Rezan Akkus, 1989

„Ich bin in der Lage, beide Welten miteinander zu verbinden.“

Im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg stehen große, prall gefüllte Säcke mit Getreide. Sie verweisen auf die Bedeutung des Duisburger Hafens zur Versorgung der rasant wachsenden Bevölkerung des Ruhrgebiets während der Industrialisierung. Rezan Akkus erinnern die Säcke an die Vorratshaltung in ihrem kurdischen Geburtsort. Darin wurden Mehl und Zucker aufbewahrt. Alle zwei oder drei Monate fuhren die Erwachsenen in die Stadt, um neue Vorräte zu kaufen.


Rezan Akkus wurde  in Gunde Mira (türkisch: Beyköyü) in der Nähe der Stadt Erzîrom (türkisch: Erzurum) geboren. Sie lebte mit Mutter, Brüdern und Schwestern im Haus ihres Onkels. Sie besaßen Land, Vieh und konnten Milchprodukte auf dem Markt verkaufen. Rezan Akkus erinnert das Leben im traditionalen Familienverbund als beengt. Es ließ ihr kaum Platz zur individuellen Entfaltung. Mädchen wurden nicht zur Schule geschickt, sie sollten ihren Müttern im Haushalt helfen. Rezan ging heimlich zur Schule. Als der Lehrer sie wegen fehlender Hausaufgaben mit dem Stock auf die Fingernägel schlug, ging sie nicht mehr hin: „Wie sollte ich denn Hausaufgaben machen, wenn ich doch heimlich hinging? Ich lasse mich doch nicht foltern! Dann schon lieber Hausarbeit!“


Der Vater hatte als politisch verfolgter Kurde aus der Türkei fliehen müssen und landete schließlich in Gelsenkirchen. Als er die Familie nach Deutschland holen konnte, machten sich die Mutter, Rezan, zwei Brüder und zwei Schwestern 1997 auf einen 3.800 Kilometer weiten Weg. Mit der Kutsche ging es in das nächst größere Dorf, dann weiter mit einem Autotaxi nach Erzîrom-Zentrum, dann mit dem Bus nach Ankara, von dort mit dem Flieger quer durch Europa nach Düsseldorf. Sie kam nicht in eine gänzlich fremde Welt, in Gelsenkirchen-Ückendorf lebte sie in einer kurdischen Nachbarschaft.


Das achtjährige Mädchen wurde zuerst in einer Förderschule eingeschult. Sie freundete sich dort mit Mädchen aus Albanien und Bosnien an. Gemeinsam lernten sie Deutsch, das sollte von nun an die Sprache sein, die sie verband und in der sie sich austauschten. Nach einem Jahr besuchte sie die zweite Klasse einer regulären Grundschule. Dort kam sie zum ersten Mal mit deutschen Kindern zusammen, doch blieb sie unter der Mädchen-Clique isoliert. Da erinnert sie sich heute lieber an einen deutschen Mitschüler, mit dem sie  rumtollen konnte. Ihr Lehrer für Türkisch, Herr Citlak, erkannte früh das Potential, das in Rezan steckte. Er überzeugte die Klassenlehrerin, eine Empfehlung für die Gesamtschule auszusprechen. „Ich war total zielstrebig als kleines Mädchen. Ich habe gelernt, bis ich Kopfschmerzen hatte. Ich habe meinen Lehrern ein Loch in den Bauch gefragt.“ Rezan Akkus startete durch zu einer beachtlichen Bildungskarriere. In der siebten und achten Klasse gehörte sie zu den Klassenbesten. Die Eltern unterstützten ihre Tochter. Als sie sich nach Klasse 9 mit ihren Notenvoraussetzungen für eine Fachoberschulreife empfahl, schenkten sie ihr ein Handy. Rezan Akkus erzählt noch immer begeistert von diesem im doppelten Sinne symbolträchtigen Ereignis. Alle anderen besaßen schon seit der sechsten Klasse ein Handy, nun gehörte sie auch dazu, und sie hatte es sich über ihre schulischen Leistungen erarbeitet.


Wieder war es ein Lehrer, Herr Mertmann, der sie für das nächste Ziel motivierte. Als er im berufsberatenden Unterricht über Schulabschlüsse sprach, war klar, was Rezan unbedingt wollte: das Abitur, mit dem man studieren konnte. Rezan Akkus macht im Gespräch sehr deutlich, dass Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten bei Zugewanderten durch eine komplizierte Mischung aus unzureichender Information, fehlenden Vorbildern in Familie und Nachbarschaft aber auch durch gesellschaftliche Repräsentationen des „Anderen“ behindert wird. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat sie sich für ein Porträt in FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE. zur Verfügung gestellt.


Auf der Gesamtschule macht sie ihr Voll-Abitur. „Ich war so stolz, meine Eltern waren so stolz.“ Und sie begann an der Universität Duisburg-Essen, Bildungswissenschaften zu studieren – an einer „richtigen“ Universität, wie sie betont. Als späterer Beruf schwebt ihr Soziale Arbeit oder Bildungsberatung vor, doch das Studium ist für sie mehr als eine Berufsvorbereitung, es ist auch eine Persönlichkeitsschulung: „Das fängt dabei an, dass man alles selber organisieren muss. Niemand schreibt einem Dinge vor, wie in der Schule. Man muss seinen Studienplan erstellen, sich Lerngruppen suchen, zu Prüfungen anmelden. Aber durch meinen Charakter kann ich offen auf Jeden zugehen. Das hilft mir.“ Die Universität gleicht einem riesigen Wissensspeicher, in den sie eintaucht. Universität, das ist für sie in gutem aufklärerischen Sinne eine Institution der ganzheitlichen Bildung. Wenn sie von Studierenden mit deutscher Herkunftsfamilie gefragt wird, ob sie pädagogische Grundlagentexte aus dem 18. Jahrhundert versteht, dann bestärkt sie das nur: „Natürlich kann ich Kernaussagen der Texte herausarbeiten und verstehen. Es ist scheinbar auch für andere Studierende mühsam, zeitaufwändig und nicht leicht.“
Alle ihre Geschwister haben gute Schulabschlüsse und Berufe, die jüngste Schwester geht zum Gymnasium. „In der Familie muss eine den ersten Schritt machen, dann kommt der Rest nach“, davon ist Rezan Akkus überzeugt.  Für sie ist es klar, später der kleinen Schwester ebenso ideell und finanziell zu helfen, wie den Eltern, denen es nicht so gut geht. Da gibt sie, wie die Geschwister, selbstverständlich einen Teil ihres Einkommens aus dem Studentenjob ab. Der Familienzusammenhalt ist groß.


Rezan Akkus stört maßlos: „Die Leute hier denken, wenn jemand die Sprache nicht richtig beherrscht oder mit Akzent spricht, dann ist man auch gleich blöd.“ Immerhin spricht sie neben der deutschen Sprache auch noch Englisch, Spanisch, Türkisch und Kurmancî. Das Kurdische ist eine indogermanische Sprache und dem Persischen verwandt. Bis vor wenigen Jahren war es in der Türkei verboten, gilt doch eine eigene Sprache mehr noch als eigenes Land als Symbol für kulturelle Selbstbehauptung und Autonomie. An Privatschulen konnte Kurdisch gelernt werden, „Aber wer hat schon“, so fragt Rezan Akkus, „das Geld, seine Kinder in Kurdistan auf Privatschulen zu schicken?“ Per Gesetz ist es in der Türkei seit 1983 verboten, im Parlament  Kurdisch zu sprechen — im Wahlkampf 2011 wurde dies erstmals nicht politisch verfolgt. Es gibt im Internet einen Film, der die kurdische Politikerin Leyla Zana zeigt, wie sie 1991 in schwarzem Kostüm mit einem schmalen, dezent in den kurdischen Nationalfarben Gelb, Grün und Rot geflochtenen Haarband quer durch das türkische Parlament schreitet, um ihren Eid auf die Verfassung zu sprechen. Noch während sie spricht, stören Abgeordnete mit lauten Protesten. Als sie den Eid um den Zusatz in kurdischer Sprache erweitert „Es lebe die türkisch-kurdische Brüderschaft“ brechen Tumulte aus und das Fernsehbild zeigt hasserfüllte Gesichter von Politikern und herumwuselnde Medienarbeiter, die den Skandal in Bild und Ton festhalten. Die Staatsanwaltschaft forderte für Leyla Zana die Todesstrafe, Amnesty International machte den Fall bekannt, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte das Vorgehen aufs Schärfste. In den Verhandlungen zwischen Türkei und Europäischer Union spielte auch das Schicksal der kurdischen Politikerin eine Rolle, die schließlich zu langen Haftstrafen verurteilt wurde. 2011 zog sie erneut als gewählte Abgeordnete ins türkische Parlament ein.


Für Rezan Akkus ist Leyla Zana in doppelter Hinsicht ein Vorbild: einmal, weil sie so mutig für die Autonomie Kurdistans eintritt, dann aber, weil sie, mit 14 Jahren verheiratet, sich selbst Lesen, Schreiben, Türkisch beibrachte und die Arbeit ihres Mannes fortführte, der 1980 ins Gefängnis kam. Leyla Zana gründete eine Selbsthilfegruppe für Frauen inhaftierter Männer und wurde Journalistin. Rezan Akkus kritisiert, dass sich in Deutschland kaum ernsthaft mit der kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Situation in Kurdistan beschäftigt wird, weil alle beim Wort „Kurden“ sofort an die PKK (Partiya Karkerên Kurdistan) denken, und daran, dass sie in der EU und anderen Ländern als verfassungsfeindliche Partei  eingestuft wird. „Kurdistan“ wird hier entweder in Bildern fahnenschwenkender Demonstranten oder eines waffenklirrenden Krieges zwischen türkischem Militär und kurdischen Aufständischen kommuniziert. Noch im Dezember 2011 nahm die türkische Polizei nach Razzien in Redaktionen mindestens 25 Journalistinnen und Journalisten fest unter dem Vorwand, Propaganda für die kurdische Sache zu machen. Dabei geht es um eine großangelegte Einschüchterung von Medien. Informationen wie diese finden allenfalls Eingang in die Berichterstattung von „Funkhaus Europa“. Wissen wir, dass die Erdbeben in „Ostanatolien“ vorwiegend kurdisches Siedlungsgebiet verwüsteten?


Als sie in Gunde Mira lebte, war sie selbstverständlich Kurdin. Erst als sie ihre Papiere für die Ausreise beantragten und ihre Mutter sie ängstlich immer wieder zurechtwies, Türkisch zu sprechen, wurde sie zum ersten Mal mit der türkischen Politik der Zwangsassimilierung konfrontiert. Als sie im Vorlesungsverzeichnis der Universität Duisburg-Essen Kurse in Kurdisch fand, war sie total überrascht, dass man hier eine „verbotene Sprache“ lehrte. Begeistert hat sie freiwillig Kurdisch-Seminare belegt, um sich zu verbessern und mehr über Kurdische Kultur zu hören.


„Ich weiß, was die deutsche Gesellschaft von mir erwartet“, bringt Rezan Akkus unser Gespräch auf den Punkt. „Immer wenn es um Integration geht, dann reden die Anderen über uns, ohne unsere Erfahrungen wert zu schätzen. Ich lebe zwischen zwei Kulturen. Ich bin in der Lage, beide Welten miteinander zu verbinden. Und es entsteht etwas Neues daraus.“ Davon kann man ausgehen, denn „Rezan“ heißt im Kurdischen: „Die den Weg weiß“.

Uta C. Schmidt / FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.