Li Fischer-Eckert, 1882-1942

Eine konsequente Lebensführung

Die 1882 als Tochter von Luise und Carl Friedrich Eckert in St. Johann Saarbrücken geborene Lina Johanna soll in späteren Jahren mit Spitze geraucht und leicht maskulin gewirkt haben. Zu diesem modernen und selbstbewussten Frauenbild der 1920/30er Jahre passt, dass sie ihrem Examensabschluss „zur Befähigung als Lehrerin an höheren und mittleren Mädchenschulen“ ein Studium der Jurisprudenz und Staatswissenschaften in Göttingen und Tübingen folgen ließ. 1913 schloss sie es erfolgreich bei dem sozialistisch orientierten Nationalökonom Robert Wilbrandt mit einer Dissertation ab. Auch die Beibehaltung ihres Mädchennamens mit Ehelichung des Hagener Rechtanwaltes und Fabrikanten August Fischer 1905 – was in Deutschland bis zur Einführung des Gleichberechtigungsgesetzes 1957 de jure nicht statthaft, wenn auch nicht unüblich war – fügt sich in dieses Bild.

Bekannt wurde Li Fischer-Eckert im Ruhrgebiet aufgrund ihrer 1913 in einem Hagener Verlag veröffentlichten Doktorarbeit "Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland". In den 1980er Jahren wurde diese Arbeit von Elisabeth und Ludger Heid mit einem überaus lesenwerten Vorwort neu herausgeben.
„Das Verdienst der Fischerschen Arbeit ist es“, so die spätere Sozialpolitikerin Marie Baum in der Concordia. Zeitschrift der Centralstelle für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen 1914, „in das bisher noch so gut wie unerforschte Dunkel der nicht im Berufe stehenden Frauenleben der Bergarbeiterschaft hineingeleuchtet zu haben.“ Für die Soziologie entwickelte Li Fischer-Eckert damit nicht nur methodische Wege einer modernen empirischen Sozialforschung, sondern erschloss auch ein neues Forschungsfeld.

Für ihren Mann reiste sie in diesen Jahren geschäftlich nach „Frankreich, England, Schweiz, Italien, Spanien, Schweden, Norwegen, Nordafrika, zum Teil mit längerem Aufenthalt“. Sie wird daher nicht nur sprachgewandt und verhandlungsgeschickt gewesen sein, sondern wird auch Kenntnis von Kleineisen- und Papierfabrikation, den industriellen Standbeinen ihres Mannes, gehabt haben. Zudem – so ist ihrer im Düsseldorfer Stadtarchiv aufbewahrten Personalakte und dem von ihr verfassten Lebenslauf zu entnehmen – betätigte sie sich „in den Organisationen der Frauenbewegung, in der sozialen Arbeit, Verteidigung der Mädchenschulreform in Wort und Schrift, Rechtsschutzstelle, Jugendpflege und Jugendfürsorge.“ Außerdem war sie Mitglied der Schuldeputation in Hagen.

"Der Aufenthalt in England galt dem Studium sozialer Fragen. Siedlung und Gartenstadtbewegung und der Frauenstimmrechtsbewegung. Im Anschluss hieran gründete Unterzeichnete [L. F.-E.] 1908 den Frauenstimmrechtsverband für Westdeutschland und die Deutsche Vereinigung für Frauenstimmrecht, deren Vorsitzende sie bis zur Auflösung der Organisation 1919 blieb.“ Den Zweck dieses Verbandes führte sie gleich selbst an: „staatsbürgerliche Erziehung der Frau und Erweckung ihrer Verantwortlichkeit gegenüber dem Staatsleben.“ Dieser forderte allerdings nur das gleiche Wahlrecht wie die Männer und nicht das allgemeine Wahlrecht.

Diese engagierte Frau des westfälischen Bürgertums begab sich also zu Forschungszwecken für drei Monate in die 1911 über 100.000 Einwohner zählende rheinische Arbeiterstadt Hamborn, um hier die „sozialen und kulturellen Wirkungen“ der industriell bedingten Binnenwanderung zu untersuchen. 1929 sollte Hamborn von Duisburg eingemeindet werden.
Ihre Analyse setzt mit der akribischen Beschreibung des Ortes ein, dem damals alles fehlte, „was man wohl mit dem Wort Tradition zusammenfasst“. Heute wirkt die Darstellungsweise emotional und moralisierend, ein Stil – so die Wissenschaftlerin Sabine Hering – der kein Geschlechtsspezifikum, sondern ein Phänomen der Zeit war. Li Fischer-Eckert beginnt mit der Beschreibung der ansässigen Montanindustrie, des Handwerks und des Handels – drei Dampf-Latrinen-Reinigungs-Unternehmen, ein Automatenrestaurant, immerhin zwölf Fourage(Pferdefutter)-Handlungen, jedoch nur vier Friseusen u. a. Sie geht auf den Straßenverkehr ebenso ein wie auf die Grundstücks- und Hauseigentumsverhältnisse. Die Wohnsituation in Privat- wie in Siedlungshäusern wird anschaulich dargestellt, die Frage nach dem Prozentsatz der ausländischen Bevölkerung beantwortet und Wanderungsbewegungen werden statistisch nachgezeichnet. Ab dem vierten Kapitel dann geht es ausschließlich um die von ihr befragten 495 Arbeiterfrauen, um deren Herkunft, Ausbildung und um die Berufe der Ehemänner, die vor allem als Bergmänner und Fabrikarbeiter tätig waren. Man kann sich Hamborn einhundert Jahre später nicht unwirtlich genug vorstellen, denn Li Fischer-Eckert ist bei ihren Gesprächen auf keine Frau getroffen, die sich diesem Ort verbunden fühlte und dort gerne gelebt hätte. Der Weg zu Kirche oder Friedhof war die einzige Abwechslung „in der Eintönigkeit ihres Daseins“. Die von ihr vorgefundenen größtenteils erbärmlichen Verhältnisse führt sie auf die schlechten Verdienstmöglichkeiten der Männer zurück, jedoch auch auf die Unerfahrenheit und Unwissenheit vieler Frauen. Sie belegt für die meisten Haushalte ein unterhalb des Existenzminimums liegendes Einkommen und widerspricht dem damals formulieren Vorwurf der „unersättlichen Vergnügungssucht der arbeitenden Bevölkerung“. Fischer-Eckert informiert über die Lohn- und Preisentwicklung und rechnet vor, dass der durchschnittliche Wochenlohn von 22,88 Mark zwangsläufig zu Unterernährung aller Angehörigen einer mehrköpfigen Arbeiterfamilie führen muss. Sie plädiert für einen sechswöchigen Mutterschutz auch für nichtberufstätige Frauen sowie für eine Schulung junger Frauen, um die bei etwa 30 Prozent liegende, enorm hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit ("Kräftevergeudung"/"Menschenwucher") zu reduzieren.

Ihr Anliegen zielte langfristig darauf, einen „Boden“ zu schaffen, „der auch dem Fremdling rasch zur Heimat wird.“ Und das Heimatgefühl galt ihr als Voraussetzung für nationale Stärke, die „Kraft unseres Volkes“ als Bedingung für das „Aufwärts- und Abwärtsschreiten unserer Nation“. Erforderlich schien ihr dafür das Engagement von bürgerlicher, kommunaler und industrieller Seite: Das gebildete Bürgertum müsse Maßnahmen zur Förderung eines sozialen Verantwortungsgefühls ergreifen, um „das Bewusstsein der eigenen Kraft“ als Voraussetzung für „das Interesse für ernste Lebensfragen“ zu wecken. Von der Gemeinde und von der Industrie forderte sie eine andere Wohnungspolitik, die bezahlbaren Wohnraum für alle zur Verfügung stellen und Wohnungsgenossenschaften gründen sollte. Von den Unternehmern verlangte sie nicht weniger, als sowohl „die innere Festigkeit des Arbeiters“ als auch die Löhne anzuheben. Und die Einrichtung von sogenannten Volksheimen befürwortete sie zwecks „Annäherung der sozialen Klassen“. Speziell für die Arbeiterfrauen hielt sie Mütter- und Haushaltungsabende für erforderlich, ausgeführt von eigens dafür geschulten Frauen, um deren Ausbildung sie sich alsbald persönlich kümmern sollte. Li Fischer-Eckert zielte darauf, Not und Elend in Arbeiterfamilien durch die praktische Unterweisung in häuslichen Wirtschaftsfragen und durch eine „geistige Fürsorge“ der Arbeiterfrauen zu lindern. Sie verknüpfte diese sozialpolitischen Aufgaben gleichzeitig mit der Entwicklung von Ausbildungs- und Arbeitsbereichen für bürgerliche Frauen.
Als sozialpolitische Folge ihrer Untersuchung führte sie Jahre später an, dass „der preussische Landtag seinerzeit eine größere Summe zur Linderung der Säuglings- und Mütternot in Hamborn bewilligt“ habe.

Die promovierte Staatswissenschaftlerin wechselte einige Jahre später erneut aus Hagen ins Rheinland, in das Düsseldorfer Kriegsamt, wo sie vom 28. Dezember 1916 bis zum 31. August 1917 tätig war, als einzige Frau neben acht männlichen Abteilungsleitern, verantwortlich unter anderem dafür, Frauen für die Kriegswirtschaft und Rüstungswirtschaft zu mobilisieren. Li Fischer-Eckert hat dort den ersten Fabrikpflegerinnenkursus in Deutschland eingerichtet, „dessen Lehrplan“ – so Eckert selbst einige Jahre später nicht ohne Stolz –„vom Handelsministerium als mustergültig für die anderen Fabrikpflegerinnenkurse in Deutschland bezeichnet wurde.“ Verantwortlich waren die Fabrikpflegerinnen für die betriebliche Sozialarbeit und berieten bei beruflichen, persönlichen und gesundheitlichen Anliegen.

Noch während des Krieges, am 1. Januar 1918, wurde Li Fischer-Eckert Dozentin an der im Sommer 1917 eröffneten Niederrheinischen Frauen-Akademie in Düsseldorf. Diese Akademie war eine Einrichtung des Vereins für Säuglingsfürsorge und Wohlfahrtspflege im Regierungsbezirk Düsseldorf e.V., der zehn Jahre zuvor zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit gegründet worden war. Eckert hat die Aufgaben der Akademie später wir folgt beschrieben: „Das Ziel der Niederrheinischen Frauenakademie ist es, Frauen für die Betätigung in sozialer Berufsarbeit und allgemeiner Wohlfahrtspflege auszubilden, z.B. in der pflegerischen und verwaltenden Tätigkeit bei der Kreis- und Stadtfürsorge, der Säuglings-, Kinder- und Jugendfürsorge, der Wohnungs-, Armen- und Waisenpflege, bei den Arbeitsnachweisen und Berufsberatungsstellen, der Geschäftsführung gemeinnütziger und charitativer Organisationen und ähnlichem.“ Sie selbst hielt Vorlesungen unter anderem über Arbeiterschutzgesetzgebung, Sozialethik, über praktische und theoretische Volkswirtschaft.

1919 wurde die Ehe mit August Fischer geschieden, da der Krieg „eine Fortsetzung der Ehe aus Gründen fraulicher Selbstachtung unmöglich gemacht“ hatte. Sie legte den Namen ihres Mannes ab und zog kurz darauf ganz nach Düsseldorf.

Nachdem sie zwischenzeitlich die Dozentur aus finanziellen Gründen niederlegen musste, bewarb sie sich 1925 um die Leitungsposition an der Frauenakademie, die sie – trotz zweier ernsthafter Konkurrentinnen – am 1. April 1926 übernahm. 1933 wurde ihr dort gekündigt, da sie, so eine Mitteilung des Gauleiters der NSDAP Düsseldorf vom 6. Juli 1934 „der ehemaligen Staatspartei angehört und im marxistischen Sinne unterrichtet [hat]. Sie war deshalb als Leiterin oder Lehrkraft für die neu eingerichtete deutsche Frauenakademie, in welcher nach streng nationalsozialistischen Grundsätzen gearbeitet wird, nicht tragbar“. Li Eckert war von 1918 bis 1920 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei gewesen, eine linksliberale Partei, die vielen frauenpolitisch aktiven, bürgerlichen, nicht konfessionell gebundenen Frauen der Weimarer Republik eine Heimat bot, was ihr nun zum Nachteil geriet. Sie legte mehrmals gegen ihre Entlassung Widerspruch ein, doch es änderte nichts daran, dass sie fortan „nur noch“ als Lehrerin an einer Mittelschule beschäftigt wurde, mit der Hälfte ihres Einkommens als Akademie-Direktorin, und das, obgleich sie seit 1932 Mutter einer Adoptivtochter war.

Dr. Li Eckert trat 1935 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt sowie dem Reichsluftschutzbund bei und wurde 1938 Mitglied im Verein für das Deutschtum im Ausland. Auf Veranlassung ihres Schulleiters trat sie 1940 auch der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bei.

Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte sie einen Unfall erlitten, der ihr linkes Bein vier Zentimeter verkürzte. Hinzu kamen die Folgen einer früheren Krebsoperation, so dass sie ab 1939/40 immer wieder krank geschrieben wurde. Am 7. Dezember 1942, gerade einmal sechzigjährig, verstarb Li Fischer.


Susanne Abeck / FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.

Orte:

Duisburg-Hamborn

Literatur:

Li Fischer-Eckert: Die wirtschaftliche und soziale Lage der Frauen in dem modernen Industrieort Hamborn im Rheinland, neu herausgegeben und eingeleitet von Elisabeth und Ludger Heid, Duisburg 1986.

Sabine Hering:„Frühe“ Frauenforschung. Die Anfänge von Untersuchung von Frauen über Frauen, in: Ruth Becker/ Beate Kortendiek (Hg.): Handbuch der Frauen- und Geschlechterforschung, Wiesbaden 2008, S. 323-331. 

Dietlinde Linscheidt-Modersohn: Li (Fischer)-Eckert (1882-1942). Frauenrechtlerin und Pionierin der Sozialarbeit, in: Von Griet zu Emma. Beiträge zur Geschichte von Frauen in Duisburg vom Mittelalter bis heute, hrsg. v. Stadt Duisburg, Frauenbüro, Duisburg, 2000, S. 108-110.

Elisabeth Meyer-Renschhausen: Frauen in den Anfängen der empirischen Sozialforschung, in: Elke Kleinau/ Claudia Opitz (Hg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 2, Vom Vormärz bis zur Gegenwart, S. 354-372. 

Quellen: Stadtarchiv Düsseldorf, Bestand 0-1-3, Registratur I B Schulamt + Personalakte