Olga Eckstein, 1920-2000

Kunst- und Turmspringerin

Der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten wurde 2008/ 2009 zum Thema „Helden. Verehrt, verkannt, vergessen“ ausgelobt. Unter den 6.600 Schülerinnen und Schülern, die 1.831 Beiträge einreichten, befand sich auch Sarah Matern von der Christoph-Stöver-Realschule in Oer-Erkenschwick. Sie gewann einen Förderpreis mit ihrer Arbeit über die Kunst- und Turmspringerin Olga Eckstein.

Mit ihrer historischen Spurensuche hat Sarah Matern eine nahezu vergessene Person des öffentlichen Lebens in die lokale Traditionsbildung und Erinnerungskultur zurückgeholt: Ihre Arbeit regte als ein weiteres Ergebnis eine Ausstellung an, mit der sich Oer-Erkenschwick im Jahr der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 präsentiert und ihr Profil als Sportstadt weiter schärfen kann. Dabei hatte es Sarah Matern schwer, überhaupt eine Person aus der relativ jungen Geschichte der eigenständigen Stadt Oer-Erkenschwick zu finden, die sich zur Bearbeitung als „Heldin“ anbot: Weder ihrem direkten familiären Umfeld, noch dem obersten städtischen Vertreter fielen auf Anhieb Namen ein. Nur der Hartnäckigkeit von Sarah Matern und der ernsthaften Förderung ihres Erkenntnisinteresses durch Schule, Stadtarchiv und Lokal-Presse ist es zu verdanken, dass die Sportlerin Olga Eckstein wieder in das öffentliche Bewusstsein dringen konnte.

Olga Eckstein wurde in eine saarländische Familie hinein geboren, die dem Ruhrbergbau in die Region folgte. Entdeckt wurde Olga Eckstein 1935 im Alter von 15 Jahren bei einer Schul-Schwimmstunde im Oer-Erkenschwicker Hallenbad. Als die Klasse die Aufgabe bekam, vom 3-Meter-Brett zu springen, glitt sie so geschickt ins Wasser, dass der Leiter des Hallenbades und Schwimmtrainer Walter Bach auf sie aufmerksam wurde. Dieser Anfang einer Erfolgs-Geschichte verweist erstens darauf, dass sich die Kommune ein Hallenbad leistete, was in den schnell gewachsenen Städten der Bergbauregion nicht als selbstverständlich galt; zweitens verweist er darauf, dass dieses Hallenbad mit einem 3-Meter-Sprungturm ausgestattet war, auch dies war nicht selbstverständlich; und er setzte voraus, dass Schwimmen zum Schulsport gehörte.

Von nun an ging Olga Eckstein regelmäßig in den Sportverein SV Neptun, um unter Walter Bach zu trainieren. Bereits ein Jahr später wurde sie zu Vorbereitungslehrgängen des Deutschen Schwimm-Verbandes eingeladen. Zu den Trainingsstunden kamen immer wieder Neugierige, die die Sportlerin bei ihren faszinierenden Sprüngen beobachteten. Auf einer Internetseite der Stadt Oer-Erkenschwick erinnerte sich ein Zuschauer: „Sie war eine schöne Frau: Eine durchtrainierte frauliche Figur, das Gesicht wirkte von der Seite klassisch römisch, ihre dunkeln Augen zum schwarzen Haar ließen uns von ihr schwärmen.“

1937 erreichte Olga Eckstein den dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften im Turmspringen. 1939 in Hamburg, 1940 in Berlin, 1941 in Wien, 1942 in Hirschberg, 1943 in Erfurt und 1947 in Frankfurt holte sie jeweils Gold bei den Deutschen Meisterschaften. In den Jahren 1944, 1945 und 1946 fanden kriegsbedingt keine Wettbewerbe statt. Bei einem Länderwettkampf zwischen England und Deutschland im Jahre 1939 konnte Olga Eckstein die amtierende Europameisterin Slade im Turmspringen schlagen.

Weitere internationale Erfolge, vor allem die Teilnahme an Olympischen Spielen, blieben ihr wegen des Zweiten Weltkrieges verwehrt. 1952 versuchte sie – vergebens – eine Qualifikation für die Olympischen Spiele in Helsinki zu erreichen. Danach gab sie ihre aktive Karriere auf, widmete sich jedoch weiterhin der Vereins- und Jugendarbeit im SV Neptun. Sie brachte in VHS-Kursen älteren Menschen das Schwimmen bei. Die Stadt Oer-Erkenschwick verlieh ihr dafür die Goldene Ehrennadel.

Olga Eckstein war im Betriebsrat der Zeche Ewald Fortsetzung als Sozialberaterin angestellt. 1954 zog sie mit dem Boxer Günter Strangfeld zusammen, den sie bereits 1942 auf dem Bahnhof in Recklinghausen kennen gelernt hatte. Erst 1995 legalisierten sie ihre „wilde Ehe“ durch einen Trauschein. Kurz nach der Heirat erkrankte Olge Eckstein an schwerem, aggressivem Darmkrebs und fünf Jahre hoffte sie, die Krankheit zu überstehen. Am 9. März 2000 starb Olga Strangfeld–Eckstein. Der Schwimmverein Neptun Erkenschwick e.V. formulierte in seinem Nachruf: „Durch ihren Sport wusste sie, wann ein Wettkampf beendet ist.“

Sarah Matern forschte so intensiv über Olga Eckstein, dass sie am Ende das Gefühl hatte, sie noch persönlich gekannt zu haben. In ihrem „Fazit“ greift sie das Wettbewerbsthema noch einmal auf und schreibt: „Ich habe während der Erarbeitung dieses Projektes gelernt, dass ein Held nicht immer viel Geld haben oder weltberühmt sein muss, um ein Held zu sein. Ein Held kann für mich persönlich auch einfach eine Person mit einer starken Persönlichkeit sein, die vieles durchhalten musste und trotzdem nicht aufgegeben hat. Meiner Meinung nach kann jeder von uns für jemanden eine Heldenperson werden. Man muss Individualität beweisen und sich in nichts hineinreden lassen.“  

Uta C. Schmidt/ FRAUEN.ruhr.GESCHICHTE.

Orte:

Die Arbeit von Sarah Matern sowie Zeitungsausschnitte und Bilder zu Olga Eckstein sind im Stadtarchiv Oer–Erkenschwick einzusehen.

Literatur:

Matern, Sarah, Helden. Verehrt – Verkannt – Vergessen: Olga Hoffmann–Eckstein, unveröffentlichter Wettbewerbsbeitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2008/2009, [Oer–Erkenschwick], [2008/2009].