Liebetraut Rothert, 1909 – 2005

Als Redakteurin der Werkszeitschrift "Die Grubenlampe" arbeitete sie auf der Zeche Hannover und erforschte "nebenbei" die Herkunft der Belegschaften. Ein Glücksfall für das LWL-Industriemuseum und sein künftiges Forum für Migration.

Liebetraut Rothert wurde am 27. Oktober 1909 in Marienwerder/Westpreußen geboren. Aufgewachsen ist sie im niedersächsischen Bersenbrück, wohin die Familie 1911 umzog, weil ihr Vater, der unter anderem als Historiker bekannt gewordene Hermann Rothert, zum Landrat ernannt worden war. Ihr Abitur machte sie 1930 in Münster am Oberlyzeum. Anschließend studierte sie in Breslau, Wien und Tübingen Germanische Ur- und Frühgeschichte, Geologie und Kunstgeschichte mit dem Ziel, in der Museumsbranche tätig zu werden. 1935 promovierte sie über „Die mittlere Steinzeit in Schlesien. Die Feuersteingeräte und ihre Einordnung.“ Kurzzeitig arbeitete sie in Berlin unter dem bekannten Archäologen Hans Reinerth, dessen Rolle im Dritten Reich höchst umstritten ist. 1938 gelang ihr der Absprung in das neu gegründete Landesamt für brandenburgische Bodendenkmalpflege, wo sie nach Einberufung der männlichen Mitarbeiter in den Krieg die gesamte Arbeit allein erledigte. Nach der Heirat zog sie zu ihrem Mann Erich Gahrau nach Cottbus, wo sie von 1942 bis 1945 das Niederlausitzische Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte leitete. „Nebenbei“ brachte sie zwei Kinder zur Welt, einen Sohn und eine Tochter.

Als Dresden 1945 bombardiert wurde, machte sie sich mit den Kindern auf den Weg nach Lippstadt zu Verwandten. Ende August kehrte ihr Mann heim, im Jahr darauf erblickte ihr drittes Kind, ein Sohn, das Licht der Welt. Ende 1948, als die Ehe scheiterte, zog Rothert nach Münster ins elterliche Haus. Sie übernahm Schreibdienste, „dachte mit“, tippte mit drei Fingern Doktorarbeiten und erwirtschaftete so ein karges Einkommen. Zudem übernahm sie vermehrt Stadtführungen.

Durch diese Tätigkeit bekam sie rein zufällig Verbindung zum Bergbau: Eine Gruppe von Berglehrlingen der Krupp-Zechen Hannover und Hannibal machte einen Sonntagsausflug nach Münster und wurde von ihr durch die Stadt geführt. Sie kam mit dem Begleiter der Gruppe ins Gespräch und erfuhr von der Werkszeitschrift Die Grubenlampe und davon, dass der Schriftleiter Dr. Schrage sein Amt aufgab. „So, sag ich, dann können Sie ja mich dafür nehmen.“ Sie wurde beim Wort genommen. 1953 erschien im Impressum der Mai/Juni-Ausgabe der Werkszeitschrift erstmals der Name Liebetraut Rothert.

Der Zeche verdankte sie nicht nur einen festen Arbeitsplatz mit regelmäßigem Einkommen, sondern auch bald eine geräumige Wohnung auf der Magdeburger Straße in Eickel. 1953 zog sie dort mit ihren drei Kindern ein. „Ich wusste von Kohle nur, das sie unter der Erde liegt,“ so Rothert. Sie machte sehr viele Grubenfahrten mit, um den Betrieb und die Betriebsabläufe zu studieren. Schon bald stand sie in dem Ruf, „den gesamten Heise-Herbst auswendig zu können“, ein Buch der Bergbaukunde. Bis Ende 1959 war sie als Schriftleiterin für die Werkszeitschrift „Die Grubenlampe“ tätig, deren Erscheinen mit der Umstrukturierung des Krupp-Konzerns 1960 eingestellt wurde. Sie lernte unter anderem den bekannten Fotografen Albert Renger-Patzsch kennen und die Industriefotografin Ruth Hallensleben. Beide arbeiteten für sie. Rothert warb Autoren an, überarbeitete Aufsätze, übersetzte und verfasste selbst zahlreiche Beiträge.

Zu Rotherts Aufgaben gehörte auch die Leitung der Werksbücherei, in der die Belegschaft Fachliteratur und Unterhaltsames ausleihen konnte. Sie richtete zunächst 1954 auf der Zeche Hannover, später auch auf anderen Krupp-Zechen entsprechende Räumlichkeiten ein. Hinzu kam die Leitung der Werksfürsorgestelle, die sich um die Nöte der Bergleute und ihrer Familien kümmerte. Sie sprach mit den Leuten, hörte zu, lernte ihre Probleme kennen. „Das war ein Schatz“, sagte sie, „den ich bei den Arbeiten über die Belegschaften mit unter gestrickt habe.“

Inspiriert durch Wilhelm Brepohl, den sie persönlich kannte, begann sie „nebenbei“ mit ihren Detailstudien über die Herkunft, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Belegschaften der miteinander markscheidernden Schachtanlagen Hannover, Hannibal und Königsgrube. Für die Zeche Königsgrube wies Rothert 1955 erstmals auf gesicherter Grundlage nach, woher die Bergarbeiter stammten.

Als die Zeche Hannover 1973 stillgelegt wurde, war Liebetraut Rothert bereits im „Ruhestand“ und arbeitete intensiv an ihrer Monographie über „Umwelt und Arbeitsverhältnisse von Ruhrbergleuten in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, dargestellt an den Zechen Hannover und Hannibal in Bochum.“ Sie erschien 1976 in der Schriftenreihe des heutigen LWL-Instituts für Regionalgeschichte. Alfried Hartlieb von Walthor, ehemaliger Leiter des Instituts, benennt in seinem Vorwort die Qualitäten Rotherts: „Ihre die Heimat- und Volkskunde, die Betriebs-, Kultur- und Familiengeschichte ausschöpfende Forschungs- und Redaktionsarbeit vermittelt ihr eine eingehende Kenntnis des Milieus. Kritische Wertung der Quellen, einfühlende Charakterisierung der Menschen, Engagement und Farbigkeit der lebendig geschriebenen Darstellung resultieren daraus.“ Systematisch wertete Rothert die überlieferten Aktenbestände der Zechen Hannover und Hannibal aus. Heute befinden sich diese Unterlagen sowie auch persönliche Manuskripte im Bergbau-Archiv Bochum, ein Teil ihres privaten Nachlasses im Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund.

"Wiederentdeckt" wurden inzwischen auch die archäologischen Arbeiten Rotherts. Henny Piezonka hat die Forschungsgeschichte der Archäologie in Brandenburg aufgezeichnet und ist dabei auf die fast vergessenen Spuren Rotherts gestoßen. „Nach ihren frühen, fundierten Forschungen zum Mesolithikum hat Rothert die brandenburgische Bodendenkmalpflege in den Jahren von 1938 bis 1945 entscheidend gestaltet und dabei die Arbeitsgrundlagen für die heute wirkenden Institutionen maßgeblich mitgeschaffen.“

Ihren Lebensabend verbrachte Liebetraut Rothert in Münster. Sie starb am 23. Juli 2005.

Vera Steinborn/ LWL-Industriemuseum

Orte:

LWL-Industriemuseum Zeche Hannover, Günnigfelder Straße 251, 44793 Bochum

 

Literatur:

Pienzonka, Henny,  Liebetraut Rothert, in: Kümper, Hiram (Hg.), Historikerinnen. Eine biobibliographische Spurensuche im deutschen Sprachraum. Schriften des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Band 14, Kassel 2009, S. 183-187.