Maria Lucia von Nesselrode-Reichenstein, 1664–1748

Kloster- und Schulgründerin

Am 3. November 1698 ging für die Schwestern Maria Lucia und Maria Victoria Gräfinnen von Nesselrode-Reichenstein ein Traum in Erfüllung: Kurfürst Joseph Clemens von Köln unterzeichnete an diesem Tag die Gründungsurkunde eines von ihrem Vater, Franz Graf von Nesselrode-Reichenstein, kaiserlicher Kammerherr und Statthalter im Vest Recklinghausen, fundierten Klosters in Dorsten. Dass sich daraus die heute größte und wichtigste Bildungseinrichtung der Stadt mit nahezu 2.000 Schülerinnen und Schülern entwickeln würde, war damals sicher nicht abzusehen.

Eigentlich hatte alles recht bescheiden angefangen in Köln. Als erste war Lucia Therese, Ordensname Maria Lucia, 1682 als ältestes von acht Geschwistern im Alter 18 Jahren in das 1639 gegründete Ursulinenkloster eingetreten. Nach zwei Jahren legte sie am 6. Februar 1684 ihre feierliche Profess ab. Ihre jüngere Schwester Anna Wilhelmina alias Maria Viktoria folgte ein Jahr später.

Die jungen Frauen müssen von den Idealen dieser Ordensgemeinschaft, die Angela Merici 1535 in Italien gegründet hatte, begeistert gewesen sein, lernten sie hier doch etwas ganz anderes kennen als man von den alten Orden bis dahin gewohnt war. Angela Merici hatte etwas völlig Neues gewagt. Parallel zu den Jesuiten plante sie kein weltabgewandtes, kontemplatives Kloster, sondern schuf eine Gemeinschaft religiös gebundener Frauen, die – wie Angela selbst – mitten „in der Welt“ wirkten. Ihr Lebensmittelpunkt war Brescia gewesen, doch ihre Reisen hatten sie auch nach Mailand, Cremona, Jerusalem, Venedig und Rom gebracht. Sie war eine Frau gewesen, die beriet, vermittelte, Streit schlichtete, die zurückgezogen lebte und doch immer eine Frau der Öffentlichkeit war, die man aufsuchte, die sich einmischte, die begleitete und half. Ihrem großen Vorbild wollten die beiden Schwestern folgen und in Westfalen ein Kloster gründen, dessen Bewohnerinnen sich ganz der Erziehung und Bildung junger Mädchen widmeten.

Die Korrespondenz Maria Lucias, die zweifellos die treibende Kraft war, belegt ihr Drängen und ihr Engagement auch gegen die ablehnende Haltung des zunächst zuständigen Bischofs von Münster. In einem Brief an Domprobst Ferdinand von Plettenberg erläutert ihr Vater das Vorhaben seiner Töchter, das er jederzeit ideell und vor allem finanziell voll unterstützte. Wie seine Töchter habe auch er „wahrgenommen, daß so wohl hohe Stands alß haabselige Personen im Stifft Münster, wan sie ihre Döchter in der Andacht, guten Sitten, auch frantzösischer Sprach, Music und anderen den Frawen Zimmer anstehenden Exercitijs erziehen und üben lassen wollen, dieselbe weith außer Lands, nacher Lüttig, Rurmond, Düßeldorf, Cöllen, Bonn und andere entlegene Örter darumb schicken müßen, das [= weil] im gantzen Stift Münster dergleichen dazu qualificirte Geistliche nit gefunden werden [...].“

Nach mehreren gescheiterten Anläufen zu einer derartigen Neugründung in Alfeld bei Hildesheim, in der Stadt Münster und in Dülmen fand man schließlich in Dorsten, im Vest Recklinghausen an der Grenze zum Fürstbistum Münster gelegen, den geeigneten Ort. Als auch die Oberin des Kölner Ursulinenklosters ihre Zustimmung gegeben hatte, kaufte Franz Graf von Nesselrode-Reichenstein das „hohe Haus“, auf dessen Platz heute die Klosterkirche steht. Er ließ es nach den Wünschen seiner Töchter entsprechend den neuen Anforderungen herrichten.

Am 21. Januar 1699 kamen die Gründerinnen mit zwei weiteren Schwestern aus Köln, Maria Philippine von Zang und Maria Susanna von Erlenkamp, in Dorsten an. Das Weihnachtsfest hatten sie im Kreis der Familie auf Schloss Herten verbracht, wo die Mutter, Anna Maria Freiin von Wilich, sie ein letztes Mal standesgemäß bewirtet und umsorgt hatte, bevor sie in die Armut zogen.

Auf Karren folgte die kleine Aussteuer, die das Mutterhaus den Schwestern für den Neuanfang in Dorsten mitgegeben hatte. Das wichtigste Geschenk der Mutter Oberin in Köln, das Gnadenbild der „Mutter der Barmhertzigkeit“ wird noch heute im Kloster verehrt.

Noch in Köln hatten diese vier jungen Frauen, die von nun an einen eigenständigen Konvent bildeten, ihre zukünftige Oberin gewählt. Das Ergebnis verlangte Charaktergröße von beiden Schwestern. Denn entgegen allen Erwartungen wurde nicht die bis dahin engagierteste, Maria Lucia, sondern ihre eher stille jüngere Schwester Maria Viktoria zur ersten Oberin gewählt. Sie leitete das Institut knapp sechzig Jahre und starb „im Rufe der Heiligkeit“ am 18. Mai 1756, acht Jahre nach Maria Lucia.

Der Rat der Stadt Dorsten war anfangs keineswegs von der Errichtung eines neuen Klosters angetan, denn man befürchtete beträchtliche Einbußen, da geistliche Institutionen von Steuern befreit waren. Dass die adeligen Familien, die ihre Töchter ins Pensionat der Ursulinen schickten, viel Geld in die Stadt brachten und dass die städtische Wirtschaft dank der Ursulinen kräftig angekurbelt wurde, erkannte man erst viel später.

Bereits acht Tage nach Ankunft der Ursulinen begann man mit dem Unterricht in der Elementarschule, die von Mädchen aus der Stadt besucht wurde:„Und seindt die Kinder mit solcher Menge Uns zugeloffen, das wir alle 4 Uns bemühet denselben ein genügen zu geben“, heißt es in der Chronik.

Am 14. Februar 1699,„dem ersten Sambstag in der Fasten“, wurde das Pensionat, das vornehmlich adlige Mädchen aufnahm, eröffnet. Es hatte bereits im ersten Jahr 30 Schülerinnen. Der schnelle Erfolg zeigte, wie stark das Bedürfnis nach moderner Mädchenerziehung war. Denn das neue Erziehungsinstitut fand sowohl beim Adel der nahen und weiteren Umgebung als auch bei den Bürgerfamilien der größeren und kleineren Städte regen Zuspruch. Bald kamen sogar Zöglinge aus Potsdam, Mannheim, Bruchsal, und Mainz, aus Mecklenburg, Hamburg, Bremen und Altona. Wegen der vielen Mädchen aus den Niederlanden nannte man Dorsten bald das „Amsterdam an der Lippe“.

Zusätzliche Gebäude wurden dringend gebraucht: Für den Erweiterungsbau des Klosters, den östlichen Flügel, stellte der Vater der Stifterinnen die Mittel bereit. Der Erzbischof/Kurfürst von Köln unterstützte den Neubau der 1707 begonnenen Kirche, die 1739 geweiht wurde, finanziell. Seinen Abschluss erhielt der ganze Klosterbau durch die 1755 begonnene Anlage des dreistöckigen westlichen Flügels, des sogenannten Pensionats.

Die Erziehung war streng reglementiert: Die Mädchen wohnten mit den Nonnen im abgeschlossenen Bezirk der Klausur. Besuch empfingen sie wie die Ordensfrauen hinter dem Klostergitter im Sprechzimmer. Einmal im Jahr durften sie nach Hause fahren.

Doch bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts änderten sich unter dem Einfluss der Aufklärung die Vorstellungen von Bildung und Erziehung. Sowohl die Zahl der Nonnen als auch die der Pensionärinnen ging drastisch zurück. Als 1817 nur noch sieben Schwestern in Dorsten lebten, wurde das Pensionat geschlossen. Das Ende schien erreicht. Doch zwei Jahre später konnte man wieder einen Neubeginn wagen, als fünf Novizinnen kamen. Es ging wieder aufwärts – bis zum Kulturkampf: Am 5. Januar 1876 erhielt die Oberin den Auflösungsbescheid, der mit einer Ausweisung verbunden war. Die Dorstener Ursulinen – 26 Schwestern und fünf Novizinnen – fanden in dem kleinen Städtchen Weert nahe Roermond eine Bleibe, nachdem sie, um den Zugriff des Staates auf ihren Besitz zu verhindern, diesen auf die gräfliche Familie Nesselrode in Herten übertragen hatten.

Schneller als erwartet fand der Kulturkampf ein Ende, und die Dorstener wünschten sich „ihre“ Ursulinen zurück. Im April 1887 schrieb der Magistrat nach Weert:„Seit Jahren entbehren wir mit unseren Mitbürgern die wohltätigen Einflüsse, die durch das hiesige Ursulinenkloster namentlich unserer weiblichen Jugend zugeführt wurden. Aber auch in pekuniärer Beziehung hat eine große Anzahl Handwerker und Gewerbetreibende schmerzhaft die Aufhebung des Klosters empfunden. Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß Ew. Hochwürden recht bald Anordnungen treffen mögen, die Überführung der Genossenschaft nach hier zu bewerkstelligen usw.“

Im Juni 1888 kehrten die Ursulinen zurück, Kloster, Pensionat und Schule nahmen einen rasanten Aufschwung. Seit 1904 gab es sogar ein Lehrerinnenseminar. Nun änderte sich auch die soziale Zusammensetzung, denn es kamen Kinder aus allen Ständen, und die Zahl der Schülerinnen wuchs unaufhörlich.

Obwohl die Dorstener Ursulinen den Nationalsozialisten trotzen konnten, folgte diesem Aufschwung ein baldiges Ende: Trotz der Markierung durch ein riesiges Rotes Kreuz auf dem Dach wurden Kloster und Pensionat am 22. März 1945 durch amerikanische Bomben in Schutt und Asche gelegt. Die Kirche wurde völlig zerstört. Zum dritten Mal in ihrer Geschichte standen die Dorstener Ursulinen vor dem Aus – doch abermals ließen sich die Nonnen nicht entmutigen: Schon 14 Tage später begann der Wiederaufbau.

Die neue Klosterkirche wurde am 14. September 1959 eingeweiht. 1971 erhielt die Realschule ein neues Gebäude auf dem klostereigenen Gelände „Nonnenkamp“ am Stadtrand. Ein Jahrzehnt später, 1982, konnte das Gymnasium ebenfalls einen Neubau beziehen. Die Schulen der Ursulinen in Dorsten sind heute gefragter denn je und haben weit über tausend Schülerinnen und Schüler.

Ute Küppers-Braun/ Essen

http://www.lwl.org/LWL/Kultur/fremde_impulse/projekt/fremde_impulse/

Orte:

Ursulastraße 12, 46282 Dorsten

 

Literatur:

Hopmann, M. Maria Victoria, O.S.U., Geschichte des Ursulinenklosters in Dorsten, Münster 1949.

Küppers-Braun, Ute, Frauen greifen ein. Alpen und Dorsten im Zeitalter der Konfessionalisierung, in: Harzenetter, Markus/ Hauser, Walter/ Mainzer, Udo/ Zache, Dirk (Hg.), Fremde Impulse – Baudenkmale im Ruhrgebiet, Aufsatzband, Münster 2010 (im Druck, mit weiterführender Literatur und Quellennachweisen).

Siehe auch die webside FREMDE IMPULSE unter http://www.lwl.org/LWL/Kultur/fremde_impulse/projekt/fremde_impulse/