein Kommen und Gehen, ein Kochen, Auftischen, Abräumen und Spülen. Zwischendurch arbeitete Anna Schmidt auf dem Pachtland, säte, jätete Unkraut und erntete. Je nach Jahreszeit wurde eingekocht, Kraut gestampft, geschlachtet. Und abends wurde gebügelt, geflickt, gestopft und gestrickt.

Tagtäglich kochte sie für ihre Familie und für die Schweine, die sie im Stall hinter dem Haus hielt. Außerdem hatte die Familie noch Hühner. Jeden Morgen lag dicker Ruß auf den Fensterbrettern, vor allem freitags, wenn die Filter gereinigt wurden, dann klebte der Ruß nicht nur flockenweise, sondern auch noch schmierig und setzte sich in den kleinsten Ritzen fest. Der grobe Dreck wurde ab-, dann der feinere mit einem feuchten Lappen weggewischt. Anna Schmidt putze jede Woche die Fenster – der Dreck an den braun gestrichenen Fensterrahmen fiel nicht so sehr auf, aber umso mehr der Schmierfilm auf den Scheiben, den wusch sie mit Seifenlauge gründlich ab: Den Lappen, den konnte man hinterher wegschmeißen. Am Samstag bohnerte sie den Fußboden, auch diese Tätigkeit war Schwerstarbeit. Der Küchenfußboden war mit Stragula ausgelegt, eine Art Linoleum-Ersatz, mit bunt lackierter Oberfläche. Anna Schmidt wischte zuerst das Stragula, dann verteilte sie mit einem Lappen gleichmäßig Bohnerwachs aus der Dose und bohnerte den Boden blank – mit einem Wolllappen über dem Schrubber. Bohnern – das war Samstagsnachmittagsarbeit, wenn die Kinder gebadet waren, wurde mit dem bereits mehrfach verwendeten Wasser anschließend die Küche gewischt. Und dann wurde eingebohnert.

Am Wochenende war auch Waschtag vom Grubenzeug, zumindest bis zum Tarifvertrag von 1970, der dessen Gestellung des Grubenzeugs regelte. Das Zeugs war schwarz wie die Kohle und dazu noch ölverschmiert. In der Kaue wuschen die Männer den gröbsten Dreck schon aus und brachten den „Püngel“, die Arbeitskleidung, ins Grubenhandtuch eingewickelt unterm Arm nach Hause. Das Badewasser, das vom Wischen noch übrig war, wurde nun zum Einweichen der Grubenbekleidung mit IMI gebraucht, anschließend wusch Anna Schmidt es, wie alle Bergarbeiterfrauen, mit der Hand auf dem Waschbrett sauber, spülte es mit kaltem Wasser mehrmals „klar“ nach und hing es anschließend über dem Kohlenherd in der Küche zum Trocknen auf. Am Sonntag schließlich setzte sich Anna Schmidt hin und flickte, stopfte, besserte es aus. Montag früh nahm der Mann das Grubenzeugs wieder mit zur Arbeit. Die meisten Männer besaßen nur einen Grubenanzug, mit zwei Hosen waren sie „reich“.

Die große Wäsche, die hatte Anna Schmidt wie andere Bergarbeiterfrauen auch, immer montags. Dazu benötigte sie einen ganzen Tag am Stück. Am Abend zuvor weichte sie die Wäsche ein. Am anderen Morgen um fünf Uhr heizte sie den Kessel. Bis sie einen eingemauerten Kessel im Keller benutzen konnte, quollen die Dampfschwaden aus dem Waschkessel auf dem Herd im zweiten Stock des Mietshauses auf der Mülhauser Straße. War die Wäsche ausreichend gekocht, schöpfte Anna Schmidt das heiße Wasser in eine am Boden stehende Zinkwanne und füllte auch die Wäsche um, damit alles abkühlte, denn sie konnte ja nicht zum Waschen in das heiße Wasser packen. In Familien mit kleinen Kindern war dies ein besonders gefährlicher Moment. Die Frauen mussten aufpassen, dass keines der Kinder in einem unbeaufsichtigten Moment in die Lauge fiel – sie hatten dann Verbrennungen dritten Grades am ganzen Körper! Als nächstes bearbeitete Anna Schmidt die Wäsche auf dem Waschbrett, spülte sie, wrang sie, spülte sie mit SIL, wrang sie wieder aus – diese Prozedur umfasste insgesamt fünf Arbeitsgänge.

Im Laufe der Zeit kamen Maschinen zur Hilfe: die Schaukel, der Wassermotor, dann der Elektromotor mit Wringer und schließlich der Waschvollautomat. Anna Schmidt sparte, um sich die jeweils neueste Technik anzuschaffen. Die Maschinen zahlte sie mit monatlich fünf Mark ab, wie sich der Sohn erinnert. Einen Kühlschrank brauchte Anna Schmidt lange Zeit nicht, sie hatte eine durchlüftete Speisekammer und ging jeden Tag in den Konsum einkaufen. Aber als ein Waschvollautomat für Arbeiterfamilien halbwegs erschwinglich wurde, kaufte sie sich sofort eine Waschmaschine mit separater Schleuder – eine Constructa – denn das Grubenzeugs wurde weiterhin bis 1970 mit der Hand gewaschen: um den Waschautomat nicht zu sehr zu belasten. Sie wurde dann aber geschleudert.

Uta C. Schmidt/ FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.

Orte:

Mülhauser Str. 18, 44627 Herne und umliegende Arbeitersiedlung Constantin (Kronenstraße, Dorastraße, Pieperstraße bis hin zum Landwehrweg) 

Literatur:

Die große Wäsche. Ausstellungskatalog hg. vom Landschaftsverband Rheinland und Rheinisches Museumsamt, Köln 1988.

Dommer, Olge,  Alles potentief sauber! Zum Wandel des Wäschewaschens im Industriezeitalter, in: Forum. Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, 2/ 2004, S. 51-52.

Hochlarmarker Lesebuch. Kohle war nicht alles. Bergarbeiter und ihre Frauen aus Recklinghausen-Hochlarmark haben in Zusammenarbeit mit dem kommunalen Stadtteilkulturreferat ihre Geschichte aufgeschrieben, hg. v. der Stadt Recklinghausen, Oberhausen 1981.

Jong, Jutta de (Hg.), "... und die Wäsche, die war schwarz, ja, wie die Kohle!" Erzählungen von der Großen Wäsche der Bergarbeiterfrauen, zusammengetragen vom Gesprächskreis "Lebenserfahrung von Frauen in Bergarbeiterfamilien", Herten 1988 (2. Aufl.).

Jong, Jutta de, "Wir müssen ja auch hungern, wenn ihr arbeitet!" Zur Rolle der Bergarbeiterfrauen in den großen Streiks zwischen 1889 und 1912, in: Ditt, Karl und Dagmar Kift (Hg.): 1889. Bergarbeiterstreik und wilhelminische Gesellschaft, Hagen 1989, S. 68-87.

Jong, Jutta de, Kinder - Küche - Kohle und viel mehr. Bergarbeiterfrauen aus drei Generationen erinnern sich, Essen 1991.

Schmidt, Uta C., Schwerstarbeit. Das Leben der Bergarbeiterfrau Anna Schmidt, in: Piorr, Ralf, Vor Ort. Geschichte und Bedeutung des Bergbaus in Herne und Wanne-Eickel, Herne 2010, S. 200-205.